Der Konjunkturbericht wird in Zusammenarbeit mit MAKROSKOP – Magazin für Wirtschaftspolitik erstellt.

Juli 2020

Die Corona Pandemie hat die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt. Zwar geht es wieder aufwärts, aber der Weg der weiteren Konjunktur bleibt ungewiss. Aktuelle und präzise Informationen über die Konjunkturlage in Deutschland und Europa sind wichtiger denn je. Die Bank für Kirche und Caritas eG hat sich deshalb entschieden, die Konjunkturberichterstattung deutlich auszubauen und legt hier erstmals eine ausführliche Konjunkturberichterstattung vor. Es ist vorgesehen, einen Bericht in dieser Qualität zukünftig im Zwei-Monats-Rhythmus zu liefern.

Der Sturz der deutschen Konjunktur ist beendet. Auftragseingänge und Produktion erholen sich im Mai allerdings nicht wie erhofft. Ebenso zieht die europäische Produktion wieder an, doch Sorgen bleiben – auch auf dem Arbeitsmarkt.

Noch wirken sich die Corona-Einschränkungen relativ geringfügig auf die Arbeitslosigkeit aus. Zumindest laut offizieller Zahlen. Von 7,3 % im April auf 7,4 % im Mai ist die Arbeitslosigkeit im Euroraum gestiegen, was einem Zuwachs von 253.000 arbeitslosen Personen entspricht. Das ist der zweite leichte Anstieg in Folge. Insgesamt haben seit Beginn der Corona-Krise knapp eine halbe Millionen Menschen ihren Job verloren.

Abzuwarten bleibt, inwieweit die Arbeitslosenzahlen den Wirtschaftseinbruch aufgrund staatlicher Hilfsmaßnahmen und Kurzarbeitergeld verzögert abbilden – und ob es im Juni trotz der Lockerungen erneut zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommt.

In Frankreich ist die Arbeitslosigkeit laut Eurostat sogar von 8,7 % im April auf nun 8,1 % im April gesunken. Dieser Rückgang ist aber kaum auf eine Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen. Die französische Statistikbehörde Insee machte deutlich, dass die sinkende Arbeitslosigkeit mit einem Rückgang der Zahl der Arbeitssuchenden während der Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise zu erklären sei. Demnach hätten sich viele Personen in der Phase der Ausgangssperren beispielsweise um die Betreuung ihrer Kinder gekümmert.

Da Frankreich hier kein Einzelfall sein dürfte, wird deutlich, wie sehr die Zahlen auch für den Euroraum mit Vorsicht zu genießen sind. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher sein.

Widersprüchlich sind auch die Daten aus Italien. Laut Eurostat soll es im April inmitten des harten Lockdowns einen Rückgang von 8,2 auf 6,6 % gegeben haben. Die Gründe dürften ähnliche sein wie in Frankreich. Im Mai und im Zuge der Lockerungen stiegen die offiziellen Arbeitslosenzahlen nun wieder auf 7,8 % an. Die Ratingagentur Fitch hingegen schätzt, dass die Arbeitslosenquote in Italien in diesem Jahr noch auf 12,1 % ansteigt und bis Ende 2021 nur geringfügig auf 11,8 % sinken wird.

In Deutschland stieg die Arbeitslosigkeit im sechsten Monat in Folge leicht an. Jetzt von 3,8 % im April auf 3,9 % im Mai. Zuletzt gab es diesen Wert 2017. Doch vielen Branchen stehen die größten Härten erst noch bevor. Allein in der deutschen Autoindustrie sieht die IG Metall 300.000 Arbeitsplätze in Gefahr.

Verarbeitendes Gewerbe erholt sich, doch die Lage bleibt angespannt

Denn die Corona-Einschränkungen haben die deutsche Wirtschaft hart getroffen. Nach gewaltigen Auftragseinbrüchen im Verarbeitenden Gewerbe im März und April setzte im Mai wieder eine Erholung ein. Saisonbereinigt sind die Auftragseingänge im Mai laut Statistischem Bundesamt um 10,4 % gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat Mai 2019 ist das aber immer noch ein kalenderbereinigter Rückgang um -29,3 %. Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, ist der Auftragseingang im Mai 2020 um -30,8 % zurückgegangen.

Im Vergleich zum Vormonat stiegen die Aufträge aus dem Inland im Mai 2020 um 12,3 %, die Auslandsaufträge erhöhten sich um 8,8 %. Dabei nahmen die Auftragseingänge aus der Eurozone um 20,9 % zu. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen um 2,0 % gegenüber April 2020.

Der Anstieg der Auftragseingänge ist vor allem der Eurozone zu verdanken (20,9 %). Im Vormonat April waren sie noch um -26,1% eingebrochen. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen hingegen nur um 2,0 %, gegenüber einem Einbruch von 24,3 % im April.

Für die deutsche Exportwirtschaft bleibt die Lage damit weiter besonders angespannt, mit gravierenden Folgen: Inzwischen kündigen 56 Prozent der exportierenden Unternehmen an, dass sie weniger investieren wollen als geplant. Im April lag dieser Wert noch bei 35 Prozent.

Deutsche Autoindustrie noch unter dem Niveau der Finanzkrise

Auch in den meisten deutschen Industriesektoren, für die es im April steil ins Nichts ging, beginnt vorerst der Aufstieg aus der Talsohle.

Die Auftragseingänge bei der schwer gebeutelten Kraftwagenindustrie stiegen wieder um 16,6 % im Vergleich zum Vormonat. Das ist allerdings immer noch ein Rückgang von -47,4 % im Vergleich zum Vor-Corona-Monat Februar und deutlich unter dem Tiefpunkt der Finanzkrise 2009. Der Maschinenbau, für den es schon vor Corona nicht zum Besten bestellt war, verzeichnete im Mai einen Auftragszuwachs von 8,5 % gegenüber April.

Keine Erholung gab es hingegen für die Auftragslage der Chemie und Pharma-Branche (-2,1%) und die Datenverarbeitung (-1,3 %).

„Das V-Szenario ist vom Tisch“

Licht am Horizont auch für die Produktion, wenn auch getrübt. Die reale (preisbereinigte) Produktion im Produzierenden Gewerbe war nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im Mai 2020 saison- und kalenderbereinigt wieder um 7,8 % höher als im April 2020. Analysten hatten jedoch mit einem stärkeren Zuwachs um durchschnittlich 11,1 Prozent gerechnet. „Das V-Szenario in der Konjunkturerholung ist vom Tisch“, sagt etwa DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier.

Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Corona-Einschränkungen, ist die Produktion im Mai 2020 saison- und kalenderbereinigt um -19 % zurückgegangen.

Die Industrieproduktion (Produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) konnte im Mai um 10,3 % anziehen, auch sie liegt jedoch noch -21,9 % unter dem Niveau vom Februar 2020. Vor allem die Produktion von Investitionsgütern stieg mit 27,6 % stark an.

Trotz der Erholung bei Produzierendem Gewerbe und Industrie im Mai ist das Ausmaß des Einbruchs der Wirtschafts- und Finanzkrise immer noch weit untertroffen.

Die Bauwirtschaft wurde von der Krise kaum getroffen. Einem leichten Rückgang von nur -4,9 % im April folgte im Mai ein leichter Anstieg der Bauproduktion von 0,5 %. Im Vergleich zum EWU-Durchschnitt befindet sich die deutsche Bauproduktion auf hohem Niveau.

Industrieproduktion in Europa

Auch im Euroraum insgesamt konnte sich die Industrieproduktion – die im März und April um ganze -27 % eingebrochen war – wieder etwas erholen. Genaue Daten für den Euroraum (EWU19) insgesamt stehen noch aus. Doch die Kernländer um Italien und Frankreich legten laut Eurostat wieder deutlich mit 25 % beziehungsweise 13,5 % zu.

Laut der italienischen Statistikbehörde (ISTAT) soll es sogar einen Anstieg um 42 % gegeben haben. Italien war in den Vormonaten mit Abstand der größte Verlierer der Corona-Krise. Stimmen die Zahlen von ISTAT, dann hat die italienische Industrie, die zwischen Februar und April die Hälfte ihres Produktionsvolumens verloren hatte, als einziges Land fast wieder das Niveau des Vorkrisenmonats Februar erreicht (in der Abbildung nicht berücksichtigt).

Wann und ob das industrielle Produktionsvolumen, das seit 2007 in der Eurozone einen strukturellen Niedergang erfährt, überhaupt das Niveau der Vor-Corona-Zeit geschweige denn das von 2007 erreichen kann, bleibt auch für die Eurozone insgesamt offen. Die Industrieproduktion liegt trotz Erholung immer noch unter dem Niveau von April 2009, dem Tiefpunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007-11.

Bauproduktion Europa

Laut Schätzungen von Eurostat zog die saisonbereinigte Produktion im Baugewerbe gegenüber April im Euroraum um kräftige 27,9% an. Im Vormonat war die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um -18,3% gesunken. Die Produktion im Euroraum liegt damit um -11,9% unter dem Niveau von Mai 2019.

Die französische Bauwirtschaft, die von der Pandemie besonders hart getroffen wurde (fast nur noch ein Drittel des Produktionsvolumens von 2009), verzeichnete von den Kernländern den deutlichsten Anstieg im Mai: +118,3%.

In Südeuropa, das sich seit Jahren ohne nennenswerte Dynamik am Index entlang hangelt, traf es Italien im April mit ähnlicher Wucht wie Frankreich: -53,3% im Vergleich zum Vormonat März. Im Mai verzeichnete Italien dafür den größten Anstieg der Bauproduktion um 168 % gegenüber April.

Einzelhandel: Deutschland wieder obenauf

Ähnlich schlimm wie Industrie- und Bauproduktion hatte die Corona-Krise im März und April wenig überraschend den Einzelhandel in Mitleidenschaft gezogen. Doch auch hier setzte nach umfangreichen Lockerungen der COVID-19-Eindämmungsmaßnahmen wieder eine Erholung ein. Das saisonbereinigte Absatzvolumen des Einzelhandels stieg gegenüber April 2020 im Euroraum um 17,8%.

Träger des Anstiegs waren vor allem die Textilbranche (147 %) und im Zuge des wieder zunehmenden Verkehrs die Motorenkraftstoffe (38,4 %). Aber auch hier gilt, dass das Vorkrisenniveau noch lange nicht erreicht ist. Gegenüber Mai 2019 sank der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex im Mai 2020 im Euroraum um 5,1%.

Mit Ausnahme Deutschlands, dessen Absatzvolumen im Mai um 12,7 % zulegte und damit nicht nur um 6,8 % über dem Vorjahresniveau liegt, sondern auch den höchsten Index seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht. Zumindest für den deutschen Einzelhandel gilt vorerst – die Corona-Krise ist vorbei.

Davon kann in anderen EWU-Ländern keine Rede sein. Auch wenn Frankreichs Einzelhandel im Mai mit 25,6 % stark anzog, liegt das Volumen noch bei -14 % im Vergleich zum Vorkrisenmonat Februar.

Ähnliches gilt für Italien. Nachdem dort das Einzelhandelsvolumen im März und April um über ein Drittel einbrach, gab es auch hier im Mai zwar einen kräftigen Anstieg um 25,4 %, doch insgesamt befindet sich der italienische Einzelhandel nach wie vor in einer handfesten Krise: -15,1 % zum Vorkrisenmonat Februar und -13,4 % zum Vorjahresmonat.

Inflation – jenseits der Zielrate

Trotz staatlicher Schuldenaufnahme und EZB-Bazooka erhöhte der Shutdown den Deflationsdruck in der Eurozone gewaltig. Von einer „Inflationsrate“ kann, was die Erzeugerpreise betrifft, schon lange keine Rede mehr sein. Auch im Mai rauschten die Erzeugerpreise weiter in den Keller. Sie sanken diesmal um -0,6 % im Vergleich zum Vormonat. Das entspricht einer Deflationsrate von nunmehr -5,1 %. Maßgeblich dafür ist wieder der Rückgang der Erzeugerpreise im Energiesektor um -1,4%.

Leicht angestiegen sind die Verbraucherpreise – sie liegen aber mit 0,3 % immer noch weit jenseits der Zielinflationsrate der EZB.