Der Konjunkturbericht wird in Zusammenarbeit mit MAKROSKOP – Magazin für Wirtschaftspolitik erstellt.

August 2021

Auch das zweite Quartal 2021 steht in Deutschland und Europa im Zeichen der Corona-Krise. Hinzu kommen langwierige Lieferengpässe. Erwerbstätigkeit und Produktion des Verarbeitenden Gewerbes bleiben unter Vorkrisenniveau. Der erhoffte Boom lässt auf sich warten.

Die Arbeitslosigkeit im Euroraum ist im ersten und zweiten Quartal 2021 zurückgegangen. Die Beschäftigungslage erholt sich sukzessive vom Schlag der Corona-Krise. Im Vergleich zum ersten Quartal 2021 sank die Arbeitslosenquote im Juni zum Ende des zweiten Quartals nach aktualisierten Daten von Eurostat von 8,1 % auf 7,7 %.

Im Vorjahresmonat lag die Arbeitslosenquote bei 8,0 %. Zunehmende Lockerungen der pandemiebedingten Einschränkungsmaßnahmen der vergangenen Monate in den EWU-Mitgliedsländern, Kurzarbeitergeld und Konjunkturprogramme haben es ermöglicht, dass sich die Quote allmählich wieder dem Stand des Vorkrisenniveaus vom Februar 2020 annähert – damals lag die Erwerbslosenquote bei 7,4 %.

Insgesamt waren im Euroraum im Juni 2021 knapp über 12,5 Millionen Menschen ohne Arbeit, knapp 340.000 weniger als im Vorjahresmonat.

Hoch bleibt aber nach wie vor die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum, die mit dem Beginn der Einschränkungsmaßnahmen im Frühjahr 2020 dramatisch nach oben geschnellt war. Immerhin ist sie im Juni im Vergleich zum Vormonat von 17,9 % auf 17,3 % gesunken. Im Vorjahresmonat Juni 2020 lag sie bei 18,7 %.

In Frankreich liegt die Arbeitslosigkeit im Juni 2021 bei 7,3 %. Zum Ende des ersten Quartals lag sie nach revidierten Zahlen von Eurostat noch bei 8,1 %. Auch in Italien sank die Arbeitslosenquote zum Ende des zweiten Quartals nach vorläufigen Zahlen auf 9,7%, ist aber höher als im Vorjahresmonat (9,5 % im Juni 2020).

Besonders hoch bleibt im Stiefel die Jugendarbeitslosigkeit, wenngleich auch sie im Juni auf 29,4 % gesunken ist.

Weiter gesunken ist auch die Arbeitslosenquote in Deutschland. Lag diese im Dezember noch bei 4 %, und im März 2021 bei 3,8 %, ist sie im Juni 2021 weiter leicht auf 3,7 % zurückgegangen. Im Vorjahresmonat lag sie bei 3,8 %.

Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Beschäftigten im Juni 2021 im Vergleich zum Juni 2020 in fast allen Wirtschaftsbereichen des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland abnahm. Am stärksten sank die Beschäftigtenzahl in der Metallerzeugung und -bearbeitung mit -5,4 %. Deutlich zurückgegangen sind die Beschäftigtenzahlen auch im Maschinenbau (-3,5 %), in der Herstellung von Metallerzeugnissen (-3,2 %), in der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen (-2,7 %), in der Herstellung von elektrischen Ausrüstungen (-1,8 %) und in der Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren (-1,7 %). Das korreliert mit der besorgniserregenden strukturellen Krise der deutschen Industrie insgesamt.

Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe: Fata Morgana des Booms

Nimmt man die Auftragslage im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland zum Maßstab, dann müsste die Wirtschaft boomen. Wie schon im ersten Quartal zogen die Aufträge auch im zweiten Quartal 2021 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit 2 % weiter an. Der Auftragsbestand ist damit seit Juni 2020 angestiegen und erreichte im Juni 2021 seinen höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Januar 2015. Zumindest hier scheint die Corona-Krise zu Ende zu sein.

Allein die Nachfrage aus dem nichteuropäischen Ausland hat im Juni wieder deutlich nachgelassen. Der Zuwachs fußt demnach verstärkt auf steigenden Inlandsaufträgen, die nicht nur im Mai, sondern vor allem im Juni (9,6 %) kräftig zulegen konnten und vor allem durch Großaufträge für Investitionsgüter beeinflusst wurden. Erstmals seit einem Jahr liegen damit die Inlands- über den Auslandsaufträgen, die nach einem Einbruch im Vormonat nur leicht stiegen (0,4 %).

Der deutliche Auftragsrückgang aus der Nicht-Eurozone im Mai und Juni dürfte auch mit der Entwicklung in China zusammenhängen, einem der größten Abnehmer deutscher Exporte. Jüngst wuchs im Reich der Mitte die Wirtschaft weniger schnell, als von Analysten erwartet. Mittelfristig dürften aber auch die Vorgaben Pekings, immer mehr höherwertige Produkte in China selbst herzustellen, Wirkung zeigen. So könnte zum Beispiel der deutschen Windkraftindustrie ein ähnliches Schicksal widerfahren wie der hiesigen Solarbranche. Chinesische Windenergieexporte nehmen stetig zu und könnten damit die Auslandsaufträge von deutschen Unternehmen mittelfristig übernehmen, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt.

Datenverarbeitung überstrahlt die übrigen Sektoren

Die deutsche Datenverarbeitung bleibt auch im zweiten Quartal die Gewinnerin der Corona-Krise, schraubt sich auf dem Index weiter nach oben und überflügelt alle anderen Sektoren. Mit nun gut 140 Indexpunkten wurde im Juni zum Ende des zweiten Quartals ein neues Rekordhoch erreicht.

Die Auftragsbücher der Kraftwagenindustrie, die sich im Mai deutlich leerten, konnten sich im Juni im Vergleich zum Vormonat zwar wieder um 4,3 % füllen. Allerdings gingen die Aufträge im zweiten Quartal insgesamt leicht zurück. Das Gleiche gilt für die Auftragslage der übrigen Sektoren wie die Chemie- und Pharmaindustrie, die Metallverarbeitung und den Maschinenbau: Sie alle konnten zwar im Juni nach teils deutlichen Einbrüchen im Vormonat zulegen, verloren aber im zweiten Quartal, was die Bedeutung der Datenverarbeitung für die Auftragslage im verarbeitenden Gewerbe unterstreicht.

Die Produktion rutscht in die Rezession

Die sich tendenziell füllenden Auftragsbücher haben allerdings keine positiven Auswirkungen auf die laufende Produktion. Im Gegenteil – nicht nur startete die Produktion des Produzierenden Gewerbes bereits extrem schwach ins neue Jahr, seit August ist nun amtlich, dass das Produzierende Gewerbe nach einem Minuswachstum auch im Zweiten Quartal mitten in einer Rezession steckt. Auch im Juni, dem dritten Monat des zweiten Quartals, ging die Produktion des Produzierenden Gewerbes um -1,3 % zurück.

Ungut ist die Entwicklung einmal mehr bei den Herstellern von Investitionsgütern. Nach vorläufigen Angaben von Destatis gab es wie schon im Mai erneut einen deutlichen Rückgang, diesmal um -2,9 %. Die Konsumgüterproduktion stieg hingegen um 3,4 %.

Von den Liefer- bzw. Rohstoffengpässen, die die Produktion bremsen, sind laut Münchner ifo-Institut 45 Prozent der Industrieunternehmen betroffen, der mit Abstand höchste Wert seit 1991. Doch alleine kann dies die Krise nicht erklären, es scheint sich vielmehr um ein strukturelles Phänomen zu handeln. Diesen Eindruck bestätigt der Blick auf die lange Zeitachse bis November 2017, innerhalb der die Corona-Krise nur ein Intermezzo darstellt, und der zeigt, dass sich die Branche schon seit etwa 3 Jahren in einer deutlichen Abschwungphase befindet bzw. seitdem um fast 11 % geschrumpft ist. Schon das „Vorkrisenniveau“ von Februar 2020 scheint bis auf weiteres nicht mehr erreichbar zu sein.

Industrieproduktion in der Eurozone: Die große Ernüchterung

In der Eurozone ist die Lage der Industrie zum zweiten Quartal nur wenig besser als in Deutschland. Nach verhaltenem Wachstum in den Vormonaten sank die Industrieproduktion in der Eurozone im Mai um 1,1 % und lag wieder deutliche minus 1,4 % unter dem Vorkrisen- und Vorjahresmonat Februar 2020. Der Abwärtstrend bestätigte sich nun im Juni  wieder. Wenn auch nur leicht, ging die Produktion 0,3 %zurück. Betroffen war vor allem die Produktion der Investitionsgüter (-1,5 %).

Im gesamten zweiten Quartal gab es somit ein Minuswachstum. Damit herrscht in Europa nun seit acht Monaten mehr oder weniger Stagnation. Eine Rezession droht der Eurozone in den folgenden Monaten. Die von Analysten erhoffte Trendwende im zweiten Quartal angesichts steigender Auftragseingänge hat sich damit endgültig nicht erfüllt.

Die besorgniserregende Lage des Produzierenden Gewerbes in Deutschland wird bestätigt von der Industrieproduktion als solcher (Produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe), die im Juni um -1 % schrumpfte. Die Industrieproduktion rutscht damit immer tiefer unter das Niveau von Februar 2020: -7,5 %.

Entgegen dem europäischen Trend befindet sich Italiens Industrie nun seit zwei Quartalen auf einem Wachstumspfad. Im Juni wuchs die Industrieproduktion um 1 %, genauso wie im zweiten Quartal insgesamt. Italien liegt damit wieder knapp über dem Vorkrisenniveau von Februar 2020 und kann unter den Kernländern überraschend die positivste Entwicklung seit der Corona-Krise vorweisen.

Anders stellt sich mit dem Ende des zweiten Quartals die Situation in der französischen Industrie dar. Von einer leichten Konjunktur wie in Italien kann hier keine Rede sein, wenngleich  die Industrieproduktion im zweiten Quartal mit 0,2 % minimal wuchs. Doch Dynamik sieht anders aus, mit einem Volumenindex von 97,8 liegt die Produktion weiter deutlich unter Vorkrisenniveau.

Bauproduktion weiter unter Vorkrisenniveau

Kaum anders bleibt die Lage in der europäischen Bauproduktion. In den ersten beiden Quartalen dieses Jahres war hier nur wenig Dynamik zu beobachten – im Gegenteil: Im Juni sank die Produktion in der Eurozone wieder um 1,7 %. Das ist der dritte Monat in Folge mit einem Minuswachstum, nachdem die Produktion im ersten Quartal mit 0,5 % noch leicht zugenommen hatte. Das bedeutet auch, dass sich die Bauproduktion noch immer unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020 bewegt.

Das betrifft in besonderem Maße Deutschland. Hier musste die Bauindustrie im Vergleich zur EWU im Juni mit -2,6 % einen besonders kräftigen Einbruch hinnehmen. Auch hier handelt es sich um den dritten Rückgang in Folge, nachdem bereits das erste Quartal im Zeichen des Abschwungs stand. Mit anderen Worten: Die Bauindustrie befindet sich in der Rezession, genauso wie das produzierende Gewerbe insgesamt.

Einzelhandel mit neuem Rekordhoch

Das zweite Quartal schreibt den Aufschwung für den Einzelhandel fort. Die Branche ist damit einer der wenigen Lichtblicke in Europa. Seit März, dem Ende des Ersten Quartals, liegen die Umsätze in der Eurozone nach einem starken Einbruch in der zweiten Jahreshälfte 2020 sowie Januar 2021 im Zuge des zweiten Lockdowns wieder über dem Vorkrisenniveau von Februar 2020. Im Mai (4,1 %) und Juni (1,5 %) bzw. im zweiten Quartal 2021 stiegen die Umsätze weiter und erreichten ein neues Rekordhoch. Das Absatzvolumen kletterte auf einen Indexwert von 115,3.

Deutschlands Einzelhandel zog ebenfalls kräftig an, wuchs im Juni um 4,2 %, schrammte aber knapp am Indexhöchstwert vom November 2020 vorbei. Insgesamt wuchs das Absatzvolumen im zweiten Quartal um 1,9 %.

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Lage für den stationären Einzelhandel bleibt prekär. Viele bekannte Mode-Ketten und Gastronomien werden dauerhaft aus den Innenstädten verschwinden. Mit Personalabbau und Filial-Schließungen stemmen sich viele Unternehmen gegen den Untergang, darunter auch große Publikumsmagnete wie Douglas, Promod, Maredo, Hallhuber, H&M, Galeria Karstadt Kaufhof oder Esprit.

Auch Frankreichs Einzelhandel kämpft gegen die Folgen der Corona-Pandemie. Im Januar und April machten sich die harten Einschränkungen im Land mit herben Rückschlägen bemerkbar. Doch in den letzten beiden Monaten des zweiten Quartals, Mai und Juni, konnte das Absatzvolumen wieder kräftig wachsen und liegt nun mit 0,4 % leicht über dem Vorquartal und deutlich über dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020 (6,5 %).

Preise überschreiten die Zielinflation

Die expansive Geldpolitik der EZB, umfangreiche Hilfsgelder und Konjunkturpakete sowie Lieferengpässe und steigende Rohstoff- sowie Energiepreise fachen die Inflation in der Eurozone weiter an. Allerdings könnte die US-Notenbank Federal Reserve bald ihren Kurs anpassen, indem sie ihre Anleiheankäufe reduziert und damit eine globale Trendwende einleiten.

Seit August 2020, einem deflationären Tiefpunkt in der Preisentwicklung, zeigt der Trend nach oben: Sowohl im ersten als auch zweiten Quartal 2021 zogen Erzeuger- und Verbraucherpreise stark an und haben die von der EZB leicht nach oben korrigierte Zielinflationsmarke von 2 % im März bzw. Juli 2021 überschritten.

Die Erzeugerpreise in der Industrie – eine Art Frühindikator für die Inflation – stiegen im Euroraum bis zum Juni, dem letzten Monat des zweiten Quartals, um 10,5 % im Vergleich zum Vorjahr an. Die Verbraucherpreise in der Eurozone kletterten im Juli weiter auf 2,2 %. Das ist die höchste Rate seit 2018. Noch im Dezember 2020 lag die Inflationsrate bei -0,3 % im deflationären Bereich.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts (Destatis) im Juli bei 3,8 %. Eine höhere Inflationsrate gab es zuletzt im Dezember 1993 mit 4,3 %.

Droht jetzt eine langfristige Inflationsspirale? Dafür müsste die Nachfrageentwicklung längerfristig die volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten überschreiten, so dass der Nachfrage ein ungenügendes Angebot an Waren und Dienstleistungen gegenübersteht. Tatsächlich scheint es derzeit weder auf der Nachfrage- noch auf der Kostenseite Grund zu der Befürchtung zu geben, dass dies der Fall ist. Zwar rufen gegenwärtig Engpässe in den Lieferketten (Vorprodukte und Zulieferteile) einen gewissen Preisdruck im verarbeitenden Gewerbe hervor. Auch die genannten Sondereffekte wie gestiegene Rohstoffpreise – oder die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer und die Einführung der CO2-Steuer – tragen zu einem leichten Preisauftrieb bei. Dies dürfte sich jedoch hierbei nur um vorübergehende Störungen handeln, die nicht zu einem anhaltenden Anstieg des Preisniveaus führen werden. Denn inflationäre Prozesse, die durch steigende Lohnstückkosten ausgelöst werden, sind angesichts der weiterhin bestehenden Schwäche der Gewerkschaften zurzeit unwahrscheinlich.

Die Erwartungen, dass der Corona-Spuk spätestens mit dem Frühjahr 2021 vorbei sein wird, haben sich in Luft aufgelöst. Nicht nur produziert die Industrie noch immer unter Vorkrisenniveau, sie befindet sich in Deutschland sogar in einer Rezession, die im langen Konjunkturzyklus ohnehin längst existent ist. Ja, die Auftragslage befindet sich insgesamt wieder auf recht hohem Niveau. Ja, die Produktion mag durch Lieferengpässe, fehlende Rohstoffe, Bedarfe wie Halbleiter, Stahl, Metalle, Holz, Kunststoffe, Harze, Farben, Lacke und Vorprodukte gebremst werden.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Von einem gebremsten Boom, den die Medien herbeischreiben, kann keine Rede sein. Die deutsche Industrie befindet sich in einer langfristigen strukturellen Krise, die durch die Corona-Krise nur verschärft wurde. Derzeit sorgen nur noch die privaten und staatlichen Konsumausgaben dafür, dass Deutschland nicht insgesamt zurück in die Rezession gerutscht ist. Gerade werden für Deutschland die Wachstumsprognosen wieder nach unten korrigiert. Mehr als 2 bis 3 % scheinen kaum mehr erreichbar.

Aber der Rohstoffmangel, deutliche Mehrkosten und längere Lieferzeiten für die Verbraucher können die Krise verstärken, indem die Nachfrage insgesamt beeinträchtigt wird. Die „just-in-time Beschaffung“ geht nicht mehr auf, so der Logistikexperte Gerd Kerkhoff.

Zumal sich für die exportlastige deutsche Wirtschaft nachteilige Entwicklungen außerhalb der Eurozone und vor allem in Ostasien bemerkbar machen: Die nächste Corona-Welle scheint allmählich die Auslandsaufträge zu beeinträchtigen. Und die Lieferengpässe resultieren aus einer komplexen Verkettung von Wechselwirkungen, die zueinanderstehen – national, international und geopolitisch. Die Lieferketten werden über Jahre fragil und bedroht bleiben. Laut der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) kommen 17 der 27 Rohstoffe, die von der EU als „kritisch“ eingestuft werden, vorrangig aus China. Und es ist nicht auszuschließen, dass China die eigene Produktion durch Senkung weiterer Exporte sicherstellen wird.

Mai 2021

Das erste Quartal 2021 steht in Deutschland und Europa noch ganz im Zeichen der Corona-Krise. Noch immer liegen sowohl Erwerbstätigkeit als auch die Produktion des verarbeitenden Gewerbes unter Vorkrisenniveau.

Die Arbeitslosigkeit im Euroraum ist in den letzten Monaten leicht zurückgegangen. Im Vergleich zum Ende des vierten Quartals 2020 sank die Arbeitslosenquote im März zum Ende des ersten Quartals 2021 um 1,2 % und liegt nun laut aktualisierten Daten von Eurostat bei 8,1 %.

Dieser Rückgang ist jedoch marginal, wenn man die Quote mit dem Vorjahresmonat vergleicht – damals lag sie bei 7,1 %. Die pandemiebedingte Erwerbslosigkeit konnte also bisher noch nicht abgebaut werden, was angesichts weiter existierender Einschränkungsmaßnahmen durch die Regierungen auch nicht verwunderlich ist. Insgesamt waren im Euroraum im März 2021 knapp über 13,1 Millionen Menschen ohne Arbeit, knapp 1,6 Millionen mehr als im Vorjahresmonat.

Dramatisch hoch bleibt fast unverändert die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum. Auch sie sank seit Dezember 2020 nur leicht von 17,4 auf 17,2 % im März 2021.

In Frankreich liegt die Arbeitslosigkeit laut den angepassten Zahlen von Eurostat im März 2021 bei 7,9 %. Zum Ende des vierten Quartals lag sie bei 7,8 %. Weiterhin fluktuieren die gemeldeten Zahlen aus Italien sehr stark. Nachträglich aktualisiert lag die Arbeitslogenquote im Dezember 2020 bei nun 9,8 %. Zu Beginn des ersten Quartals 2021 sprang die Quote laut Eurostat auf 10,3 %, ist seitdem aber wieder rückläufig und liegt im März bei 10,1 %. Dramatisch hoch bleibt im Stiefel die Jugendarbeitslosigkeit, die im März bei sage und schreibe 33 % liegt.

Leicht gesunken ist nach den Zahlen von Eurostat hingegen die Arbeitslosenquote in Deutschland. Lag diese im Dezember bei 4,6 %, ist sie bis März 2021 auf 4,5 % zurückgegangen. Im Vorjahresmonat lag sie allerdings noch bei 3,8 %.

Schaut man auf die Kurzarbeit, so sank diese nach Angaben des Ifo-Instituts in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres auf 1,95 Millionen im Dezember 2020, wuchs im Zuge des zweiten Lockdowns im ersten Quartal allerdings wieder auf 2,9 Millionen Menschen im Februar an. Seitdem ist sie branchenübergreifend wieder rückläufig und liegt im März bei 2,7 Millionen, was 8 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten entspricht. Besonders hoch ist der Anteil an Kurzarbeitern mit 50,8 % weiterhin im Gastgewerbe.

Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe: Hoffnungswerte

Mehr Hoffnung als Konjunkturindikator liefert die Auftragslage im verarbeitenden Gewerbe – zumindest in Deutschland. Im ersten Quartal 2021 zogen die Aufträge im verarbeitenden Gewerbe nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes kräftig an, und zwar um 5,2 %. Mittlerweile liegen die Aufträge wieder deutlich über dem Niveau des Vorkrisenmonats Februar (plus 9,1 %) und dem Vorjahresmonat (plus 27,8 %).

Die Auftragseingänge haben zwar immer noch nicht den Höhepunkt des letzten Aufschwungs erreicht, der bereits im Dezember 2017 endete und in eine langanhaltende Rezession überging. Doch scheint das erste Quartal des neuen Jahres eine Trendumkehr einzuleiten.

Auch die deutsche Exportwirtschaft ist auf dem besten Wege, mit dem zweiten Quartal wieder die Spitze des Auftragsvolumens von Dezember 2017 zu erreichen – was die deutsche Exportabhängigkeit einmal mehr unterstreichen würde. Allerdings hat sich im ersten Quartal auch die chronisch schwache Auftragslage aus dem Inland deutlich erholt und stützt die anziehende Konjunktur.

Digitalisierung pusht die Datenverarbeitung

Die deutsche Datenverarbeitung klettert als Gewinnerin der Corona-Krise im ersten Quartal in ungeahnte Höhen. Mit nun fast 134 Indexpunkten wurde das Rekordhoch des Vormonats im März überschritten.

Die gute Auftragslage gilt in abgeschwächter Form aber auch für die gesamte Industrie. Sämtliche Sektoren liegen im März und damit zum Ende des ersten Quartals wieder deutlich über dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Die Auftragsbücher in der Kraftwagenindustrie füllten sich im März nur leicht um 0,6%. Der Maschinenbau konnte ebenfalls auf dem Index weiter nach oben auf nun fast 109 Punkte klettern, einen ähnlichen Wert gab es zuletzt im November 2018. Die Metallverarbeitung legt im März um 1,5 % zu, die Chemie- und Pharmaindustrie kann sich über einen deutlichen Sprung der Auftragseingänge um 5,3 % gegenüber dem Vormonat freuen.

Produktion schwächelt im ersten Quartal weiter

Die Produktion des produzierenden Gewerbes startete extrem schwach ins neue Jahr. Im Januar und Februar kam es zu einem Rückgang – es zeichnete sich der Fortgang jener Rezession ab, die das produzierende Gewerbe schon seit 2018 heimsucht, noch bevor überhaupt das Vorkrisenniveau erreicht ist. Im März aber konnte die Produktion nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes saison- und kalenderbereinigt wieder um 2,5 % zulegen. Ob das eine Trendwende ist, bleibt abzuwarten, doch die Auftragseingänge deuten zumindest darauf hin. Auch die Bauproduktion, die in den Vormonaten einen starken Einbruch hinnehmen musste, konnte mit plus 10,8 % einen großen Sprung nach oben machen.

Getrübt werden diese Hoffnungswerte durch zweierlei: Erstens liegt die Produktion im Produzierenden Gewerbe saison- und kalenderbereinigt immer noch 4,3 % niedriger als im Vorkrisenmonat Februar – aus dieser Perspektive ist die Rezession also noch lange nicht beendet. Zweitens ist die Industrieproduktion (Produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) separiert nur schwach um 0,8 % gestiegen, womit die Rede von einer Trendwende verfrüht kommen könnte. Hier liegt die Produktion noch deutlicher unter dem Niveau vom Februar 2020: minus 6 % (Abbildung 6). Insgesamt schrumpfte die Produktion des produzierenden Gewerbes im ersten Quartal um minus 1,7 %.

Produktion in der Eurozone: Im Westen und Süden nichts Neues

Seit nunmehr vier Monaten befindet sich Europas Industrie in der Stagnation. Es scheint, dass kaum mehr Luft nach oben sei und sich das Produktionsvolumen mittel- bis langfristig um den Index von 2015 einpendelt. Eine niedrigere Industrieproduktion als in der Vergangenheit scheint zur Normalität zu werden. Nach einem Rückgang der saisonbereinigten Industrieproduktion in der Eurozone im Februar (minus 1,2 %) stieg sie im März gerade einmal um 0,1 % (Abbildung 1). Die Produktion sowohl der Investitions- (minus 1 %) als auch Gebrauchsgüter (minus 1,2 %) schrumpfte. Die Produktion von Vorleistungsgütern nahm hingegen leicht zu: plus 0,6 %. Gegenüber dem Vorkrisen- und Vorjahresmonat Februar 2020 sank die Industrieproduktion im Februar 2021 im Euroraum um minus 1,2%.

Stagnation auch in Italien. Die italienische Industrieproduktion schrumpfte im März um minus 0,1 % und befindet sich auf fast dem gleichen Niveau wie schon im Oktober 2020. In anderen Worten: Fünf Monate lang, das zeigen die korrigierten Zahlen, bewegt sich das Produktionsvolumen nun schon auf der Stelle, das Vorkrisenniveau scheint derzeit in weiter Ferne zu liegen – zumal die Maastricht-Krise Italiens schon vor der Covid-19-Krise inhärent war.

Nicht besser ist der Zustand von Frankreichs Industrie. Zwar wuchs die Produktion im März um leichte 0,7 %, diesem Wachstum war allerdings ein herber Einbruch im Februar vorausgegangen (minus 4,8 %). Insgesamt ist die Entwicklung der letzten Monate rezessiv, mit einem Volumenindex von 97,2 liegt die Produktion auf dem Niveau von September 2020.

Deutschlands Industrie wuchs im März um 0,8 %. Auch hier waren dem leichten Wachstum zwei Monate mit negativem Wachstum vorausgegangen. Ob der März zumindest in Deutschland eine Trendwende markiert, bleibt abzuwarten. Noch immer produziert die deutsche Industrie deutlich unter dem Index von 2015 und minus 5,8 % unter dem Volumen vom Februar 2020.

Bauproduktion noch immer unter Vorkrisenniveau

Kaum anders ist die Lage in der europäischen Bauproduktion. Noch immer bewegt sie sich unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Laut ersten Schätzungen von Eurostat stieg sie aber im März innerhalb des Euroraums wieder um 2,7 %, womit der Rückgang im Vormonat wieder wettgemacht werden konnte. Auch gegenüber dem Vorquartal wuchs die Bauproduktion um 2,7 %.

Frankreich hingegen musste im März einen der größten Einbrüche der Eurozone hinnehmen. Hier sank die Produktion im Baugewerbe um deutliche minus 7,3 %, was der zweite deutliche Rückgang in Folge ist. Nach einem hoffnungsvollen Start ins erste Quartal liegt damit auch die Bauwirtschaft Frankreichs wieder unter dem Vorkrisenniveau von Februar 2020.

Einzelhandel: Auch der zweite Lockdown ist überstanden

Das erste Quartal steht für den Einzelhandel wieder im Zeichen der Erholung. Die Umsätze in der Eurozone liegen nach einem starken Einbruch in der zweiten Jahreshälfte 2020 sowie Januar 2021 im Zuge des zweiten Lockdowns seit März wieder über den Vorkrisenniveau von Februar 2020. Der Spitzenwert vom Oktober 2020 konnte allerdings noch nicht erreicht werden.

Für den Monat März meldet Eurostat demnach einen Anstieg des Absatzvolumens um 2,7 %. Für das gesamte erste Quartal beträgt der Zuwachs 1,6 %.

Anders die Situation in Frankreich. Konnte der Einzelhandel im Dezember 2020 noch einen kräftigen Sprung nach oben machen (20,9 %), machen sich im ersten Quartal des neuen Jahres die harten Einschränkungen im Land bemerkbar. Das Absatzvolumen sank sowohl im Januar als auch im März und damit im ersten Quartal um minus 4 %.

Deutschlands Einzelhandel bekam zum Jahresbeginn ebenfalls noch die Auswirkungen des Lockdowns zu spüren, zog in den Folgemonaten aber kräftig an. Im März stieg der Einzelhandelsumsatz um 7,7 %, das ist einer der stärksten Zuwächse in der Eurozone. Insgesamt stieg das Absatzvolumen im ersten Quartal um 3,8 %. Trotzdem wird die Lage für stationäre Händler gleichzeitig immer verheerender. Das zeigte zuletzt eine Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) unter mehr als 2000 Händlern. Demnach sehen sich sechs von zehn Unternehmen ohne weitere staatlichen Hilfen in Insolvenzgefahr.

Preise nähern sich wieder der Zielinflation

Eine expansive Geldpolitik der EZB sowie umfangreiche Hilfsgelder und Konjunkturpakete der Mitgliedsstaaten haben die Konjunktur und damit auch die Inflation in der Eurozone angefacht. Allerdings spielen auch andere Faktoren, wie etwa steigende Rohstoff- und Energiepreise, eine tragende Rolle.

Seit August 2020 zeigt der Trend nach oben und auch im ersten Quartal 2021 zogen sowohl Erzeuger- als auch Verbraucherpreise deutlich an. Die Inflation nähert sich damit der Zielinflationsmarke der EZB von 1,9 %. Die deflationäre Entwicklung, gegen die die EZB mit ihre Nullzinspolitik zuvor lange erfolglos ankämpfte, ist damit beendet.

Die Erzeugerpreise in der Industrie – eine Art Frühindikator für die Inflation beziehungsweise die Entwicklung der Verbraucherpreise – stiegen im März, dem letzten Monat des ersten Quartals, um 1,1 % im Euroraum. Das ist ein Anstieg um 4,3 % im Vergleich zum Vorjahresmonat, womit die Zielinflationsrate der EZB sogar deutlich überschritten wäre.

Entsprechend stiegen auch die Verbraucherpreise in der Eurozone weiter. Lag die Inflationsrate im Dezember 2020 noch bei minus 0,3 % im deflationären Bereich, liegt sie im März zum Ende des ersten Quartals 2021 bei 1,3 % und damit auf einem Niveau, der für die Geldpolitik wünschenswert ist.

Nicht so stark wie im Durchschnitt der Eurozone, aber ebenfalls deutlich, sind die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte in Deutschland nach oben geklettert: im März waren es 3,7 %, das ist der stärkste Anstieg seit 2011.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut vorläufigen Berechnungen des Statistischem Bundesamts im März bei 1,7 %. Die führenden Institute rechnen in ihrem Gutachten für die Bundesregierung im laufenden Jahr sogar mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,4 %. 2020 lag sie bei 0,5 %. Höhere Rohstoffpreise infolge der anziehenden Weltkonjunktur und Sondereffekte, wie der Wegfall der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung sowie die Einführung der CO2-Bepreisung in den Bereichen Verkehr und Wärme, gelten hier als Treiber.

Die Wirtschaftsinstitute und der Sachverständigenrat haben für 2021 kräftige Wachstumsraten für Deutschland prognostiziert. Doch das erste Quartal 2021 sorgte für Ernüchterung, das starke Wachstum lässt noch auf sich warten, zumal die Impfkampagne nur schleppend vorankommt. Die Erwartungen, dass der Spuk spätestens mit dem Frühjahr 2021 vorbei sein wird, haben sich nicht erfüllt. Noch immer produziert die Industrie unter Vorkrisenniveau. Allein die anziehenden Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe machen Zuversicht. Nun liegt alle Hoffnung auf Frühling und Sommer.

Werden die kommenden Quartale den großen wirtschaftlichen Aufschwung endlich einleiten?

März 2021 - Gastartikel

"Die Inflation, ihre Ursachen und die Zeit"

Heiner Flassbeck * | Gastartikel | 10. März 2021

Mit der Inflation haben die meisten Ökonomen große Schwierigkeiten. Das liegt vor allem an der unterschätzten Rolle der Löhne und einem prinzipiell ungeeigneten methodischen Vorgehen. Die nächsten zehn Jahre passiert in Sachen Inflation nichts.

Man konnte es ahnen: Sobald das Ende der Corona-Krise auch nur in Sichtweite gerät, entwerfen die Inflationsbeschwörer aller Länder Schreckensszenarien. In den USA hat sich der frühere Finanzminister Summers besonders hervorgetan: Er warnte davor, dass das vom neuen Präsidenten Biden geplante Konjunkturprogramm zu groß sei und folglich unerwünschte inflationäre Nebenwirkungen haben könnte.

Für die USA, wo es traditionell wenig Inflationsangst gibt, ist das bemerkenswert. Für Deutschland, wo den Menschen seit Jahrzehnten systematisch Angst vor Inflation gemacht wird, sind derlei warnende Stimmen nicht ungewöhnlich. Sie dienen meist dazu, die Anleger in Gold, Aktien, Bitcoin oder Immobilien zu treiben, so dass die „Warner“ und die ihnen zuarbeitenden Volkswirte (die von den ebenfalls involvierten Medien meist Starökonom oder Topökonom tituliert werden) daran gut verdienen – sei es, weil sie selbst Anbieter dieser Anlageformen sind oder mit den entsprechenden Anbietern kooperieren, sei es, weil sie an der Umschichtung von Vermögenswerten von der einen in die andere Anlageform sozusagen als Croupiers verdienen.

Die traditionelle Ökonomik versagt

Aber auch Ökonomen, denen man von vorneherein zutrauen würde, die Dinge angemessen beurteilen zu können, liegen regelmäßig fundamental falsch. So sagt der Sachverständige Volker Wieland in einem Interview auf die Frage, ob die Geldmenge heute nicht eine geringere Bedeutung habe als früher:

„Das gilt durchaus für kleinere Veränderungen bei generell niedrigen Inflationsraten. Allerdings ist der Zusammenhang bei höheren Inflationsraten im Ländervergleich und bei anhaltenden Trendverschiebungen empirisch gut belegt. Wenn die Wirtschaft mehrere Jahre nicht wächst, aber die Geldmenge jährlich um 10 Prozent zulegt, wären Preisanstiege nicht vermeidbar.“

In der Tat gibt es heute eine Expansion der als relevant angesehenen Geldmengen, aber es gibt, wie Wieland selbst zugesteht, keinen belastbaren empirischen Zusammenhang zwischen der heutigen Geldpolitik und einer leichten inflationären Beschleunigung. Wieland holt jedoch mit leichter Hand ein Argument aus der Versenkung, das immer wieder herhalten muss, obwohl es überhaupt nicht trägt.

Zunächst ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Geldmenge, die ja eine von der Wirtschaft selbst bestimmte, eine endogene Größe ist, bei Nullwachstum um zehn Prozent expandieren würde. Und dann wird üblicherweise das Argument hinterhergeschoben, dass es noch niemals eine Inflation ohne eine Finanzierung durch die Geldpolitik gegeben hat. Daraus folgert man haarscharf, dass dauernde expansive Geldpolitik nur in Inflation enden könne.

Das aber ist ein schwerwiegender logischer Fehler. Hier wird eine von niemandem bestrittene notwendige Bedingung zur Entstehung von Inflation kurzerhand für hinreichend erklärt. Das ist so, als ob jemand behauptet, die Ursache für zu schnelles Fahren und die Unfälle, die sich daraus ergeben, sei in der Tatsache begründet, dass man den Fahrern ein Auto zur Verfügung gestellt hat. Solch eine Begründung wird aber kein vernünftiger Mensch akzeptieren. Er wird zwar zugeben, dass die Existenz des Autos eine notwendige Bedingung für die Unfälle war. Er wird jedoch einwenden, dass die Existenz eines Autos nicht zwingend zu Unfällen führt, so dass es regelmäßig falsch oder irrelevant ist, zu sagen, es sei die Existenz des Autos gewesen, die für den Unfall verantwortlich war.

So ist es mit dem Geld und der Inflation. Geld ist die notwendige, aber keineswegs die hinreichende Bedingung. Der Satz über die Finanzierung von Inflation ist zwar richtig, aus ihm folgt jedoch nicht, dass immer dann, wenn es in irgendeinem Sinn »viel Geld« gibt (»zu viel Geld« ist keine sinnvolle Aussage, es ist eine Tautologie, also eine Aussage, die sich selbst bestätigt, weil sie nichts anderes zulässt als den von ihr beschriebenen Zusammenhang), eine Inflation die zwingende Folge ist.

Den Ökonomen ist es mit diesem Verstoß gegen einen zentralen Satz der Logik jedoch gelungen, der großen Mehrheit der Bürger weiszumachen, man müsse einfach mehr Geld ins System geben, und schon spränge die Inflation hinter dem nächsten Busch hervor. Volker Wieland hat übrigens eine fast gleichlautende Warnung schon 2014 abgegeben..

Was bei den meisten Diskussionen über drohende Inflation (hier eine etwas ernsthaftere von Peter Bofinger mit Thomas Mayer) untergeht, ist die zentrale Frage, ob es der zeitliche Ablauf der Ereignisse der Notenbank oder dem Staat erlaubt, rechtzeitig auf eine etwaige Inflationsgefahr zu reagieren oder nicht. Ökonomen sind generell nicht besonders gut bei der Beantwortung einer solchen Frage, weil sie es gewohnt sind, Impuls-Reaktion-Antworten zu geben, nicht aber, sich Gedanken über Verläufe in realer Zeit zu machen. Sie betreiben komparative Statik, vergleichen also den Zustand einer Volkswirtschaft (bzw. des Modells einer Volkswirtschaft) vor und nach einem inflationären Impuls, von woher der auch immer kommen mag.

Ist das Modell so gestrickt, dass die einschlägigen Variablen, wie etwa die Investitionen, deutlich auf monetäre Impulse reagieren, also etwa auf die Senkung der Zinsen, „findet man heraus“, dass eine expansive Geldpolitik Inflationsgefahr mit sich bringt wie derzeit in Europa. Ist das Modell so ausgelegt, dass die Preise vor allem auf eine hohe Auslastung der Sachkapazitäten reagieren, warnt man vor einer zu expansiven Fiskalpolitik wie derzeit in den USA. Was der Sache angemessen ist, lässt sich auf diese Weise jedoch nicht herausfinden.

Hans-Werner Sinn stellt bei seinen düsteren Prognosen (hier im Standard) neben der auch bei ihm zu findenden Geldmengenwarnung immerhin explizit auf einen zeitlichen Verlauf ab, aber auch das ist mehr als fragwürdig:

„Denn dafür müsste die EZB die Geldmenge wieder einsammeln. Das aber würde kaum möglich sein, weil extrem viel eingesammelt werden muss und weil dazu die vielen Staatspapiere, die die EZB gekauft hat, wieder verkauft werden müssten. Nach meiner Schätzung liegt der Geldüberhang bei etwa drei Vierteln der Zentralbankgeldmenge, und der Löwenanteil dieses Überhangs kam durch den Kauf von Staatspapieren zustande. Die Situation ist vergleichbar mit der eines Kutschers, der viel zu lange Zügeln gelassen hat. Geht es abwärts, kann er die Zügel nicht schnell genug straffen. Ihm fehlt also die Möglichkeit zu bremsen.“

Das mit dem Kutscher ist ein schönes altes Bild, das schon deswegen gut ist, weil sich eine solche Situation heute niemand mehr vorstellen kann. Doch auch mit Kutsche fahren, hat die Geldpolitik in Europa und der ganzen Welt nichts zu tun. Um das zu verstehen, muss man sich zunächst die langfristigen Ursachen der Inflation vor Augen führen. Dann gilt es, sich einen Verlauf der globalen und europäischen Wirtschaft vorstellen, bei dem es – unter „günstigsten Umständen“ also – zu einer allmählichen Inflationierung kommen könnte.

Die Ursachen der Inflation

Was wir genau kennen, ist die langfristige Ursache von Inflation. Wie in den 3 Bildern im Anhang dargestellt, gibt es einen unumstößlichen Zusammenhang zwischen Inflation und Lohnstückkosten. Wenn die nominalen Lohnkosten über zehn oder zwanzig Jahre stärker als die Arbeitsproduktivität steigen, schlägt sich das weitgehend in der Inflationsrate des betroffenen Landes nieder.

Die eigentlich relevante und empirisch hervorragend bestätigte Inflationstheorie, die zur Aufklärung einen riesigen Beitrag leisten würde, „darf“ der Mainstream-Ökonom jedoch nicht benutzen, weil sie zentrale Mythen in Frage stellen würde. In der Ökonomik wird kein empirischer Zusammenhang mit größerer Konsequenz ignoriert als dieser. Würde man ihn zur Kenntnis nehmen, brächen nämlich gleich zwei zentrale Bausteine aus der herrschenden Ideologie heraus: der flexible und sich selbst regulierende Arbeitsmarkt und die unabhängige, nur der Preisstabilität verpflichtete Zentralbank.

Wenn die Preise den Lohnstückkosten folgen, kann man mithilfe sinkender Löhne eben nicht zum Gleichgewicht am Arbeitsmarkt zurückfinden, sprich: Arbeitslosigkeit abbauen, sondern erzeugt Deflation. Wenn die Lohnstückkosten entscheidend für die Inflationsrate sind, braucht man die Notenbank nicht mehr systematisch und permanent zur Inflationskontrolle, was Tür und Tor öffnet für Wünsche der Politik, die Notenbank auch zur Stimulierung der Investitionstätigkeit einzusetzen. Beides muss aus der Sicht des herrschenden Ökonomen verhindert werden, weil es den Mythos der Selbststabilisierung des marktwirtschaftlichen Systems, das nur eines geldpolitischen Rahmens, nicht aber des Eingreifens des Staates mit seiner Zentralbank bedarf, grundsätzlich fragwürdig macht.

Ein sinnvolles Szenario

Der stabile langfristige Zusammenhang bedeutet allerdings nicht, dass sich auch über weit kürzere Fristen jede Lohnsteigerung oder jeder Lohnrückgang (im Vergleich zu vorher und im Vergleich zur Produktivität) zuverlässig in einer gleichartigen Veränderung der Inflationsrate niederschlägt. Klassisches Gegenbeispiel ist Griechenland, wo sich nach 2010 eine (von den Gläubigern verlangte und durchgesetzte) massive Nominallohnkürzung zunächst weitgehend in sinkenden Reallöhnen niederschlug, also in einer nur geringen Veränderung der Preise.

Nun mag der Zusammenhang in umgekehrter Richtung, also bei steigenden Nominallöhnen, enger sein: Die Unternehmen mögen ihre starke Position ausnutzen können, um die Preise rasch an steigende Lohnkosten anzupassen. Das beantwortet aber noch nicht die Frage, wo in absehbarer Zeit Lohnsteigerungen herkommen sollen, die von den Unternehmen ohne große Verzögerung in Preissteigerungen umgesetzt werden könnten.

Weltweit hat es mit dem Corona-Schock einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit gegeben, der die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften (wo solche überhaupt existieren) weiter geschwächt hat. In Deutschland hat es 2020 sogar eine Nullrunde in vielen Bereichen gegeben, weil man glaubte, die Arbeitgeber in der Corona-Krise nicht auch noch durch steigende Löhne belasten zu können.

In Europa ist der neue Anstieg der Arbeitslosigkeit besonders gravierend, weil der Kontinent schon nach der letzten großen Krise (der Finanzkrise von 2008/2009) seine Arbeitslosigkeit nicht wieder auf das Niveau von vor der Krise hatte senken können. In einem Land wie Italien ist der Nominallohnanstieg seit zehn Jahren extrem schwach und die Reallöhne stagnieren nahezu seit dieser Zeit. Wo sollen auf einmal die Veränderungen herkommen, die die Machtverhältnisse in Italien auf den Kopf stellen und – quasi über Nacht – hohe Lohnsteigerungen ermöglichen?

Selbst in den USA, die vor dem Corona-Schock beinahe Vollbeschäftigung erreicht hatten, haben sich damals alle sachkundigen Beobachter gewundert, dass sich die gute Beschäftigungslage bis Ende 2019 nicht in Lohnsteigerungen niederschlug, die mit denen in früheren Aufschwüngen vergleichbar waren. Warum sollte es jetzt, nach einer deutlichen Erhöhung der Arbeitslosigkeit, leichter sein, Lohnerhöhungen durchzusetzen?

Alle Inflationsprozesse nehmen den Weg über höhere Löhne. Es gibt keine Inflation, die plötzlich und unvorhersehbar vom Himmel fällt, weil vorher irgendeine Geldmenge gestiegen ist oder der Staat mehr Geld als sonst ausgegeben hat. Deswegen ist der Zeitaspekt bei der Beurteilung der Inflationsgefahr absolut entscheidend.

Nehmen wir an, es käme ab dem Jahr 2022 in der gesamten Welt zu einem kräftigen Aufschwung. Im Gefolge dessen würden die Beschäftigungszahlen steigen und die Arbeitslosigkeit würde beginnen zu sinken. Bei einem Wachstum von, sagen wir, drei Prozent in den Industrieländern würde, das sagt die Erfahrung, die Beschäftigung vielleicht um ein Prozent pro Jahr zulegen. Um die Arbeitslosigkeit in Europa (derzeit im Euroraum bei fast 14 Millionen Personen oder nahezu 8,5 Prozent bei einer Erwerbsbevölkerung von etwa 160 Millionen) auf ein Niveau zu bringen, wo die Arbeitnehmer in einer deutlich besseren Verhandlungsposition sind, müsste die Arbeitslosenquote sicher auf deutlich unter fünf Prozent fallen (man bedenke, dass auch in Deutschland die Lohnentwicklung schwach geblieben ist trotz besserer Beschäftigungszahlen als im Rest Europas).

Um das zu erreichen, müsste die Beschäftigungszahl um insgesamt 6 Millionen zulegen, wenn man (was unrealistisch ist) unterstellt, dass es keine stille Reserve gibt, die Zahl der Erwerbswilligen also auch dann nicht steigt, wenn sich die Beschäftigungssituation erheblich verbessert. Bei 1,6 Millionen Zuwachs der Zahl der Beschäftigten pro Jahr (die oben genannten ein Prozent), braucht man offenbar in diesem sehr günstigen Fall fast vier Jahre, um die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer wirklich durchgreifend zu verbessern. Würde es ihnen in Europa dann gelingen (was in den USA wie oben gesagt in einer Vollbeschäftigungssituation nicht der Fall war), allmählich höhere Löhne durchzusetzen, brauchte es noch einmal einige Jahre, um die Löhne bei immer noch guter Beschäftigungssituation so weit zu treiben, dass eine ernste Inflationsgefahr bestünde.

Am Ende des Aufschwungs sind höhere Zinsen kein Problem

Wer könnte und wollte die EZB daran hindern, nach fast zehn Jahren Aufschwung und dem Erreichen einer sehr guten Beschäftigungslage, dafür zu sorgen, dass die Lohnpolitik nicht maßlos überzieht, und tatsächlich via höhere Zinsen eine Trendwende einzuleiten? Sie hat – ganz anders als Sinns Kutscher – alle Zeit der Welt, um das vorzubereiten und in kleinen Schritten umzusetzen, sodass die Kollateralschäden gering bleiben. Auch steigende Zinsen für Staatsanleihen und damit die einfache Möglichkeit für die EZB, einen großen Teil der von ihr heute gehaltenen Staatspapiere wieder am Markt unterzubringen, gehören zu einem solchen Szenario.

Der Haken ist wieder einmal die Wirklichkeit. Eine solche denkbare Entwicklung ist für fast alle Entscheidungen heute weitgehend irrelevant, weil die Wahrscheinlichkeit, dass dieses sinnvolle Szenario eintritt, sehr gering ist. Wenig spricht dafür, dass Europa gelingen könnte, was ihm bisher in diesem Jahrhundert nicht gelang, nämlich die geistigen Blockaden zu überwinden, die es sich mit seinem vor allem von Deutschland vorangetriebenen neoliberalen Programm selbst gesetzt hat.

Man müsste ja in Berlin die Schuldenphobie überwinden und erkennen, dass in einer Welt mit Unternehmen, die sogar bei Nullzinsen Nettosparer sind, die alten Regeln inklusive der Schuldenregel aus dem Maastricht-Vertrag obsolet und gefährlich sind. Und man müsste allen europäischen Ländern zugestehen, dass sie ihre Staatsschulden an ihren eigenen makroökonomischen Verhältnissen auszurichten haben und nicht an willkürlichen Kriterien, die in einem Vertrag stehen. Wer glaubt schon an solch ein Wunder?

Wer allerdings nicht an solch ein Wunder glaubt, der muss glauben, dass auch in den nächsten zehn Jahren die Zinsen bei null liegen und die Inflationsrate bei Werten, die, natürlich von kleinen und kurzfristigen Schwankungen abgesehen, nahe am deflationären Bereich und deutlich unter zwei Prozent bleibt.

Anhang: Diese Bilder entstammen dem Atlas für Weltwirtschaft 2020/2021, der im November 2020 beim Westend-Verlag erschienen ist.


* Zum Autor:

Heiner Flassbeck (* 12. Dezember 1950 in Birkenfeld) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Er war von 1998 bis 1999 Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und von Januar 2003 bis Ende 2012 Chef-Volkswirt (Chief of Macroeconomics and Development) bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf. Er war bis November 2019 neben Paul Steinhardt Herausgeber der Online-Zeitschrift Makroskop und ist wie dieser im Vereinsvorstand der Georg-Friedrich-Knapp-Gesellschaft für Politische Ökonomie (GFKG).

Februar 2021

Das vierte Quartal 2020 endet für Deutschland und Europa mit einer Abschwächung der Konjunktur im Schatten des zweiten Lockdowns. Die Industrieproduktion hat noch immer nicht das Niveau vor der Coronakrise erreicht und sinkt sogar wieder.

Im Vergleich zum Vormonat unverändert hält sich die Arbeitslosenquote im Dezember 2020 im Euroraum bei 8,3 %. Zuvor gab es im Oktober und November laut aktualisierter Daten von Eurostat jeweils einen Rückgang im Vergleich zum Vormonat. Mit anderen Worten, Dank dem Instrument des Kurzarbeitergeldes hält sich die Quote zum Jahresende trotz zweitem Lockdown zumindest statistisch stabil.

Dennoch hat die Corona-Krise auch offiziell zu einem Anstieg der Erwerbslosigkeit geführt. Der Blick auf den Vorjahresmonat Dezember 2019 verdeutlicht dies – damals lag die Arbeitslosenquote bei 7,4 %. Insgesamt waren im Euroraum im Dezember 2020 knapp über 13,6 Millionen Menschen ohne Arbeit, gut 1,5 Millionen mehr als im Vorjahresmonat.

Dramatisch hoch bleibt die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum. Und sie stieg im vierten Quartal 2020 weiter an: Im Dezember 2020 lag sie bei 18,5 %, im September 2020 waren es noch 18,0 %.

In Frankreich stieg die Arbeitslosigkeit laut den angepassten Zahlen von Eurostat im Dezember 2020 leicht auf 8,9 % im Vergleich zum Ende des dritten Quartals September 2020 (8,8 %). Wenig zuverlässig bleiben die Zahlen aus Italien. Für Dezember wird eine Arbeitslogenquote von 9,0 % gemeldet, das wäre ein leichter Anstieg zum Vormonat aber ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat Dezember 2019 (9,6 %). Bemerkenswert ist im Stiefel aber die Jugendarbeitslosigkeit, die im Dezember 2020 auf 29,7 % angewachsen ist.

Auch in Deutschland ist die Arbeitslosenquote im Dezember nur leicht gestiegen und liegt laut der Berechnung von Eurostat bei 4,6 %. Das klingt auf dem ersten Blick nach einem »resilienten« Arbeitsmarkt. Allerdings ist auch die Erwerbstätigkeit im Durchschnitt des Jahres 2020 um 480.000 Personen oder 1,1 Prozent gesunken.

Ebenso muss die Kurzarbeit berücksichtigt werden. Nach Angaben des Ifo-Instituts ging diese zwar von 3,7 Millionen Menschen im September 2020 auf 1,95 Millionen im Dezember 2020 weiter zurück, allerdings ist im Zuge des zweiten Lockdowns wieder eine Tendenz nach oben zu beobachten – betroffen sind vor allem Gastgewerbe und Einzelhandel. Für Januar 2021 meldet das Ifo-Institut bereits einen Anstieg der Kurzarbeit um 20 Prozent auf knapp 2,6 Millionen.

Rechnet man den durch die Kurzarbeit verursachten Arbeitsausfall in Vollzeitarbeitsplätze um, ergibt sich rechnerisch eine zusätzliche Zahl beschäftigungsäquivalenter Kurzarbeitender von rund einer Million, so etwa Friederike Spiecker. Zusammengenommen nähert sich die Unterbeschäftigung damit inzwischen der 5-Millionen-Grenze.

Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe: Ende des Zwischenhochs?

Der zweite Lockdown seit November hinterlässt im Dezember allmählich seine Spuren in der konjunkturellen Entwicklung Deutschlands. So sind die Aufträge im Verarbeitenden Gewerbe nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes im Dezember 2020 um minus 1,9 % gesunken. Vor allem bei den Herstellern der so wichtigen Investitionsgüter gab es einen deutlichen Rückgang um minus 4,6 %.

Zwar liegen die Auftragseingänge immer noch höher als im Februar, dem Monat vor dem Beginn der ersten Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland (saison- und kalenderbereinigt plus 2,6 %).  

Allerdings relativieren sich diese Zahlen im Jahresvergleich: Im gesamten Jahr 2020 lag der Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe kalenderbereinigt um minus 7,2 % niedriger als im Vorjahr. Ebenso liegen die Auftragseingänge wieder gut 10 Indexpunkte unter dem Höhepunkt des letzten Aufschwungs, der bereits im März 2018 endete und in eine langanhaltende Rezession überging. Mit Blick auf den Ifo-Index und das nicht absehbare Ende des Lockdowns in Europa könnte der Dezember das Ende des konjunkturellen Zwischenhochs eigeleitet haben.

Diese Gefahr besteht insbesondere für die deutsche Exportwirtschaft, die zwar vorläufig in die »Erfolgsspur« zurückkehrte – eine Zunahme der Auftragseingänge aus dem Ausland seit September 2020 um 7,6 % – die aber im Dezember deutlicher sanken (minus 2,6 %) als die Inlandsaufträge (minus 0,9 %).

Der Grund für den Rückgang der Auslandsaufträge ist im starken Einbruch der Nachfrage aus der Eurozone zu suchen (minus 7,5 %). Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen im Dezember hingegen um 0,5 %.

 

 

Autoindustrie rutscht zurück in die Krise

Auch der Aufschwung der Kraftwagenindustrie ist beendet. Hatte dieser Sektor bereits im November einen Auftragsrückgang zu verzeichnen (minus 3 %), bestätigte sich diese Trendwende im Dezember mit kräftigen minus 5 % und übertrifft damit die Erwartungen der Analysten. Damit befindet sich die Kraftwagenindustrie wieder unter dem Vorkrisenniveau von Februar 2020.

Nur geringfügige Veränderungen gab es hingegen in den anderen Industriesektoren, deren Auftragslage sich im Dezember insgesamt auf einem höheren Niveau als zum Ende des dritten Quartals befindet. Mit einem leichten Rückgang hat die Metallverarbeitung zu kämpfen, in den restlichen Sektoren gab es leichte Anstiege der Auftragslage.

Produktion im Verarbeitenden Gewerbe liegt 2020 minus 8,5 % unter Vorjahr

Anders als die Auftragslage, die sich wieder über Vorkrisenniveau befindet, schafft die Produktion des produzierenden Gewerbes diesen Schritt auch im achten Monat seit dem Tiefpunkt im April 2019 nicht. War der Produktionsindex seit Mai fast ohne Unterbrechung aber langsam gestiegen, stagniert die Produktion im Dezember. Sie liegt damit 3,6 % unter dem Niveau von Februar 2019. Im Vergleich zum Vorjahresmonat liegt die Produktion saison- und kalenderbereinigt noch bei minus 1 %.

Während die Bauproduktion um 3,2 % gesunken ist, konnte die Industrieproduktion (Produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) im Dezember noch einmal leicht um 0,9 % zulegen. Innerhalb der Industrie stieg die Produktion von Vorleistungsgütern um 2 % und von Konsumgütern um 2,6 %. Bei den Investitionsgütern ging die Produktion um minus 0,5 % zurück.

De facto bleibt die Krise, von der die deutsche Industrie erfasst ist, bestehen und zementiert einen wurzelförmigen Konjunkturverlauf, der immer noch unter dem Index von 2015 liegt. Im gesamten Jahr 2020 lag die Produktion im Produzierenden Gewerbe kalenderbereinigt um 8,5 % niedriger als im Vorjahr.

Auch in der Eurozone stagniert die Produktion

Seit dem dritten Quartal nichts neues. Schlimmer noch: Der Atem des Lockdowns hat die europäische Industrieproduktion im Dezember wieder erfasst. Im Dezember 2020 sank laut Schätzungen von Eurostat die saisonbereinigte Industrieproduktion im Euroraum um minus 1,6 %. Damit wurde die Erholung vom Einbruch des ersten Lockdowns gestoppt, bevor die Produktion das Niveau des Vorjahresmonats erreichen konnte – sie liegt nun um 0,8 % unter dem Monat Dezember 2019.

Amtlich ist jetzt auch, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die Industrieproduktion für das ganze Jahr gerechnet hatte: Gegenüber 2019 sank die durchschnittliche jährliche Produktion für 2020 im Euroraum um 8,7 %.

Italiens Industrieproduktion schlägt nach der kurzzeitigen Überwindung des Corona-Absturzes langsam wieder den Rezessionspfad ein, der schon vor der Corona-Krise Italiens Industrie belastete. Nachdem es bereits im November einen Rückgang von 1,4 % gab, schrumpfte die Produktion auch im Dezember weiter um 0,2 %. Die Produktion im Stiefel liegt längst wieder unter dem Index und deutlich unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Das unterstreicht, dass Italien nicht nur ein Corona-Problem hat, sondern auch ein Eurozonen-Problem. Oder wie es Thomas Fazit formuliert: »Italiens Krise ist eine Krise der Post-Maastricht-Ordnung des italienischen Kapitalismus

Auch in Frankreich, dessen Industrie, vor allem die Autoindustrie, ähnliche Probleme hat wie in Italien, sank die Produktion im Dezember wie schon im Vormonat um 0,8 %.

Deutschlands Industrie konnte entgegen dem europäischen Trend erneut leichte Geländegewinne erzielen. Nachdem der Zuwachs im November von Eurostat auf 1,3 % nach oben korrigiert wurde, lag der Anstieg der deutschen Industrieproduktion im Dezember bei 0,6 %. Grund zur Selbstzufriedenheit ist das allerdings nicht: Deutschlands Industrie produziert im Vergleich zu den anderen Kernländern und der Eurozone weiter auf sehr niedrigem Niveau und 1,8 % unter dem Volumen von Dezember 2019.

Bauproduktion: Lage schlechter als im September

In der europäischen Bauproduktion ist die Lage kaum anders. Mehr noch als im September bewegt sie sich unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Laut ersten Schätzungen von Eurostat sank sie im Dezember im Euroraum um deutliche 3,7 %. Gegenüber Dezember 2019 ging die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um minus 2,3 % zurück. Das bedeutet mit dem Ende des Jahres, dass die durchschnittliche jährliche Produktion im Baugewerbe gegenüber 2019 im Euroraum um minus 5,7 % sank.

Einen der stärksten Rückgänge im europäischen Vergleich musste Frankreich hinnehmen, hier sank die Produktion im Baugewerbe im Dezember um satte minus 8,6 %. Damit ist das Land, das noch im August nach kräftigen Zuwächsen Vorjahrsniveau erreichen konnte, seit September wieder im Sinkflug. Im gesamten vierten Quartal schrumpfte die französische Bauproduktion um minus 2,9 %.

Einzelhandel: Wieder unter Vorkrisenniveau

Noch im August konnte der europäische Einzelhandel einen neuen Spitzenwert erreichen und sich vollständig vom ersten Lockdown erholen. Doch damit ist es längst vorbei. Seit September musste der Einzelhandel angesichts geschlossener Geschäfte wieder deutliche Einbußen hinnehmen und sank wieder unter das Vorkrisenniveau von Februar 2020. An der katastrophalen Lage hat sich seitdem nichts geändert, trotzdem meldet Eurostat für Dezember einen überraschenden Anstieg des Absatzvolumens um 2,0 %.

Zu verdanken ist dies vor allem dem Absatzvolumen bei »Motorenkraftstoffen« (5,1 %), bei »Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren« (1,9 %) und im »Nicht-Nahrungsmittelsektor« um 1,5 % (innerhalb dieser Kategorie stieg das Absatzvolumen bei Textilien, Bekleidung, Schuhe um 12,4 %). Gerade die Textil- und Bekleidungsbranche war zum Ende des dritten Quartals im September noch um minus 7,6 % und im Vormonat November um minus 30,5 % eingebrochen.

Frankreichs Einzelhandel ist trotz harter Einschränkungen im Land einer der Gewinner, das Absatzvolumen stieg im Dezember um ganze 22,3 %. Auch im Jahresvergleich kann Frankreich in diesem Sektor einen Zuwachs von 9,1 % verzeichnen.

Deutschlands Einzelhandel, der im November einen neuen Höchstwert des Absatzvolumens seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht hatte, brach hingegen im Dezember um minus 9,6 % ein und liegt damit wieder unter dem Vorjahresmonat Dezember 2019.

Preise steigen langsam

Der Deflationsdruck in der Eurozone nimmt weiter ab. Seit August zeigt der Trend nach oben. So stiegen die Erzeugerpreise in der Industrie im Euroraum im Dezember erneut leicht an, diesmal um 0,8 %, liegen aber noch immer deutlich unter der Zielinflationsrate der EZB. Wie niedrig die Preise immer noch sind, zeigt sich auch im Jahresvergleich: Die Veränderungsrate der Erzeugerpreise gegenüber Dezember 2019 liegt bei minus 1,1 %. Und die durchschnittlichen jährlichen Erzeugerpreise in der Industrie sanken gegenüber 2019 im Euroraum um minus 2,6%.

Keine Veränderungen dagegen bei den Verbraucherpreisen, der Index liegt im Dezember wie im gesamten vierten Quartal bei minus 0,3 %.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut vorläufigen Berechnungen des Statistischem Bundesamts (Destatis) im Dezember 2020 bei -0,3 %. Damit war sie zum fünften Mal im Jahr 2020 leicht negativ. Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, wird die Inflationsrate im Jahresdurchschnitt 2020 voraussichtlich bei 0,5 % liegen.

Wie schon im dritten Quartal dürfte die Ursache für die negative Inflationsrate die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze als auch weiter der coronabedingte Druck auf die Löhne in Form des Kurzarbeitergeldes sein.

Die Wirtschaftsinstitute und der Sachverständigenrat gehen davon aus, dass sich die deutsche Wirtschaft nach dem Ende des Corona-Schocks wieder fangen werde. Für 2021 wurden wieder kräftige Wachstumsraten prognostiziert. Nur – wann kommt das Ende? Die Erwartungen, dass der Spuk spätestens mit dem Frühjahr 2021 vorbei sein wird, erfüllen sich nicht. Und anders als erhofft, scheint die immer noch unter Vorjahresniveau produzierende Industrie nun allmählich auch von der zweiten Corona-Welle erfasst zu werden. Und wird es auch noch eine dritte Welle geben? Es ist fraglicher denn je, ob der große gesamtwirtschaftliche Aufschwung, den man gegen Jahresende prognostiziert hat, wirklich eintritt.

Dezember 2020

Das dritte Quartal endet für Deutschland und Europa mit einer verhaltenen konjunkturellen Entwicklung. Auftragseingänge und Produktion haben in weiten Teilen noch immer nicht das Niveau vor der Coronakrise erreicht. Sorgen macht auch der Arbeitsmarkt im Schatten des neuen Lockdowns.

Staatshilfen und Kurzarbeitergelder haben verhindert, dass die Folgen des harten Lockdowns zwischen März und April hart und direkt auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen sind. Unabhängig davon stieg die Arbeitslosigkeit, aufgrund der Spätfolgen des ersten Lockdowns, fünf Monate in Folge, wenn auch im Verhältnis zum historischen wirtschaftlichen Einbruch sehr moderat. (Das hat statistische Gründe.) Im September liegt sie nun saisonbereinigt im Euroraum unverändert bei 8,3 %. Die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum liegt bei 17,6 %.

Gemäß Schätzungen von Eurostat waren im September 2020 etwa 13,6 Millionen Personen im Euroraum arbeitslos. Gegenüber August 2020 stieg die Zahl der arbeitslosen Personen um 75.000.

In Frankreich dagegen stieg die Arbeitslosigkeit laut Eurostat im September erneut von 7,5 % auf jetzt 7,9 %. Wenig zuverlässig waren in der Vergangenheit die Zahlen aus Italien. Im Juli schnellten die offiziellen Arbeitslosenzahlen wie berichtet auf 9,8 % hoch, im August soll es dort – als einziges Kernland – wieder einen leichten Rückgang auf 9,7 % gegeben haben; auch im September ist laut Schätzungen der Statistikbehörde die Quote erneut auf nun 9,6 % gesunken.

In Deutschland verharrt die Arbeitslosenquote unverändert bei 4,5 % im August. Um international vergleichbare Daten zu haben, verwendet Eurostat sogenannte harmonisierte Arbeitslosenquoten. Aus methodischen Gründen fällt dabei die deutsche Quote regelmäßig geringer aus als die amtlichen Angaben der Bundesagentur für Arbeit. Der deutsche Sachverständigenrat spricht von einem »resilienten« Arbeitsmarkt. Will man aber ein ungeschminktes Bild der Lage sehen, muss man die Zahl der Kurzarbeiter zusätzlich zur Zahl der Arbeitslosen berücksichtigen.

So geht nach Angaben des Ifo-Instituts die Kurzarbeit in Deutschland zwar weiter zurück. Demnach waren im September nur noch 3,7 Millionen Menschen in Kurzarbeit – nach 4,7 Millionen im August und 5,9 Millionen im April. Damit sind aber die Erschütterungen auf dem Arbeitsmarkt wesentlich größer als der zur Zeit der Finanzkrise 2008 / 2009.

Rechnet man die Zahlen der beschäftigungsäquivalenten Kurzarbeit mit in die Zahl der Arbeitslosen ein, ergibt sich für das zweite Quartal 2020 eine Arbeitslosenquote, die mehr als doppelt so hoch ist wie die internationale amtliche Quote von 4,2 %, nämlich eine Quote von 9,1 %, so der Befund von Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker.

Der Anteil der Kurzarbeiter bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten insgesamt entspricht 11 %. Wesentlich höher ist der Anteil der Kurzarbeit in der Industrie. Im verarbeitenden Gewerbe waren im September schätzungsweise noch 1,47 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Das entspricht einem Anteil von 21 % aller Beschäftigten. Allein in der Metallindustrie und im Maschinenbau sind es 31 % bzw. 29 %.

Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe noch unter Vorkrisenniveau

Das hier und jetzt spielt sich im November ab: steigende Infektionszahlen und ein Lockdown-Light bis mindestens Ende des Monats. Der Blick auf die Konjunktur ist aber stets rückwärtsgewandt, ein Blick, in dem die Gegenwart noch nicht abgebildet ist. Und so ist der reale (preisbereinigte) Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes im September 2020 von einer leichten Erholung geprägt. Saison- und kalenderbereinigt lag er um 0,5 % höher als im August.

Damit ist das Niveau des Vorjahresmonats September 2019 aber noch immer noch nicht erreicht. Kalenderbereinigt gab es einen Rückgang um 1,9 %. Im Vergleich zu Februar, dem Monat vor dem Beginn der ersten Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland, war der Auftragseingang im September saison- und kalenderbereinigt sogar um 2,6 % niedriger. Auch dass die Aufträge für die Hersteller von Investitionsgütern im September um 2 % zurückgegangen sind, ist kein gutes Zeichen.

Der Anstieg der Auftragseingänge gegenüber August ist diesmal ganz dem Inland zu verdanken, hier stiegen die Aufträge um 2,3 %. Die Auslandsaufträge verringerten sich hingegen um minus 0,8 %.

Die sinkenden Auftragseingänge aus dem Ausland liegen vor allem im Einbruch der Eurozone begründet - minus 6 %. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen dagegen um 2,7 %. Wie sich hier der Oktober und November bemerkbar machen werden, in der mehrere Weltregionen wieder vor zweiten Lockdowns stehen, lässt sich nur erahnen.

Auftragslage der Industrie hellt sich auf, der Maschinenbau darbt

Auch die Auftragslage für die meisten Industriesektoren hellt sich im September weiter auf. Bis auf den Maschinenbau – hier ergab sich ein Rückgang von 3,7 % – zogen die Auftragseingänge zum fünften Mal in Folge an.

Das gilt auch für die größte Branche des verarbeitenden Gewerbes, die Automobilindustrie. Im September nahm der Auftragseingang mit 5,1 % deutlicher zu als noch im August. Damit liegt die Branche nun 5,8 % über dem Vorkrisenniveau von Februar.

Der Rückschlag für den deutschen Maschinenbau, der noch im August einen kräftigen Zuwachs von 11,4 % verbuchen konnte, dürfte auf den Einbruch der Auftragseingänge aus der Eurozone zurückzuführen sein. Etwa 60 % der Umsätze erwirtschaftet der deutsche Maschinenbau im Ausland und war seit der Corona-Krise vom Rückgang der internationalen Nachfrage besonders hart getroffen. Damit liegen die Auftragseingänge im Maschinenbau um 8,2 % niedriger als im Februar.

Deutsche Industrieproduktion in schlechterer Verfassung…

Der Produktionsindex des produzierenden Gewerbes ist seit Mai stetig gestiegen, ohne jedoch in Reichweite des Vorkrisenniveaus zu kommen. Im August gab es einen kleinen Rückschlag, im September stieg die Produktion wieder um 1,6 % an. Doch nach wie vor ist das Vorkrisenniveau nicht erreicht. Auch im Vergleich zum Vorjahresmonat September 2019 ist die Produktion saison- und kalenderbereinigt um minus 7,3 % gesunken.

Auch die Industrieproduktion (produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) ist im September um 2 % gestiegen. Innerhalb der Industrie nahm die Produktion von Vorleistungsgütern um 3,3 % zu. Bei den Konsumgütern stieg die Produktion um 3 %, bei den Investitionsgütern um 2,2 %.

Deutschlands Bauproduktion hat im September ebenfalls Boden gut gemacht, diesmal um 1,5 %. Damit konnte die deutsche Bauwirtschaft den Rezessionspfad, den sie seit März beschreitet, vorerst verlassen.

Insgesamt ist damit zwar eine weitere Verschärfung der Rezession vorerst abgewendet, die schon 2017/2018 die deutsche Industrie erfasst hatte. Die Daten zeigen aber auch, dass die Investitionstätigkeit und die von ihr abhängigen Wirtschaftsbereiche nach wie vor in einer schlechten Verfassung sind. Die Produktion von Investitionsgütern hatte im Aufschwung vor dem Corona-Schock im November 2017 in der Spitze ein Niveau ihres Index von 109 erreicht. Im Februar 2020 war die Produktion wegen der vorangegangenen Rezession schon auf 98 gesunken. Für das dritte Quartal ergibt sich ein Wert von knapp 86. Was nichts anderes heißt, als dass die deutsche Schlüsselindustrie derzeit auf einem Niveau produziert, das um 20 Prozent unter dem liegt, das sie vor drei Jahren erreicht hatte.

Und angesichts neuer, rekordverdächtiger Infektionszahlen und des zurückgekehrten Gespenst des Lockdowns in Europa mutet schon die verhaltene Prognose des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus den Vormonaten – dass die deutsche exportabhängige Produktion frühestens im nächsten Jahr auf Vor-Corona-Niveau gehoben wird – mittlerweile sehr optimistisch an.

…als der Rest der EWU

Verglichen mit den anderen Ländern der EWU liegt Deutschland bei der Industrieproduktion auf dem letzten Platz. Während Italien und Frankreich schon fast wieder einen Indexstand von 100 erreicht haben, liegt Deutschland noch fast zehn Prozent darunter.

Doch auch für die europäische Industrie steht es nicht zum Besten. Im September ist die Erholung endgültig zum Erliegen gekommen. Schon im August stieg die saisonbereinigte Industrieproduktion im Euroraum nur noch um 0,6 %. Im September ging sie im Vergleich zum Vormonat wieder um 0,4 % zurück. Der Übergang in die Stagnation setzt damit zu einem Zeitpunkt ein, indem die Industrieproduktion immer noch um minus 6,8 % unter dem Vorjahr liegt und in vielen europäischen Staaten ein zweiter Shutdown vor der Tür steht.

Unter den Kernländern ist es diesmal Italien, dessen Industrieproduktion nach einem deutlichen Zuwachs von 7,7 % im August um 5,6 % einsackte. Damit liegt die Produktion im Stiefel, die es im August kurzeitig über den Index schaffte, wieder darunter und unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020.

An der insgesamt schlechten konjunkturellen Lage ändern auch die leichten Zuwächse in Frankreich nichts. Dort stieg die Industrieproduktion um 1,5 % und damit sogar etwas stärker als im Vormonat.

Damit bestätigt sich das Bild einer ››wurzelförmigen‹‹ konjunkturellen Entwicklung: Nach dem dramatischen Einbruch im April und Mai, folgte eine rasante Erholung, die dann in die zweite Phase einer sehr langsamen Normalisierung übergeht und jetzt sogar weiter verzögert werden könnte. Mit anderen Worten: Im dritten Quartal gab es trotz einer deutlich beruhigten Corona-Lage keinen Fortschritt mehr. Eine Rückkehr zu dem Niveau vom Februar ist nicht in Sicht. Man muss weiterhin von einer sehr schweren Rezession in der EWU sprechen.

Bauproduktion Europa

Die europäische Bauproduktion bewegt sich weiter unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Laut ersten Schätzungen von Eurostat sank sie im September im Euroraum um 2,9 %. Gegenüber September 2019 ging die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um minus 2,7% zurück.

Das gilt auch für Frankreich, eines der Länder, in dem die Bauwirtschaft im August noch einen der stärksten Zuwächse unter den Mitgliedstaaten verzeichnen (7,6 %) und das Niveau des Vorjahresmonats August 2019 erreichen konnte. Hier brach die Produktion im September wieder regelrecht ein: minus 8,4%.

Einzelhandel: der Lockdown-Light wirft seinen Schatten

Der Einzelhandel ist der einzige Bereich, der sich von den Folgen des ersten Lockdowns bereits gänzlich erholen konnte und im August einen neuen Spitzenwert erreichte. Doch auch hier ebbt die Konjunktur ab. Im September musste der Einzelhandel wieder Einbußen hinnehmen. Hier machen sich mehr als in anderen Absatzstufen die Vorboten neuer Einschränkungen bemerkbar, die den Einzelhandel immer besonders hart und unmittelbar treffen. Entsprechend sank das saisonbereinigte Absatzvolumen gegenüber August laut Schätzungen von Eurostat im Euroraum um 2 %. Noch liegt der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex aber über dem Vorkrisenniveau.

Am stärksten betroffen war die Textil- und Bekleidungsbranche (minus 7,6 %). Aber auch der Versand- und Interneteinzelhandel, der im August noch mehr als alle anderen Sparten um 12,4 % zulegen konnte, verlor im September deutliche 5,5 %.

Frankreich, im August Einzelhandelsweltmeister, musste im September einen Rückgang im Absatzvolumen von minus 4,5 % hinnehmen. Auch Deutschlands Absatzvolumen, das im August einen neuen Höchstwert seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht hatte, geht um minus 2,2 % zurück. Der abgehängte italienische Einzelhandel nähert sich mit einem Rückgang von 0,3 % wieder dem Index an.

Preise nach wie vor niedrig

Der Deflationsdruck in der Eurozone hat im vorerst um wenige Bar abgenommen. So stiegen die Erzeugerpreise in der Industrie im Euroraum wie schon im August auch im September erneut leicht an, diesmal um 0,3 %, liegen aber weiter jenseits der Zielinflationsrate der EZB. Das zeigt sich im Jahresvergleich: Die Veränderungsrate der Erzeugerpreise gegenüber September 2019 liegt immer noch bei minus 2,4 %. Ohne den Energiesektor sind Erzeugerpreise in der Industrie im September unverändert. Keine Veränderungen dagegen bei den Verbraucherpreisen, der Index lag sowohl im September als auch im Oktober bei minus 0,3 %.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut Statistischem Bundesamt (Destatis) im Oktober 2020 bei -0,2 %. Damit war sie zum dritten Mal in diesem Jahr leicht negativ (Juli 2020: -0,1 %, September: -0,2 %). Eine niedrigere Rate wurde zuletzt im Januar 2015 mit -0,3 % beobachtet. Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vormonat September 2020 leicht um 0,1 %.

Als Grund für die negative Inflationsrate wird die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze angegeben, die als eine Maßnahme des Konjunkturpakets der Bundesregierung zum 1. Juli 2020 umgesetzt wurde. Allerdings dürfte auch der coronabedingte Druck auf die Löhne in Form des Kurzarbeitergeldes eine Rolle für den kaum abnehmenden Deflationsdruck in Deutschland spielen.

Völlig offen ist die Frage, wie Deutschland nach dem Ende der Corona-Rezession wieder auf einen Wachstumspfad kommen soll. Die Wirtschaftsinstitute und der Sachverständigenrat gehen davon aus, dass sich die deutsche Wirtschaft nach dem Ende des Corona-Schocks wieder fangen und weiter wachsen werde. Dass es schon seit der Jahreswende 2017/2018 eine rezessive Entwicklung gab, wird dabei ebenso wenig problematisiert wie die Tatsache, dass die Entwicklung der Arbeitseinkommen durch den Corona-Schock einen massiven Dämpfer bekommen hat und sich auch in den nächsten beiden Jahren nicht erholen wird.

Juli 2020

Die Corona Pandemie hat die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt. Zwar geht es wieder aufwärts, aber der Weg der weiteren Konjunktur bleibt ungewiss. Aktuelle und präzise Informationen über die Konjunkturlage in Deutschland und Europa sind wichtiger denn je. Die Bank für Kirche und Caritas eG hat sich deshalb entschieden, die Konjunkturberichterstattung deutlich auszubauen und legt hier erstmals eine ausführliche Konjunkturberichterstattung vor. Es ist vorgesehen, einen Bericht in dieser Qualität zukünftig im Zwei-Monats-Rhythmus zu liefern.

Der Sturz der deutschen Konjunktur ist beendet. Auftragseingänge und Produktion erholen sich im Mai allerdings nicht wie erhofft. Ebenso zieht die europäische Produktion wieder an, doch Sorgen bleiben – auch auf dem Arbeitsmarkt.

Noch wirken sich die Corona-Einschränkungen relativ geringfügig auf die Arbeitslosigkeit aus. Zumindest laut offizieller Zahlen. Von 7,3 % im April auf 7,4 % im Mai ist die Arbeitslosigkeit im Euroraum gestiegen, was einem Zuwachs von 253.000 arbeitslosen Personen entspricht. Das ist der zweite leichte Anstieg in Folge. Insgesamt haben seit Beginn der Corona-Krise knapp eine halbe Millionen Menschen ihren Job verloren.

Abzuwarten bleibt, inwieweit die Arbeitslosenzahlen den Wirtschaftseinbruch aufgrund staatlicher Hilfsmaßnahmen und Kurzarbeitergeld verzögert abbilden – und ob es im Juni trotz der Lockerungen erneut zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommt.

In Frankreich ist die Arbeitslosigkeit laut Eurostat sogar von 8,7 % im April auf nun 8,1 % im April gesunken. Dieser Rückgang ist aber kaum auf eine Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen. Die französische Statistikbehörde Insee machte deutlich, dass die sinkende Arbeitslosigkeit mit einem Rückgang der Zahl der Arbeitssuchenden während der Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise zu erklären sei. Demnach hätten sich viele Personen in der Phase der Ausgangssperren beispielsweise um die Betreuung ihrer Kinder gekümmert.

Da Frankreich hier kein Einzelfall sein dürfte, wird deutlich, wie sehr die Zahlen auch für den Euroraum mit Vorsicht zu genießen sind. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher sein.

Widersprüchlich sind auch die Daten aus Italien. Laut Eurostat soll es im April inmitten des harten Lockdowns einen Rückgang von 8,2 auf 6,6 % gegeben haben. Die Gründe dürften ähnliche sein wie in Frankreich. Im Mai und im Zuge der Lockerungen stiegen die offiziellen Arbeitslosenzahlen nun wieder auf 7,8 % an. Die Ratingagentur Fitch hingegen schätzt, dass die Arbeitslosenquote in Italien in diesem Jahr noch auf 12,1 % ansteigt und bis Ende 2021 nur geringfügig auf 11,8 % sinken wird.

In Deutschland stieg die Arbeitslosigkeit im sechsten Monat in Folge leicht an. Jetzt von 3,8 % im April auf 3,9 % im Mai. Zuletzt gab es diesen Wert 2017. Doch vielen Branchen stehen die größten Härten erst noch bevor. Allein in der deutschen Autoindustrie sieht die IG Metall 300.000 Arbeitsplätze in Gefahr.

Verarbeitendes Gewerbe erholt sich, doch die Lage bleibt angespannt

Denn die Corona-Einschränkungen haben die deutsche Wirtschaft hart getroffen. Nach gewaltigen Auftragseinbrüchen im Verarbeitenden Gewerbe im März und April setzte im Mai wieder eine Erholung ein. Saisonbereinigt sind die Auftragseingänge im Mai laut Statistischem Bundesamt um 10,4 % gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat Mai 2019 ist das aber immer noch ein kalenderbereinigter Rückgang um -29,3 %. Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, ist der Auftragseingang im Mai 2020 um -30,8 % zurückgegangen.

Im Vergleich zum Vormonat stiegen die Aufträge aus dem Inland im Mai 2020 um 12,3 %, die Auslandsaufträge erhöhten sich um 8,8 %. Dabei nahmen die Auftragseingänge aus der Eurozone um 20,9 % zu. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen um 2,0 % gegenüber April 2020.

Der Anstieg der Auftragseingänge ist vor allem der Eurozone zu verdanken (20,9 %). Im Vormonat April waren sie noch um -26,1% eingebrochen. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen hingegen nur um 2,0 %, gegenüber einem Einbruch von 24,3 % im April.

Für die deutsche Exportwirtschaft bleibt die Lage damit weiter besonders angespannt, mit gravierenden Folgen: Inzwischen kündigen 56 Prozent der exportierenden Unternehmen an, dass sie weniger investieren wollen als geplant. Im April lag dieser Wert noch bei 35 Prozent.

Deutsche Autoindustrie noch unter dem Niveau der Finanzkrise

Auch in den meisten deutschen Industriesektoren, für die es im April steil ins Nichts ging, beginnt vorerst der Aufstieg aus der Talsohle.

Die Auftragseingänge bei der schwer gebeutelten Kraftwagenindustrie stiegen wieder um 16,6 % im Vergleich zum Vormonat. Das ist allerdings immer noch ein Rückgang von -47,4 % im Vergleich zum Vor-Corona-Monat Februar und deutlich unter dem Tiefpunkt der Finanzkrise 2009. Der Maschinenbau, für den es schon vor Corona nicht zum Besten bestellt war, verzeichnete im Mai einen Auftragszuwachs von 8,5 % gegenüber April.

Keine Erholung gab es hingegen für die Auftragslage der Chemie und Pharma-Branche (-2,1%) und die Datenverarbeitung (-1,3 %).

„Das V-Szenario ist vom Tisch“

Licht am Horizont auch für die Produktion, wenn auch getrübt. Die reale (preisbereinigte) Produktion im produzierenden Gewerbe war nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im Mai 2020 saison- und kalenderbereinigt wieder um 7,8 % höher als im April 2020. Analysten hatten jedoch mit einem stärkeren Zuwachs um durchschnittlich 11,1 Prozent gerechnet. „Das V-Szenario in der Konjunkturerholung ist vom Tisch“, sagt etwa DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier.

Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Corona-Einschränkungen, ist die Produktion im Mai 2020 saison- und kalenderbereinigt um -19 % zurückgegangen.

Die Industrieproduktion (produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) konnte im Mai um 10,3 % anziehen, auch sie liegt jedoch noch -21,9 % unter dem Niveau vom Februar 2020. Vor allem die Produktion von Investitionsgütern stieg mit 27,6 % stark an.

Trotz der Erholung bei produzierendem Gewerbe und Industrie im Mai ist das Ausmaß des Einbruchs der Wirtschafts- und Finanzkrise immer noch weit untertroffen.

Die Bauwirtschaft wurde von der Krise kaum getroffen. Einem leichten Rückgang von nur -4,9 % im April folgte im Mai ein leichter Anstieg der Bauproduktion von 0,5 %. Im Vergleich zum EWU-Durchschnitt befindet sich die deutsche Bauproduktion auf hohem Niveau.

Industrieproduktion in Europa

Auch im Euroraum insgesamt konnte sich die Industrieproduktion – die im März und April um ganze -27 % eingebrochen war – wieder etwas erholen. Genaue Daten für den Euroraum (EWU19) insgesamt stehen noch aus. Doch die Kernländer um Italien und Frankreich legten laut Eurostat wieder deutlich mit 25 % beziehungsweise 13,5 % zu.

Laut der italienischen Statistikbehörde (ISTAT) soll es sogar einen Anstieg um 42 % gegeben haben. Italien war in den Vormonaten mit Abstand der größte Verlierer der Corona-Krise. Stimmen die Zahlen von ISTAT, dann hat die italienische Industrie, die zwischen Februar und April die Hälfte ihres Produktionsvolumens verloren hatte, als einziges Land fast wieder das Niveau des Vorkrisenmonats Februar erreicht (in der Abbildung nicht berücksichtigt).

Wann und ob das industrielle Produktionsvolumen, das seit 2007 in der Eurozone einen strukturellen Niedergang erfährt, überhaupt das Niveau der Vor-Corona-Zeit geschweige denn das von 2007 erreichen kann, bleibt auch für die Eurozone insgesamt offen. Die Industrieproduktion liegt trotz Erholung immer noch unter dem Niveau von April 2009, dem Tiefpunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007-11.

Bauproduktion Europa

Laut Schätzungen von Eurostat zog die saisonbereinigte Produktion im Baugewerbe gegenüber April im Euroraum um kräftige 27,9% an. Im Vormonat war die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um -18,3% gesunken. Die Produktion im Euroraum liegt damit um -11,9% unter dem Niveau von Mai 2019.

Die französische Bauwirtschaft, die von der Pandemie besonders hart getroffen wurde (fast nur noch ein Drittel des Produktionsvolumens von 2009), verzeichnete von den Kernländern den deutlichsten Anstieg im Mai: +118,3%.

In Südeuropa, das sich seit Jahren ohne nennenswerte Dynamik am Index entlang hangelt, traf es Italien im April mit ähnlicher Wucht wie Frankreich: -53,3% im Vergleich zum Vormonat März. Im Mai verzeichnete Italien dafür den größten Anstieg der Bauproduktion um 168 % gegenüber April.

Einzelhandel: Deutschland wieder obenauf

Ähnlich schlimm wie Industrie- und Bauproduktion hatte die Corona-Krise im März und April wenig überraschend den Einzelhandel in Mitleidenschaft gezogen. Doch auch hier setzte nach umfangreichen Lockerungen der COVID-19-Eindämmungsmaßnahmen wieder eine Erholung ein. Das saisonbereinigte Absatzvolumen des Einzelhandels stieg gegenüber April 2020 im Euroraum um 17,8%.

Träger des Anstiegs waren vor allem die Textilbranche (147 %) und im Zuge des wieder zunehmenden Verkehrs die Motorenkraftstoffe (38,4 %). Aber auch hier gilt, dass das Vorkrisenniveau noch lange nicht erreicht ist. Gegenüber Mai 2019 sank der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex im Mai 2020 im Euroraum um 5,1%.

Mit Ausnahme Deutschlands, dessen Absatzvolumen im Mai um 12,7 % zulegte und damit nicht nur um 6,8 % über dem Vorjahresniveau liegt, sondern auch den höchsten Index seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht. Zumindest für den deutschen Einzelhandel gilt vorerst – die Corona-Krise ist vorbei.

Davon kann in anderen EWU-Ländern keine Rede sein. Auch wenn Frankreichs Einzelhandel im Mai mit 25,6 % stark anzog, liegt das Volumen noch bei -14 % im Vergleich zum Vorkrisenmonat Februar.

Ähnliches gilt für Italien. Nachdem dort das Einzelhandelsvolumen im März und April um über ein Drittel einbrach, gab es auch hier im Mai zwar einen kräftigen Anstieg um 25,4 %, doch insgesamt befindet sich der italienische Einzelhandel nach wie vor in einer handfesten Krise: -15,1 % zum Vorkrisenmonat Februar und -13,4 % zum Vorjahresmonat.

Inflation – jenseits der Zielrate

Trotz staatlicher Schuldenaufnahme und EZB-Bazooka erhöhte der Shutdown den Deflationsdruck in der Eurozone gewaltig. Von einer „Inflationsrate“ kann, was die Erzeugerpreise betrifft, schon lange keine Rede mehr sein. Auch im Mai rauschten die Erzeugerpreise weiter in den Keller. Sie sanken diesmal um -0,6 % im Vergleich zum Vormonat. Das entspricht einer Deflationsrate von nunmehr -5,1 %. Maßgeblich dafür ist wieder der Rückgang der Erzeugerpreise im Energiesektor um -1,4%.

Leicht angestiegen sind die Verbraucherpreise – sie liegen aber mit 0,3 % immer noch weit jenseits der Zielinflationsrate der EZB.