Kohleausstieg jetzt beginnen - Vier Forderungen an die Politik

Stellungnahme von Dr. Richard Böger, Vorstandsvorsitzender der Bank für Kirche und Caritas

Februar 2018

Der Klimawandel kann nur gestoppt werden, wenn es gelingt, die CO2-Emissionen weltweit deutlich zu verringern. Deutschland hat sich deshalb verpflichtet, die klimaschädlichen Emissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Tatsächlich sind aber die Emissionen von Treibhausgasen seit 2009 nicht mehr gesunken und verharren bei etwa 900 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalenten. Das Ziel von 750 Millionen Tonnen im Jahr 2020 wird aller Voraussicht nicht mehr erreicht.

Wie konnte dies passieren, obwohl im gleichen Zeitraum der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch von 18 Prozent in 2010 auf fast 32 Prozent in 2016 angestiegen ist? Dies liegt daran, dass die Erneuerbaren zunächst den Strom aus Kernkraftwerken ersetzt haben, was sich bis 2022, dem Endpunkt des Atomausstiegs, auch so fortsetzen wird. Deutschland wird deshalb seine CO²-Emissionen in den nächsten Jahren weniger reduzieren als Länder, die schnell aus der Kohle aussteigen und dafür die Kernenergie weiter ausbauen. Ein Beispiel für diesen Effekt ist etwa Großbritannien.

Schmutzige Kraftwerke aus dem Verkehr ziehen

Trotzdem kann und sollte Deutschland auch jetzt mehr tun, um zumindest die schmutzigsten Kraftwerke aus dem Verkehr zu ziehen. So erzeugt ein Braunkohle-Kraftwerk mit 1.150 g CO² pro Kilowattstunde deutlich mehr Emissionen, als ein Steinkohle-Kraftwerk mit 950 g oder ein Erdgas-Kraftwerk mit 430 g. Ziel sollte es daher sein, in den nächsten Jahren zunächst die Braunkohle-Kraftwerke abzuschalten, bevor zu einem späteren Zeitpunkt die Steinkohle durch Erneuerbare oder Gas-Kraftwerke ersetzt wird.

Bevor mögliche politische Schritte zur Erreichung dieses Zieles vorgestellt werden, soll zunächst ein Zielbild für die Stromerzeugung des Jahres 2035 entworfen werden. Während im Jahr 2016 noch 50 Prozent des Stroms durch Braun-, Steinkohle und Kernenergie erzeugt wurde, wird dieser Anteil bis 2035 auf null Prozent abgesunken sein. Der Anteil der Erneuerbaren wird von 32 Prozent auf etwa 70 Prozent angestiegen sein, was bedeutet, dass deren Ausbau wie im letzten Jahrzehnt fortgesetzt wird.

Gas wird wichtiger für Stromproduktion

Im Jahr 2035 werden dann etwa 30 Prozent unseres Stroms von effizienten Gaskraftwerken erzeugt, deren Aufgabe auch die Sicherstellung der Grundlast ist. Gas wird somit bei der Stromproduktion in Zukunft eine deutlich größere Rolle spielen als heute. Wir brauchen deshalb eine flexible und leistungsfähige Gas-Infrastruktur, zumal Erdgas auch zunehmend durch Biogas oder Gas aus Strom (power-to-gas) ersetzt werden kann.

Welche politischen Schritte sind erforderlich, um diese skizzierte Umgestaltung des Stromsektors zu fördern und zu beschleunigen. Ich sehe hier insgesamt vier zentrale Punkte:

1. Erhalt des EEG (Erneuerbare Energien Gesetz):

Solange der Ausbau der Erneuerbaren bis etwa 2035 in dem heutigen Tempo fortgesetzt wird, brauchen Investoren Absatz- und Preissicherheit für einen langen Zeitraum. Der eingeführte Auktionsmechanismus wird zu weiter sinkenden Einspeisevergütungen führen, so dass die Preis- und Absatzgarantien keine wirtschaftliche Belastung für den Strommarkt darstellen.

2. Einführung einer nationalen CO2 Abgabe:

Der EU-Emissionshandel hat die bisherigen Erwartungen zur CO² Reduktion nicht erfüllt. Der Preisverfall für Emissionsberechtigungen ab 2011 auf etwa sieben Euro hat dazu geführt, dass kaum eine Steuerungswirkung erreicht wird. So wurden in Deutschland in den letzten Jahren CO²-arme Gas-Kraftwerke stillgelegt, während billige Braunkohle verfeuert wurde. Die CO² Abgabe sollte mindestens so hoch sein, dass der Preisunterschied zwischen Braunkohle und Erdgas mehr als ausgeglichen wird, so dass es wirtschaftlich wird, Gas-Kraftwerke zu betreiben und neue Gas-Kraftwerke zu bauen.

3. Einführung von Kapazitätsmärkten:

Bei hoher Sonneneinstrahlung und/oder viel Wind kommt es immer wieder zu Situationen, dass die komplette Stromnachfrage durch die Erneuerbaren gedeckt wird. Konventionelle Kraftwerke werden dann heruntergefahren und erzielen keine Umsätze. Je höher der Anteil der regenerativen Energien ist, desto öfter werden solche Situationen eintreten, so dass die Wirtschaftlichkeit der Grundlast-Kraftwerke in Gefahr ist. Die Einführung von Kapazitätsmärkten löst dieses Problem. Hier erhalten Kraftwerke für die Bereitstellung ihrer Kapazitäten eine Vergütung, unabhängig davon, ob sie tatsächlich Strom produzieren. Werden die Preise für das Vorhalten von Kapazitäten in Auktionen ermittelt, kann sichergestellt werden, dass nur die günstigsten Kraftwerksanbieter für das Bereitstellen ihrer Kapazitäten vergütet werden und die Stromverbraucher nicht zu viel bezahlen.

4. Stromspeicherung durch „power-to-gas“:

Strom wird nicht nur dann benötigt, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. Je höher der Anteil der Regenerativen ist, desto wichtiger sind Stromspeicher, damit Strom jederzeit verfügbar ist. Bei starker Sonneneinstrahlung und viel Wind wird mehr Strom produziert, als verbraucht wird. Dieses Stromüberangebot führt aktuell zu negativen Strompreisen, verbunden mit hohem Stromexport. Teilweise wird bei Netzüberlastung auch die Aufnahme des Stromes verweigert. Diese Situationen werden sich in Zukunft immer häufiger ergeben. Die Aufnahme des Stromes in Batteriespeichern ist nur für Stunden oder Tage sinnvoll. Ich halte die Umwandlung des überschüssigen Stroms in Gas für die sinnvollere Lösung. Das Gas kann in die bestehenden Gasnetze eingespeist werden, problemlos gespeichert und zum Heizen oder zur Stromproduktion verwendet werden.

Der verstärkte Einsatz dieser Technologie wird zurzeit durch die aktuelle Gesetzeslage gehemmt. So müssen die Anlagen bisher noch Letztverbraucherabgaben entrichten, was unsinnig ist. Um die Erstellung von power-to-gas-Anlagen zu unterstützen, wären auch ein Einspeiserecht in die Gasnetze und ein fester für viele Jahre garantierter Abnahmepreis sinnvolle Förderinstrumente. Diese im EEG bewährte Methode würde auch hier zu zunehmenden Investitionen führen und in wenigen Jahren mit geringen Kosten eine dauerhafte Speicherung des Stroms ermöglichen.

Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika LAUDATO SI´ politische Programme zur Reduzierung des Ausstoßes von Kohlendioxid angemahnt. Der Ausstieg aus der Verbrennung von Kohle zur Stromerzeugung ist hierfür ein zentraler Baustein. Auch Deutschland sollte sich zügig dieser Herausforderung stellen. Bei richtiger politischer Weichenstellung halte ich einen Kohleausstieg bis 2035 für problemlos machbar.