Der Konjunkturbericht wird in Zusammenarbeit mit MAKROSKOP – Magazin für Wirtschaftspolitik erstellt.

Dezember 2020

Das dritte Quartal endet für Deutschland und Europa mit einer verhaltenen konjunkturellen Entwicklung. Auftragseingänge und Produktion haben in weiten Teilen noch immer nicht das Niveau vor der Coronakrise erreicht. Sorgen macht auch der Arbeitsmarkt im Schatten des neuen Lockdowns.

Staatshilfen und Kurzarbeitergelder haben verhindert, dass die Folgen des harten Lockdowns zwischen März und April hart und direkt auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen sind. Unabhängig davon stieg die Arbeitslosigkeit, aufgrund der Spätfolgen des ersten Lockdowns, fünf Monate in Folge, wenn auch im Verhältnis zum historischen wirtschaftlichen Einbruch sehr moderat. (Das hat statistische Gründe.) Im September liegt sie nun saisonbereinigt im Euroraum unverändert bei 8,3 %. Die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum liegt bei 17,6 %.

Gemäß Schätzungen von Eurostat waren im September 2020 etwa 13,6 Millionen Personen im Euroraum arbeitslos. Gegenüber August 2020 stieg die Zahl der arbeitslosen Personen um 75.000.

In Frankreich dagegen stieg die Arbeitslosigkeit laut Eurostat im September erneut von 7,5 % auf jetzt 7,9 %. Wenig zuverlässig waren in der Vergangenheit die Zahlen aus Italien. Im Juli schnellten die offiziellen Arbeitslosenzahlen wie berichtet auf 9,8 % hoch, im August soll es dort – als einziges Kernland – wieder einen leichten Rückgang auf 9,7 % gegeben haben; auch im September ist laut Schätzungen der Statistikbehörde die Quote erneut auf nun 9,6 % gesunken.

In Deutschland verharrt die Arbeitslosenquote unverändert bei 4,5 % im August. Um international vergleichbare Daten zu haben, verwendet Eurostat sogenannte harmonisierte Arbeitslosenquoten. Aus methodischen Gründen fällt dabei die deutsche Quote regelmäßig geringer aus als die amtlichen Angaben der Bundesagentur für Arbeit. Der deutsche Sachverständigenrat spricht von einem »resilienten« Arbeitsmarkt. Will man aber ein ungeschminktes Bild der Lage sehen, muss man die Zahl der Kurzarbeiter zusätzlich zur Zahl der Arbeitslosen berücksichtigen.

So geht nach Angaben des Ifo-Instituts die Kurzarbeit in Deutschland zwar weiter zurück. Demnach waren im September nur noch 3,7 Millionen Menschen in Kurzarbeit – nach 4,7 Millionen im August und 5,9 Millionen im April. Damit sind aber die Erschütterungen auf dem Arbeitsmarkt wesentlich größer als der zur Zeit der Finanzkrise 2008 / 2009.

Rechnet man die Zahlen der beschäftigungsäquivalenten Kurzarbeit mit in die Zahl der Arbeitslosen ein, ergibt sich für das zweite Quartal 2020 eine Arbeitslosenquote, die mehr als doppelt so hoch ist wie die internationale amtliche Quote von 4,2 %, nämlich eine Quote von 9,1 %, so der Befund von Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker.

Der Anteil der Kurzarbeiter bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten insgesamt entspricht 11 %. Wesentlich höher ist der Anteil der Kurzarbeit in der Industrie. Im verarbeitenden Gewerbe waren im September schätzungsweise noch 1,47 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Das entspricht einem Anteil von 21 % aller Beschäftigten. Allein in der Metallindustrie und im Maschinenbau sind es 31 % bzw. 29 %.

Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe noch unter Vorkrisenniveau

Das hier und jetzt spielt sich im November ab: steigende Infektionszahlen und ein Lockdown-Light bis mindestens Ende des Monats. Der Blick auf die Konjunktur ist aber stets rückwärtsgewandt, ein Blick, in dem die Gegenwart noch nicht abgebildet ist. Und so ist der reale (preisbereinigte) Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes im September 2020 von einer leichten Erholung geprägt. Saison- und kalenderbereinigt lag er um 0,5 % höher als im August.

Damit ist das Niveau des Vorjahresmonats September 2019 aber noch immer noch nicht erreicht. Kalenderbereinigt gab es einen Rückgang um 1,9 %. Im Vergleich zu Februar, dem Monat vor dem Beginn der ersten Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland, war der Auftragseingang im September saison- und kalenderbereinigt sogar um 2,6 % niedriger. Auch dass die Aufträge für die Hersteller von Investitionsgütern im September um 2 % zurückgegangen sind, ist kein gutes Zeichen.

Der Anstieg der Auftragseingänge gegenüber August ist diesmal ganz dem Inland zu verdanken, hier stiegen die Aufträge um 2,3 %. Die Auslandsaufträge verringerten sich hingegen um minus 0,8 %.

Die sinkenden Auftragseingänge aus dem Ausland liegen vor allem im Einbruch der Eurozone begründet - minus 6 %. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen dagegen um 2,7 %. Wie sich hier der Oktober und November bemerkbar machen werden, in der mehrere Weltregionen wieder vor zweiten Lockdowns stehen, lässt sich nur erahnen.

Auftragslage der Industrie hellt sich auf, der Maschinenbau darbt

Auch die Auftragslage für die meisten Industriesektoren hellt sich im September weiter auf. Bis auf den Maschinenbau – hier ergab sich ein Rückgang von 3,7 % – zogen die Auftragseingänge zum fünften Mal in Folge an.

Das gilt auch für die größte Branche des verarbeitenden Gewerbes, die Automobilindustrie. Im September nahm der Auftragseingang mit 5,1 % deutlicher zu als noch im August. Damit liegt die Branche nun 5,8 % über dem Vorkrisenniveau von Februar.

Der Rückschlag für den deutschen Maschinenbau, der noch im August einen kräftigen Zuwachs von 11,4 % verbuchen konnte, dürfte auf den Einbruch der Auftragseingänge aus der Eurozone zurückzuführen sein. Etwa 60 % der Umsätze erwirtschaftet der deutsche Maschinenbau im Ausland und war seit der Corona-Krise vom Rückgang der internationalen Nachfrage besonders hart getroffen. Damit liegen die Auftragseingänge im Maschinenbau um 8,2 % niedriger als im Februar.

Deutsche Industrieproduktion in schlechterer Verfassung…

Der Produktionsindex des produzierenden Gewerbes ist seit Mai stetig gestiegen, ohne jedoch in Reichweite des Vorkrisenniveaus zu kommen. Im August gab es einen kleinen Rückschlag, im September stieg die Produktion wieder um 1,6 % an. Doch nach wie vor ist das Vorkrisenniveau nicht erreicht. Auch im Vergleich zum Vorjahresmonat September 2019 ist die Produktion saison- und kalenderbereinigt um minus 7,3 % gesunken.

Auch die Industrieproduktion (produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) ist im September um 2 % gestiegen. Innerhalb der Industrie nahm die Produktion von Vorleistungsgütern um 3,3 % zu. Bei den Konsumgütern stieg die Produktion um 3 %, bei den Investitionsgütern um 2,2 %.

Deutschlands Bauproduktion hat im September ebenfalls Boden gut gemacht, diesmal um 1,5 %. Damit konnte die deutsche Bauwirtschaft den Rezessionspfad, den sie seit März beschreitet, vorerst verlassen.

Insgesamt ist damit zwar eine weitere Verschärfung der Rezession vorerst abgewendet, die schon 2017/2018 die deutsche Industrie erfasst hatte. Die Daten zeigen aber auch, dass die Investitionstätigkeit und die von ihr abhängigen Wirtschaftsbereiche nach wie vor in einer schlechten Verfassung sind. Die Produktion von Investitionsgütern hatte im Aufschwung vor dem Corona-Schock im November 2017 in der Spitze ein Niveau ihres Index von 109 erreicht. Im Februar 2020 war die Produktion wegen der vorangegangenen Rezession schon auf 98 gesunken. Für das dritte Quartal ergibt sich ein Wert von knapp 86. Was nichts anderes heißt, als dass die deutsche Schlüsselindustrie derzeit auf einem Niveau produziert, das um 20 Prozent unter dem liegt, das sie vor drei Jahren erreicht hatte.

Und angesichts neuer, rekordverdächtiger Infektionszahlen und des zurückgekehrten Gespenst des Lockdowns in Europa mutet schon die verhaltene Prognose des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus den Vormonaten – dass die deutsche exportabhängige Produktion frühestens im nächsten Jahr auf Vor-Corona-Niveau gehoben wird – mittlerweile sehr optimistisch an.

…als der Rest der EWU

Verglichen mit den anderen Ländern der EWU liegt Deutschland bei der Industrieproduktion auf dem letzten Platz. Während Italien und Frankreich schon fast wieder einen Indexstand von 100 erreicht haben, liegt Deutschland noch fast zehn Prozent darunter.

Doch auch für die europäische Industrie steht es nicht zum Besten. Im September ist die Erholung endgültig zum Erliegen gekommen. Schon im August stieg die saisonbereinigte Industrieproduktion im Euroraum nur noch um 0,6 %. Im September ging sie im Vergleich zum Vormonat wieder um 0,4 % zurück. Der Übergang in die Stagnation setzt damit zu einem Zeitpunkt ein, indem die Industrieproduktion immer noch um minus 6,8 % unter dem Vorjahr liegt und in vielen europäischen Staaten ein zweiter Shutdown vor der Tür steht.

Unter den Kernländern ist es diesmal Italien, dessen Industrieproduktion nach einem deutlichen Zuwachs von 7,7 % im August um 5,6 % einsackte. Damit liegt die Produktion im Stiefel, die es im August kurzeitig über den Index schaffte, wieder darunter und unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020.

An der insgesamt schlechten konjunkturellen Lage ändern auch die leichten Zuwächse in Frankreich nichts. Dort stieg die Industrieproduktion um 1,5 % und damit sogar etwas stärker als im Vormonat.

Damit bestätigt sich das Bild einer ››wurzelförmigen‹‹ konjunkturellen Entwicklung: Nach dem dramatischen Einbruch im April und Mai, folgte eine rasante Erholung, die dann in die zweite Phase einer sehr langsamen Normalisierung übergeht und jetzt sogar weiter verzögert werden könnte. Mit anderen Worten: Im dritten Quartal gab es trotz einer deutlich beruhigten Corona-Lage keinen Fortschritt mehr. Eine Rückkehr zu dem Niveau vom Februar ist nicht in Sicht. Man muss weiterhin von einer sehr schweren Rezession in der EWU sprechen.

Bauproduktion Europa

Die europäische Bauproduktion bewegt sich weiter unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Laut ersten Schätzungen von Eurostat sank sie im September im Euroraum um 2,9 %. Gegenüber September 2019 ging die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um minus 2,7% zurück.

Das gilt auch für Frankreich, eines der Länder, in dem die Bauwirtschaft im August noch einen der stärksten Zuwächse unter den Mitgliedstaaten verzeichnen (7,6 %) und das Niveau des Vorjahresmonats August 2019 erreichen konnte. Hier brach die Produktion im September wieder regelrecht ein: minus 8,4%.

Einzelhandel: der Lockdown-Light wirft seinen Schatten

Der Einzelhandel ist der einzige Bereich, der sich von den Folgen des ersten Lockdowns bereits gänzlich erholen konnte und im August einen neuen Spitzenwert erreichte. Doch auch hier ebbt die Konjunktur ab. Im September musste der Einzelhandel wieder Einbußen hinnehmen. Hier machen sich mehr als in anderen Absatzstufen die Vorboten neuer Einschränkungen bemerkbar, die den Einzelhandel immer besonders hart und unmittelbar treffen. Entsprechend sank das saisonbereinigte Absatzvolumen gegenüber August laut Schätzungen von Eurostat im Euroraum um 2 %. Noch liegt der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex aber über dem Vorkrisenniveau.

Am stärksten betroffen war die Textil- und Bekleidungsbranche (minus 7,6 %). Aber auch der Versand- und Interneteinzelhandel, der im August noch mehr als alle anderen Sparten um 12,4 % zulegen konnte, verlor im September deutliche 5,5 %.

Frankreich, im August Einzelhandelsweltmeister, musste im September einen Rückgang im Absatzvolumen von minus 4,5 % hinnehmen. Auch Deutschlands Absatzvolumen, das im August einen neuen Höchstwert seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht hatte, geht um minus 2,2 % zurück. Der abgehängte italienische Einzelhandel nähert sich mit einem Rückgang von 0,3 % wieder dem Index an.

Preise nach wie vor niedrig

Der Deflationsdruck in der Eurozone hat im vorerst um wenige Bar abgenommen. So stiegen die Erzeugerpreise in der Industrie im Euroraum wie schon im August auch im September erneut leicht an, diesmal um 0,3 %, liegen aber weiter jenseits der Zielinflationsrate der EZB. Das zeigt sich im Jahresvergleich: Die Veränderungsrate der Erzeugerpreise gegenüber September 2019 liegt immer noch bei minus 2,4 %. Ohne den Energiesektor sind Erzeugerpreise in der Industrie im September unverändert. Keine Veränderungen dagegen bei den Verbraucherpreisen, der Index lag sowohl im September als auch im Oktober bei minus 0,3 %.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut Statistischem Bundesamt (Destatis) im Oktober 2020 bei -0,2 %. Damit war sie zum dritten Mal in diesem Jahr leicht negativ (Juli 2020: -0,1 %, September: -0,2 %). Eine niedrigere Rate wurde zuletzt im Januar 2015 mit -0,3 % beobachtet. Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vormonat September 2020 leicht um 0,1 %.

Als Grund für die negative Inflationsrate wird die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze angegeben, die als eine Maßnahme des Konjunkturpakets der Bundesregierung zum 1. Juli 2020 umgesetzt wurde. Allerdings dürfte auch der coronabedingte Druck auf die Löhne in Form des Kurzarbeitergeldes eine Rolle für den kaum abnehmenden Deflationsdruck in Deutschland spielen.

Völlig offen ist die Frage, wie Deutschland nach dem Ende der Corona-Rezession wieder auf einen Wachstumspfad kommen soll. Die Wirtschaftsinstitute und der Sachverständigenrat gehen davon aus, dass sich die deutsche Wirtschaft nach dem Ende des Corona-Schocks wieder fangen und weiter wachsen werde. Dass es schon seit der Jahreswende 2017/2018 eine rezessive Entwicklung gab, wird dabei ebenso wenig problematisiert wie die Tatsache, dass die Entwicklung der Arbeitseinkommen durch den Corona-Schock einen massiven Dämpfer bekommen hat und sich auch in den nächsten beiden Jahren nicht erholen wird.

Juli 2020

Die Corona Pandemie hat die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt. Zwar geht es wieder aufwärts, aber der Weg der weiteren Konjunktur bleibt ungewiss. Aktuelle und präzise Informationen über die Konjunkturlage in Deutschland und Europa sind wichtiger denn je. Die Bank für Kirche und Caritas eG hat sich deshalb entschieden, die Konjunkturberichterstattung deutlich auszubauen und legt hier erstmals eine ausführliche Konjunkturberichterstattung vor. Es ist vorgesehen, einen Bericht in dieser Qualität zukünftig im Zwei-Monats-Rhythmus zu liefern.

Der Sturz der deutschen Konjunktur ist beendet. Auftragseingänge und Produktion erholen sich im Mai allerdings nicht wie erhofft. Ebenso zieht die europäische Produktion wieder an, doch Sorgen bleiben – auch auf dem Arbeitsmarkt.

Noch wirken sich die Corona-Einschränkungen relativ geringfügig auf die Arbeitslosigkeit aus. Zumindest laut offizieller Zahlen. Von 7,3 % im April auf 7,4 % im Mai ist die Arbeitslosigkeit im Euroraum gestiegen, was einem Zuwachs von 253.000 arbeitslosen Personen entspricht. Das ist der zweite leichte Anstieg in Folge. Insgesamt haben seit Beginn der Corona-Krise knapp eine halbe Millionen Menschen ihren Job verloren.

Abzuwarten bleibt, inwieweit die Arbeitslosenzahlen den Wirtschaftseinbruch aufgrund staatlicher Hilfsmaßnahmen und Kurzarbeitergeld verzögert abbilden – und ob es im Juni trotz der Lockerungen erneut zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommt.

In Frankreich ist die Arbeitslosigkeit laut Eurostat sogar von 8,7 % im April auf nun 8,1 % im April gesunken. Dieser Rückgang ist aber kaum auf eine Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen. Die französische Statistikbehörde Insee machte deutlich, dass die sinkende Arbeitslosigkeit mit einem Rückgang der Zahl der Arbeitssuchenden während der Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise zu erklären sei. Demnach hätten sich viele Personen in der Phase der Ausgangssperren beispielsweise um die Betreuung ihrer Kinder gekümmert.

Da Frankreich hier kein Einzelfall sein dürfte, wird deutlich, wie sehr die Zahlen auch für den Euroraum mit Vorsicht zu genießen sind. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher sein.

Widersprüchlich sind auch die Daten aus Italien. Laut Eurostat soll es im April inmitten des harten Lockdowns einen Rückgang von 8,2 auf 6,6 % gegeben haben. Die Gründe dürften ähnliche sein wie in Frankreich. Im Mai und im Zuge der Lockerungen stiegen die offiziellen Arbeitslosenzahlen nun wieder auf 7,8 % an. Die Ratingagentur Fitch hingegen schätzt, dass die Arbeitslosenquote in Italien in diesem Jahr noch auf 12,1 % ansteigt und bis Ende 2021 nur geringfügig auf 11,8 % sinken wird.

In Deutschland stieg die Arbeitslosigkeit im sechsten Monat in Folge leicht an. Jetzt von 3,8 % im April auf 3,9 % im Mai. Zuletzt gab es diesen Wert 2017. Doch vielen Branchen stehen die größten Härten erst noch bevor. Allein in der deutschen Autoindustrie sieht die IG Metall 300.000 Arbeitsplätze in Gefahr.

Verarbeitendes Gewerbe erholt sich, doch die Lage bleibt angespannt

Denn die Corona-Einschränkungen haben die deutsche Wirtschaft hart getroffen. Nach gewaltigen Auftragseinbrüchen im Verarbeitenden Gewerbe im März und April setzte im Mai wieder eine Erholung ein. Saisonbereinigt sind die Auftragseingänge im Mai laut Statistischem Bundesamt um 10,4 % gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat Mai 2019 ist das aber immer noch ein kalenderbereinigter Rückgang um -29,3 %. Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, ist der Auftragseingang im Mai 2020 um -30,8 % zurückgegangen.

Im Vergleich zum Vormonat stiegen die Aufträge aus dem Inland im Mai 2020 um 12,3 %, die Auslandsaufträge erhöhten sich um 8,8 %. Dabei nahmen die Auftragseingänge aus der Eurozone um 20,9 % zu. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen um 2,0 % gegenüber April 2020.

Der Anstieg der Auftragseingänge ist vor allem der Eurozone zu verdanken (20,9 %). Im Vormonat April waren sie noch um -26,1% eingebrochen. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen hingegen nur um 2,0 %, gegenüber einem Einbruch von 24,3 % im April.

Für die deutsche Exportwirtschaft bleibt die Lage damit weiter besonders angespannt, mit gravierenden Folgen: Inzwischen kündigen 56 Prozent der exportierenden Unternehmen an, dass sie weniger investieren wollen als geplant. Im April lag dieser Wert noch bei 35 Prozent.

Deutsche Autoindustrie noch unter dem Niveau der Finanzkrise

Auch in den meisten deutschen Industriesektoren, für die es im April steil ins Nichts ging, beginnt vorerst der Aufstieg aus der Talsohle.

Die Auftragseingänge bei der schwer gebeutelten Kraftwagenindustrie stiegen wieder um 16,6 % im Vergleich zum Vormonat. Das ist allerdings immer noch ein Rückgang von -47,4 % im Vergleich zum Vor-Corona-Monat Februar und deutlich unter dem Tiefpunkt der Finanzkrise 2009. Der Maschinenbau, für den es schon vor Corona nicht zum Besten bestellt war, verzeichnete im Mai einen Auftragszuwachs von 8,5 % gegenüber April.

Keine Erholung gab es hingegen für die Auftragslage der Chemie und Pharma-Branche (-2,1%) und die Datenverarbeitung (-1,3 %).

„Das V-Szenario ist vom Tisch“

Licht am Horizont auch für die Produktion, wenn auch getrübt. Die reale (preisbereinigte) Produktion im produzierenden Gewerbe war nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im Mai 2020 saison- und kalenderbereinigt wieder um 7,8 % höher als im April 2020. Analysten hatten jedoch mit einem stärkeren Zuwachs um durchschnittlich 11,1 Prozent gerechnet. „Das V-Szenario in der Konjunkturerholung ist vom Tisch“, sagt etwa DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier.

Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Corona-Einschränkungen, ist die Produktion im Mai 2020 saison- und kalenderbereinigt um -19 % zurückgegangen.

Die Industrieproduktion (produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) konnte im Mai um 10,3 % anziehen, auch sie liegt jedoch noch -21,9 % unter dem Niveau vom Februar 2020. Vor allem die Produktion von Investitionsgütern stieg mit 27,6 % stark an.

Trotz der Erholung bei produzierendem Gewerbe und Industrie im Mai ist das Ausmaß des Einbruchs der Wirtschafts- und Finanzkrise immer noch weit untertroffen.

Die Bauwirtschaft wurde von der Krise kaum getroffen. Einem leichten Rückgang von nur -4,9 % im April folgte im Mai ein leichter Anstieg der Bauproduktion von 0,5 %. Im Vergleich zum EWU-Durchschnitt befindet sich die deutsche Bauproduktion auf hohem Niveau.

Industrieproduktion in Europa

Auch im Euroraum insgesamt konnte sich die Industrieproduktion – die im März und April um ganze -27 % eingebrochen war – wieder etwas erholen. Genaue Daten für den Euroraum (EWU19) insgesamt stehen noch aus. Doch die Kernländer um Italien und Frankreich legten laut Eurostat wieder deutlich mit 25 % beziehungsweise 13,5 % zu.

Laut der italienischen Statistikbehörde (ISTAT) soll es sogar einen Anstieg um 42 % gegeben haben. Italien war in den Vormonaten mit Abstand der größte Verlierer der Corona-Krise. Stimmen die Zahlen von ISTAT, dann hat die italienische Industrie, die zwischen Februar und April die Hälfte ihres Produktionsvolumens verloren hatte, als einziges Land fast wieder das Niveau des Vorkrisenmonats Februar erreicht (in der Abbildung nicht berücksichtigt).

Wann und ob das industrielle Produktionsvolumen, das seit 2007 in der Eurozone einen strukturellen Niedergang erfährt, überhaupt das Niveau der Vor-Corona-Zeit geschweige denn das von 2007 erreichen kann, bleibt auch für die Eurozone insgesamt offen. Die Industrieproduktion liegt trotz Erholung immer noch unter dem Niveau von April 2009, dem Tiefpunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007-11.

Bauproduktion Europa

Laut Schätzungen von Eurostat zog die saisonbereinigte Produktion im Baugewerbe gegenüber April im Euroraum um kräftige 27,9% an. Im Vormonat war die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um -18,3% gesunken. Die Produktion im Euroraum liegt damit um -11,9% unter dem Niveau von Mai 2019.

Die französische Bauwirtschaft, die von der Pandemie besonders hart getroffen wurde (fast nur noch ein Drittel des Produktionsvolumens von 2009), verzeichnete von den Kernländern den deutlichsten Anstieg im Mai: +118,3%.

In Südeuropa, das sich seit Jahren ohne nennenswerte Dynamik am Index entlang hangelt, traf es Italien im April mit ähnlicher Wucht wie Frankreich: -53,3% im Vergleich zum Vormonat März. Im Mai verzeichnete Italien dafür den größten Anstieg der Bauproduktion um 168 % gegenüber April.

Einzelhandel: Deutschland wieder obenauf

Ähnlich schlimm wie Industrie- und Bauproduktion hatte die Corona-Krise im März und April wenig überraschend den Einzelhandel in Mitleidenschaft gezogen. Doch auch hier setzte nach umfangreichen Lockerungen der COVID-19-Eindämmungsmaßnahmen wieder eine Erholung ein. Das saisonbereinigte Absatzvolumen des Einzelhandels stieg gegenüber April 2020 im Euroraum um 17,8%.

Träger des Anstiegs waren vor allem die Textilbranche (147 %) und im Zuge des wieder zunehmenden Verkehrs die Motorenkraftstoffe (38,4 %). Aber auch hier gilt, dass das Vorkrisenniveau noch lange nicht erreicht ist. Gegenüber Mai 2019 sank der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex im Mai 2020 im Euroraum um 5,1%.

Mit Ausnahme Deutschlands, dessen Absatzvolumen im Mai um 12,7 % zulegte und damit nicht nur um 6,8 % über dem Vorjahresniveau liegt, sondern auch den höchsten Index seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht. Zumindest für den deutschen Einzelhandel gilt vorerst – die Corona-Krise ist vorbei.

Davon kann in anderen EWU-Ländern keine Rede sein. Auch wenn Frankreichs Einzelhandel im Mai mit 25,6 % stark anzog, liegt das Volumen noch bei -14 % im Vergleich zum Vorkrisenmonat Februar.

Ähnliches gilt für Italien. Nachdem dort das Einzelhandelsvolumen im März und April um über ein Drittel einbrach, gab es auch hier im Mai zwar einen kräftigen Anstieg um 25,4 %, doch insgesamt befindet sich der italienische Einzelhandel nach wie vor in einer handfesten Krise: -15,1 % zum Vorkrisenmonat Februar und -13,4 % zum Vorjahresmonat.

Inflation – jenseits der Zielrate

Trotz staatlicher Schuldenaufnahme und EZB-Bazooka erhöhte der Shutdown den Deflationsdruck in der Eurozone gewaltig. Von einer „Inflationsrate“ kann, was die Erzeugerpreise betrifft, schon lange keine Rede mehr sein. Auch im Mai rauschten die Erzeugerpreise weiter in den Keller. Sie sanken diesmal um -0,6 % im Vergleich zum Vormonat. Das entspricht einer Deflationsrate von nunmehr -5,1 %. Maßgeblich dafür ist wieder der Rückgang der Erzeugerpreise im Energiesektor um -1,4%.

Leicht angestiegen sind die Verbraucherpreise – sie liegen aber mit 0,3 % immer noch weit jenseits der Zielinflationsrate der EZB.