Der Konjunkturbericht wird in Zusammenarbeit mit MAKROSKOP – Magazin für Wirtschaftspolitik erstellt.

August 2022

Optimismus ist passé – immer mehr Ökonomen verabschieden sich von der Hoffnung auf einen Post-Corona-Boom. Nicht nur die Bundesbank spricht nun offen von einer kommenden Rezession. Der Ukrainekrieg und die Pandemie, die ungelöste Energiefrage und steigende Preise machen den europäischen Volkswirtschaften zu schaffen.

Die deutsche Wirtschaft, gemessen am preis-, saison- und kalenderbereinigten Bruttoinlandsprodukt (BIP), stagniert im 2. Quartal. Vor allem private und staatliche Konsumausgaben stützen die Wirtschaft, so das Statistischem Bundesamt. Hingegen bremste der Außenbeitrag das Wirtschaftswachstum erneut. Damit liegt das BIP erneut unter dem Niveau des 4. Quartals 2019 – dem Quartal vor der Corona-Krise. Die schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit anhaltender Corona-Pandemie, gestörten Lieferketten, steigenden Preisen und dem Krieg in der Ukraine schlagen sich weiterhin deutlich auf die konjunkturelle Entwicklung nieder, so das Amt weiter.

Deutschland steht eine Rezession ins Haus, das zeigen unterschiedliche Konjunkturprognoseinstrumente. Die IMK Konjunkturampel beispielsweise steht im Juli 2022 auf hohen 57,8 %, was die Wahrscheinlichkeit einer Rezession betrifft. Die Unsicherheit bei den Unternehmen ist auf 34,4 % gestiegen, also um 7 Prozentpunkte im Vergleich zum Vormonat. Das DIW-Konjunkturbarometer prognostiziert mit 71,8 Punkten für das 3. Quartal ähnlich schlechte Werte wie während der Finanzkrise 2008.

Im Euroraum kann das BIP im 2. Quartal nach einer vorläufigen Schnellschätzung von Eurostat im Vergleich zum Vorquartal mit 0,6 % leicht zulegen. Da die Länder der Eurozone aber aktuell mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben wie Deutschland, sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen.

Arbeitslosigkeit in der EWU

Ebenfalls leicht positiv entwickelt sich die Erwerbstätigkeit in der Eurozone: Diese stieg erneut um 0,3 % im Vergleich zum Vorquartal. Auch im ersten Quartal war diese um 0,6 % im Vergleich zum Vorquartal gestiegen.

Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote lag im zweiten Quartal im Euroraum bei 6,6 %. Im Februar 2020, also dem Monat vor der Corona-Krise, lag sie noch bei 7,4 %. Damit bleibt die Arbeitslosenquote im Euroraum weiterhin deutlich unter Vorkrisenniveau. In absoluten Zahlen waren im zweiten Quartal 2022 damit gut 10,9 Millionen Menschen ohne Arbeit.

In Deutschland lag die Arbeitslosigkeit im zweiten Quartal nach Zahlen von Eurostat bei 2,9 %. Damit setzt sich der Trend seit 2021 weiter fort, wenngleich die immer weiteren fallenden Arbeitslosenquoten erklärungsbedürftig sind – hat doch die deutsche Wirtschaft das Niveau des 4. Quartals 2019, dem Quartal vor Beginn der Corona-Krise, nicht wieder erreicht. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist hingegen um 2,1 %, also knapp 700.000 Erwerbstätige, gestiegen. Wie lässt sich das erklären?

Nach Angaben des Handelsblatts haben zwischen März 2020 bis April 2022 der Staat und staatsnahe Branchen einen großen Teil der Arbeitskräfte „aufgesaugt“. Demnach kommen Institutionen wie Gesundheitswesen, öffentliche Verwaltung, Heime und Sozialwesen, Erziehung und Unterricht während der beiden Pandemiejahre bis April 2022 zusammen auf eine Zunahme von 416.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Auch IT, Bau und Transport und Logistik steuerten gemeinsam 283.000 zusätzliche Beschäftigungsverhältnisse bei.

Zugenommen haben außerdem die freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen wie Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Buchführung und Ingenieur- und Architektenbüros mit 142.000 Personen. Größter Verlierer waren die Industrie (-136.000), Sonstige Dienstleistungen (rund um kulturelle Veranstaltungen, Sport und Erholung; -50.000) und das Gastgewerbe (-35.000), die durch die Zuwächse allerdings überkompensiert wurden. Die abgebauten Stellen in der Industrie machen sich mittlerweile wieder als Klagerufe im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel bemerkbar.

Auch in den anderen Euroländern sind größtenteils sinkende Arbeitslosenquoten zu beobachten. In Frankreich wurde so im zweiten Quartal eine durchschnittliche Arbeitslosenquote von 7,2 % gemessen, in Italien von 8,2 % und in Spanien von 12,7 %.

Die Jugendarbeitslosigkeit (Personen unter 25 Jahre) im Euroraum lag im zweiten Quartal 2022 durchschnittlich bei 15,3%. Dieser Wert liegt weiterhin deutlich unter dem Corona-Vorkrisenniveau vom Februar 2020 (15,9 %) und allen Werten seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 (ø 16,4 %).

Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich lag im zweiten Quartal bei durchschnittlich 15,8 %, in Italien bei 22,7 % und in Spanien bei 27,8 %. Negativer Spitzenreiter ist weiterhin Griechenland mit 29,9 % Jugendarbeitslosigkeit im zweiten Quartal 2022. Zum Vergleich: Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland lag im gleichen Zeitraum bei 5,4 %.

Auftragseingänge und Produktion im Verarbeitenden Gewerbe: Die Richtung ist eindeutig

Im Juni 2021 erreichten die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe ihren höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Januar 2015. Doch seit Anfang 2022 erfolgte ein drastischer Rückgang. Auch im zweiten Quartal 2022 sind die Auftragseingänge um 5,6 % im Vergleich zum Vorquartal eingebrochen.

Nach der pandemischen Unsicherheit auf den Weltmärkten, die noch nicht vorbei ist, schlagen nun sowohl die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs als auch die Unsicherheit aufgrund der ungelösten Energie- und Rohstoffsubstitution und der zukünftigen geopolitischen Entwicklung voll durch. Der rapide Auftragsrückgang im verarbeitenden Gewerbe ist dabei insbesondere auf die Auslandsaufträge zurückzuführen: Deren Volumen reduzierte sich im zweiten Quartal 2022 gegenüber dem Vorquartal um 8,5 %. Die Inlandsaufträge sanken mit 1,1 % gegenüber dem Vormonat zwar auch, allerdings weit weniger stark.

Die Auftragseingänge von außerhalb der Eurozone, den sogenannten Drittländern, nahmen im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorquartal um deutliche 12 % ab. Die Auftragseingänge aus der Eurozone hingegen „nur“ um 2 %. Für die deutsche Industrie sind das Horrormeldungen. Die deutschen Autobauer, die gut jedes dritte Fahrzeug nach China verkaufen, fürchten, dass der Absatz in China weiter zurückgehen könnte – ein Rückgang, der im Jahr 2022 bereits 20 % ausmacht.

Die Umsätze im Verarbeitenden Gewerbe waren im zweiten Quartal 2022 saison- und kalenderbereinigt um 1 % niedriger als im Vorquartal. Zwar zeigten die Umsätze jüngst nach oben, allerdings scheint dies anhand der stark rückläufigen Auftragseingänge ein vorübergehendes Phänomen zu sein.

Weiterhin besteht im Verarbeitenden Gewerbe trotz fallender Auftragseingänge ein Nachfrageüberhang, der auf die anhaltend hohe Knappheit an Vorprodukten zurückzuführen ist. Gestörte Lieferketten infolge des Ukraine-Kriegs und anhaltende Verwerfungen durch die Corona-Krise führten laut Statistischem Bundesamt nach wie vor zu Problemen beim Abarbeiten der Aufträge. Laut dem ifo Institut für Wirtschaftsforschung klagten demnach noch im Juni 2022 74,1 % der befragten Industrieunternehmen über Engpässe und Probleme bei der Beschaffung von Vorprodukten und Rohstoffen.

Da die Industrie in Deutschland den absoluten Großteil des Produzierenden Gewerbes ausmacht, verlaufen diese beiden Entwicklungen meist sehr ähnlich. Der Produktionsrückgang im Baugewerbe lässt jedoch den Produktionsindex des Produzierenden Gewerbes langsamer ansteigen als den Produktionsindex der Industrie.

Auftragseingänge in den einzelnen Industriesektoren

Blickt man auf die einzelnen Industriesektoren, gibt es nur von der Chemie- und Pharmabranche gute Nachrichten. Sämtliche anderen Sektoren kämpfen mit teilweise starken Rückgängen bzw. Stagnation. Auch die Datenverarbeitung, die sich Mitte 2020 endgültig von den restlichen Industriesektoren entkoppelt zu haben schien, muss seit Anfang 2022 einen kräftigen Rückgang der Aufträge hinnehmen.

Industrieproduktion in der Eurozone: Die verdeckte Strukturkrise

Analog zu Deutschland kann auch in der Eurozone die Industrieproduktion im zweiten Quartal (wie schon im ersten Quartal) mit 1 % leicht zulegen. Damit erreicht die Industrieproduktion im Euroraum ein Niveau, das zuletzt Ende 2017 erreicht wurde.

Das Eurozonen-Kernland Frankreich muss dagegen im 2. Quartal 2022 einen Rückgang von 1% im Vergleich zum Vorquartal hinnehmen. Andersherum verhält es sich bei Italien. Obwohl die Produktion sowohl im Mai (-1,1 %) als auch im Juni 2022 (-2,1 %) sank, bleibt über das ganze Quartal gesehen eine Steigerung von 1 % im Vergleich zum Vorquartal. Damit steht Frankreichs Industrieproduktion weiterhin ähnlich schwach da wie die deutsche. Italien hat das Vorkrisenniveau zwar wieder erreicht, dennoch ist auch hier kein Wachstum zu erkennen.  

Bauindustrie geht fast in ganz Europa zurück

Die Bauindustrie verliert im Vergleich zum Vormonat fast in ganz Europa an Boden. Im Euroraum steht nach 3,3 % Wachstum im ersten Quartal ein Rückgang von 1,3 % zu Buche.

In Deutschland kommt dies einem Rückgang von -3,2 % im Vergleich zum Vormonat gleich, in Frankreich -0,5 % und in Spanien um -1,6 % (Italien hat seine aktuellsten Zahlen noch nicht veröffentlicht).

Gründe hierfür dürften weiter steigende Materialkosten sowie die teilweise nur eingeschränkte Materialverfügbarkeit sein. Laut RICS Global Construction Monitor für das 2. Quartal 2022 geben in Deutschland 93 % der befragten Baufirmen an, dass Materialengpässe immer noch die Baubranche behindern.

Laut der Vorstandsvorsitzenden der RICS Deutschland, Susanne Eickermann-Riepe, zeigen die Ergebnisse des Monitors, dass sich die bauwirtschaftliche Dynamik in vielen Teilen der Welt abschwäche. Die makroökonomischen und geopolitischen Belastungen träfen damit auch die Bautätigkeit.

Hinzu kommt, dass sich – unter anderem aufgrund der Leitzinserhöhung der EZB – die Kreditkosten für private Wohnungsbaukredite erhöht haben. In Deutschland wurden zudem die Kreditvergaberichtlinien erheblich verschärft. In der Folge werden Kredite unattraktiver und die „eigenen vier Wände“ gleiten für immer größere Teile der Bevölkerung in unerreichbare Ferne.

Einzelhandel: Teils dramatische Rückgänge, wenige Ausnahmen im Euroraum

Die Einzelhandelsunternehmen in Deutschland haben im zweiten Quartal 2022 4 % weniger umgesetzt als noch im ersten Quartal. Schon damals betrug der Rückgang zum Vorquartal bereits 0,6 %. Noch drastischer wird es, wenn man sich den Monat Juni 2022 gesondert ansieht: Hier wurde saison-, kalender- und preisbereinigt 1,6 % weniger umgesetzt als im Mai 2022. Im Vergleich zum Vorjahresmonat, als die Einzelhandelsumsätze auf eine neues Rekordhoch kletterten, bedeutet das sogar einen Rückgang von ganzen 8,8 %. Es ist laut Statistischem Bundesamt der größte Rückgang zum Vorjahresmonat seit Beginn der Zeitreihe 1994. Die Preissteigerungen zeigen Wirkung und lassen den privaten Konsum einbrechen.

Bei Lebensmitteln verzeichnete der Einzelhandel ebenfalls einen derart starken Rückgang, dass sich der Umsatz in konstanten Preisen auf dem tiefsten Stand seit Juni 2016 befindet. Auch hier sind laut Statistischem Bundesamt die hohen Preise verantwortlich. Beim Internet- und Versandhandel war im Juni 2022 gegenüber dem Vormonat ein Umsatzrückgang von 3,8 % zu verzeichnen, was einen Rückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat um 15,1 % bedeutet – der größte Einbruch seit 1994.

Auch die Einzelhandelsumsätze im Euroraum ließen im 2. Quartal im Vergleich zum 1. Quartal mit 0,8 % Federn. Und auch im Euroraum sticht der Juni besonders negativ heraus: Im Vergleich zum Vorjahresmonat ergibt sich ein Rückgang von 3,7 %. Dabei mussten außer Österreich, Finnland, Irland und Malta alle Euro-Länder im Vergleich zum Vormonat Einbußen hinnehmen.

Preise steigen unaufhaltsam

Die Preise steigen weiterhin oder verharren auf hohem Niveau. Der Verbraucherindex für Deutschland lag im Juni 2022 im Vergleich zum Vorjahresmonat bei 7,6 %. Dies bedeutete im Vergleich zum Mai 2022 eine Zunahme von 0,1 %. Für Dr. Georg Thiel, Präsident des Statistischen Bundesamtes, sind die Hauptursachen für die hohe Inflation nach wie vor Preiserhöhungen bei den Energieprodukten. Diese schlagen sich auf sämtliche Preise durch, sodass die Inflationsrate ohne Energie und Nahrungsmittel bei 3,2 % liegt. Leicht dämpfend wirkte sich hingegen im Juni 2022 das 9-Euro-Ticket und der Tankrabatt auf die Gesamtteuerung aus, so Thiel weiter.

Allerdings wirken die Entlastungsmaßnahmen der Regierung jenseits aller Rhetorik offensichtlich nur begrenzt, angesichts des Preisdrucks durch den militärischen Konflikt in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland.

Ein weiterer Indikator für anhaltend hohe Preise sind die Erzeugerpreise in der Industrie, welche in Deutschland im 1. Quartal im Vergleich zum Vorquartal bereits um 8,5 % stiegen und im 2. Quartal noch einmal um 7,9 % zulegten. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stiegen die Erzeugerpreise damit um knapp 34 % im 2. Quartal 2022.

Im Euroraum ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten: Dort stiegen die Erzeugerpreise im 1. Quartal 2022 um 10,7 % und im 2. Quartal 2022 noch einmal um 6 % gegenüber dem Vorquartal. Im Vergleich zum Vorjahresquartal beläuft sich die Steigerung im 2. Quartal damit auf gut 38 %.

Wie auch in Deutschland kommt der Preisanstieg für Erzeuger im Euroraum vornehmlich aus dem Energiesektor (im Juni 2,7 % Zuwachs im Vergleich zum Vormonat) – die Entwicklung der Preise für Vorleistungsgüter (0,4 %), Verbrauchsgüter (0,7 %), Investitionsgüter (0,4 %) und Gebrauchsgüter (0,7 %) steigen zwar auch, allerdings bei weitem nicht so stark. Im Juni 2022 stiegen damit die Erzeugerpreise in der Industrie ohne den Energiesektor um 0,4 % gegenüber dem Vormonat, gegenüber dem Vorjahr hingegen um 15,6 %.

Die Steigerungen bei den Verbraucherpreisen (Harmonisierter Verbraucherpreisindex HVPI) gehen im Euroraum ebenfalls munter weiter. Im ersten Quartal gab es einen Anstieg von 3,1 %, für das zweite Quartal einen Anstieg von 2,6 % im Vergleich zum Vorquartal. Im Vergleich zum Vorjahresquartal liegt das 2. Quartal 2022 bei 8 %.

Vorboten der Rezession

Prognosen für eine positive Wirtschaftsentwicklung sind nicht mehr länger haltbar. Lediglich die Arbeitslosenquoten und die Industrieumsätze erwecken den Anschein von Normalität, allerdings kann deren Beständigkeit angezweifelt werden.

Und so verlieren die Ökonomen allmählich ihren Optimismus. Lars Feld, Chef-Berater des Bundesfinanzministers Christian Lindner, konstatierte gegenüber dem Handelsblatt, dass die konjunkturellen Rückschläge im ersten Halbjahr 2022 nur der Anfang gewesen seien und die Wirtschaft noch im zweiten Halbjahr in eine Rezession rutsche. Die Warnungen des Wirtschaftsministers und Vizekanzlers Robert Habeck vor einer globalen Rezession im Mai in Davos dürften Realität werden.

Auch das Ifo-Institut vermeldet eine deutliche Abkühlung der Stimmung in der deutschen Wirtschaft. So ist der ifo Geschäftsklimaindex im Juli auf 88,6 Punkte gefallen (nach 92,2 Punkten im Juni) - der niedrigste Wert seit Juni 2020. Die Unternehmen erwarten demnach in den kommenden Monaten erheblich schlechtere Geschäfte. Zudem waren sie laut Umfrage weniger zufrieden mit ihrer aktuellen Geschäftslage. Hohe Energiepreise und drohende Gasknappheit belasten die Konjunktur und ließen Deutschland (sowie die ganze Eurozone) an die Schwelle zur Rezession treten.

Obgleich immer noch verhalten positiv, wird auch die EU-Kommission mit ihren Wachstumsvorhersagen für die Eurozone mit 2,6 % für 2022 und 1,4 % für 2023 immer vorsichtiger. Die Energiepreise seien wegen der Ungewissheit am Energiemarkt [sowie erhöhter Gewinne der Energiekonzerne] weiter gestiegen, ebenso die Nahrungsmittelpreise. Und auch das Wachstum der Weltwirtschaft fiel schwächer aus als erwartet: "Man kann sagen, dass sich die europäische Wirtschaft von einer Phase des verlangsamten Wachstums hin zu einer Phase des Bremsens bewegt", so EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni bei der Präsentation der Ergebnisse in Brüssel. Ein ausschlaggebender Faktor hierfür seien die “wie noch nie” steigenden Preise in der Eurozone, wobei die EU-Kommission eine durchschnittliche Inflationsrate von 7,6 % für das Jahr 2022 schätzt.

Zugegebenermaßen sind Prognosen derzeit nicht einfach. Die EU-Kommission räumt ein, dass alles mit dem weiteren Verlauf des Kriegs in der Ukraine steht und fällt. Eine weitere Drosselung der Gas-Lieferungen oder gar ein Gas-Lieferstopp, der laut Gentiloni kein hypothetisches Szenario mehr sei, stellen ein erhebliches Risiko für die deutsche und europäische Wirtschaft dar. Aufgrund der großen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus Russland sei die gesamte EU-Wirtschaft stark anfällig für Entwicklungen an den Energiemärkten. Und durch das weltweit schwächelnde Wachstum werde auch die Auslandsnachfrage in Mitleidenschaft gezogen, so die EU-Kommission weiter. Zumal sich der Gaspreis im Großhandel im Vergleich zu 2021 schon mehr als versechsfacht hat und weiter steigt. Diese höheren Preise kommen direkt oder indirekt bei den Haushalten an und drücken die verfügbaren Einkommen nach unten.

Offen bleibt, woher die Konjunkturimpulse zukünftig kommen sollen: Die privaten Konsumausgaben werden aufgrund der Preissteigerungen und zurückhaltender Lohnforderungen sinken, die Staaten sind vom Good-Will der EZB abhängig, die Unternehmen werden aufgrund der globalen Unsicherheit weniger investieren und „das Ausland“ kann und wird die ausbleibende Nachfrage nicht kompensieren. Wohlstandsverluste für breite Bevölkerungsschichten sind kaum noch zu verhindern.

Mai 2022

War Anfang des Jahres noch von "postpandemischen Auftriebskräften" die Rede, schwindet im Zuge der geopolitischen Verwerfungen zusehends der Optimismus bei den Konjunkturanalysten. Lieferengpässe und Unsicherheit, verursacht durch den Ukraine-Krieg und die Corona-Pandemie, machen der deutschen Industrie schwer zu schaffen.

Die deutsche Wirtschaft, gemessen am preis-, saison- und kalenderbereinigten Bruttoinlandsprodukt (BIP), ist im 1. Quartal 2022 gegenüber dem 4. Quartal 2021 um 0,2 % gewachsen. Dies kommt einem preis- und kalenderbereinigten Plus von 3,7 % im Vergleich zum Vorjahresquartal gleich, als die Auswirkungen der 2. Corona-Welle voll durchschlugen. Der aktuelle Anstieg lag laut Statistischem Bundesamt vor allem an höheren Investitionen, allerdings bremst der Außenbeitrag das Wirtschaftswachstum etwas aus.

Nach dem ebenfalls Corona-bedingten Rückgang Ende 2021 und dem leichten Aufschwung Anfang 2022 machen sich jedoch die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs sukzessive bemerkbar. Die "Auftragsbücher sind zwar voll wie noch nie", so die Tagesschau, allerdings verhindern weiterhin Lieferengpässe die Umsetzung der Aufträge. Waren es letztes Jahr noch die fehlenden Halbleiter, sind es jetzt vor allem Kabelbäume aus der Ukraine, die fehlen.

Auch im Euroraum insgesamt ist das BIP nach einer vorläufigen Schnellschätzung von Eurostat im Vergleich zum Vorquartal leicht um 0,3 % gestiegen, in der EU (27) um 0,4 %. In Frankreich ist in diesem Zeitraum keine Veränderung des BIPs zu beobachten, Italien verliert -0,2 %.

Ebenfalls leicht positiv entwickelt sich die Erwerbstätigkeit in der Eurozone: Diese stieg erneut um 0,5 % im Vergleich zum Vorquartal. Die saisonbereinigte Arbeitslosenquote lag im März 2022 im Euroraum bei 6,8 %, was einen minimalen Rückgang von 0,1 Prozentpunkten gegenüber Februar 2022 (6,9 %) entspricht. Im Vorjahres-Monat März lag die Arbeitslosenquote noch bei 8,2 %, im Februar 2020, also vor der Corona-Krise, bei 7,4 %. Damit befindet sich die Arbeitslosenquote im Euroraum unter Vorkrisenniveau. In absoluten Zahlen waren im März 2022 knapp 11,3 Millionen Menschen ohne Arbeit, rund 2 Millionen weniger als im Vorjahresmonat und rund 900.000 weniger als im (Vorkrisen-)Februar 2020.

Auch die hohe Jugendarbeitslosigkeit (Personen unter 25 Jahren) im Euroraum sank im März weiter auf 13,9 %. Das ist für die Eurozone erneut ein historischer Tiefstwert, der nicht nur deutlich unter dem Corona-Vorkrisenniveau vom Februar 2020 (15,9 %) liegt, sondern seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 (ø15,9 %) /2008 (ø16,4 %) nicht mehr erreicht wurde.

In Frankreich lag die Arbeitslosigkeit im März 2022 (sowie im Januar und Februar) nach revidierten Zahlen von Eurostat bei 7,4 %. Im Vorjahresmonat März 2021 lag sie bei 8,2 %. Knapp darunter mit 7,8 % lag sie im Vorkrisen-Februar 2020. In Italien liegt die Arbeitslosenquote im März bei 8,3 %, ebenfalls ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat (März 2021: 10,1 %).

Die grassierende Jugendarbeitslosigkeit in Italien hingegen stieg im März wieder leicht von 24,2 % im Februar auf 24,5 % im März. Zwar zeigt auch hier der allgemeine Trend nach unten, allerdings liegt man weiterhin gut 10 Prozentpunkte über dem Eurozonen-Niveau. Damit ist es im Euroraum nur noch in Spanien (29,6 %) und Griechenland (27,2 %) schlechter um die Jugendarbeitslosigkeit bestellt. Zum Vergleich: Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland liegt bei 5,5 %.

Und auch die Arbeitslosigkeit in Deutschland nimmt laut offiziellen Statistiken weiter ab und liegt mittlerweile nach Zahlen von Eurostat bei 2,9 % - ein Rückgang von einem Prozentpunkt im Vergleich zum Vorjahresniveau. Im Februar vor der Krise (2020) lag diese bei 3,5 %.

Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe: Nächster Abwärtstrend eingeleitet?

Noch im Juni 2021 erreichten die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe ihren höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Januar 2015. Der aktuelle Trend zeigt allerdings in eine andere Richtung. Nach dem Aufwärtstrend von Ende 2021 und Januar 2022 folgt nach einem Rückgang im Februar (real, revidiert: -0,8 %) im März ein Einbruch von 4,7 %.

Nach der pandemischen Unsicherheit auf den Weltmärkten kommen jetzt die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs zum Tragen. Der rapide Auftragsrückgang im verarbeitenden Gewerbe ist dabei insbesondere auf die Auslandsaufträge zurückzuführen: Deren Volumen reduzierte sich im März 2022 gegenüber dem Vormonat Februar mit Verlusten von 1,3 % noch einmal um 6,7 %. Auch die Inlandsaufträge sanken um 1,8 % gegenüber dem Vormonat.

Blickt man genauer auf das Ausland, zeigt sich ein ambivalentes Bild: Die Auftragseingänge von außerhalb der Eurozone nahmen im März um deutliche 13,2 % ab (nach Rückgang um -0,9% im Februar). Die Auftragseingänge aus der Eurozone dagegen stiegen um 5,6 % (nach Rückgang um -3,1 % im Februar). Immerhin: Im Vergleich zum Februar 2020, dem Monat vor Beginn der Corona-Pandemie, war der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland im März 2022 saison- und kalenderbereinigt 5,4 % höher.

Die letzten Jahre im direkten Vergleich: Im gesamten Jahr 2020 musste das verarbeitende Gewerbe einen Auftragseingangs-Rückgang von 7 % im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 hinnehmen, gefolgt von einem erheblichen Anstieg von 17,6 % von 2020 auf 2021. So war in 2021 der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe um durchschnittlich 9,4 % höher als im Vor-Corona-Jahr 2019.

Die Umsätze im verarbeitenden Gewerbe waren im März 2022 saison- und kalenderbereinigt 5,9 % niedriger als im Vormonat. Schon im Februar gab es einen Rückgang um -2,2 %. Im Vergleich zum Vorjahresmonat März 2021 macht dies einen Rückgang um 6,2 % aus. Noch drastischer fällt dieser im Vergleich zum Vorkrisen-Februar 2020 aus, nämlich um -8,2 %.

Auch im Jahresvergleich sind rückläufige Tendenzen beim Umsatz zu erkennen: Zwar lag dieser 2021 kalenderbereinigt um 5,0 % höher als im Vorjahr, allerdings um 5,4 % niedriger als im Vorkrisenjahr 2019.

Trotz fallender Auftragseingänge gibt es im verarbeitenden Gewerbe dennoch einen Nachfrageüberhang, der auf die anhaltende Knappheit von Vorprodukten zurückzuführen ist. So ist die Reichweite des Auftragsbestands, bei dem die Betriebe wie bisher ohne Neu-Aufträge produzieren könnten, im März auf 8 Monate gestiegen. Viele Unternehmen haben infolge der anhaltenden Einschränkungen durch die Corona-Krise und des Ukraine-Kriegs wegen gestörter Lieferketten weiterhin Probleme beim Abarbeiten ihrer Aufträge. Das ifo-Institut berichtet von 80 % der Industrieunternehmen, die über Engpässe oder Probleme bei der Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten klagen.

Auftragseingänge in den Industriesektoren

Blickt man auf die einzelnen Industriesektoren, gibt es mit Ausnahme der Datenverarbeitung nur eine Richtung: nach unten. Sämtliche Sektoren mussten Anfang des Jahres einen teils deutlichen Rückgang der Auftragseingänge verbuchen. Die Aufträge für die Kraftwagenindustrie, die noch im Januar Zugewinne vermelden konnte, brachen um 3 % im Februar und um 11 % im März ein. Der Maschinenbau setzt seinen Negativtrend seit Dezember 2021 fort und verliert im März 1,8 %. Das gleiche gilt für die Chemie- und Pharmaindustrie, die mit einem Auftragsrückgang von 0,3 % nun auch seit Dezember 2021 Rückgänge zu verbuchen hat. Für die Metallverarbeitung ging es im Februar fast so steil bergab wie es im Januar nach oben ging: Das Auftragsvolumen rauschte um 13,8 % nach unten. Im März folgt ein weiterer Rückgang um 2,4%.

Allein die Datenverarbeitung kann sich diesen Negativtrend widersetzen: Nach Auftragseinbußen im Januar und Februar steht ein enormer Anstieg von rund 10 % ins Haus.

Deutschlands Industriestandort in der Strukturkrise?

Deutlicher sichtbar wird die Krise allerdings, wenn man auf die Entwicklung der Industrieproduktion blickt: den Hauptbestandteil des produzierenden Gewerbes. Hier offenbart sich seit Juni 2018 ein klarer Trend nach unten.

Exemplarisch hierfür steht die deutsche Automobilindustrie, die mit 16,1 % des gesamten Umsatzes den größten Anteil aus der deutschen Industrie ausmacht. Der Umsatz in dieser Branche ist zwar 2021 mit 295,6 Milliarden Euro im Vergleich zum Haupt-Krisenjahr 2020 um 7,7 % gestiegen, verliert aber im Vergleich zum Vorkrisen-Jahr 2019 6,9 %. 

Bei der produzierten Stückzahl von PKWs lässt sich auch langfristig ein negativer Trend ablesen: 2018 sank die deutsche PKW-Produktion um 9,4 %, 2019 um 9 %, 2020 um 24,7 % und 2021 um 12 %. Der Output der PKW-Produktion lag in Deutschland im Jahr 2021 damit bei ca. 3,1 Millionen Einheiten, so wenige wie zuletzt 1975. Den Höchstwert stellte das Jahr 2011 mit 5,87 Millionen produzierten Personenkraftwagen dar.

Zwar verzeichnet die deutsche Automobilindustrie Zuwächse bei den Elektrofahrzeugen (328.000 Stück), wobei die Exporte von Elektroautos 2021 um 92 % gegenüber dem Vorjahr zulegten, der überwiegende Anteil entfällt dennoch auf den Verbrennungsmotor – und die fielen im gleichen Zeitraum um 23 % auf 2,2 Millionen Stück.

Auch die Automobilindustrie ist 2022 von den Lieferengpässen schwer betroffen – ihr aktueller Auftragsbestand würde für eine Produktion von mehr als 7 Monaten ohne Neu-Auftrag reichen. Mit einer Exportquote von knapp 67 % im Jahr 2021 ist die deutsche Automobilindustrie – wie so viele andere deutsche Industrieunternehmen auch – zudem extrem vom Ausland abhängig.

Insgesamt konnte das produzierende Gewerbe in Deutschland von Oktober 2021 bis Februar 2022 – wenn überhaupt – nur minimales Wachstum verzeichnen, doch damit war im März Schluss: Mit -4 % gab es einen deutlichen Rückschlag. So bescheiden stand es um das produzierende Gewerbe – ohne den Corona-Einbruch – zuletzt im Jahr 2013. Im gesamten Jahr 2021 lag die Produktion im produzierenden Gewerbe zwar um 3,1 % höher als 2020, dafür allerdings um 5,3 % niedriger als im Vorkrisenjahr 2019. Im Vergleich zum Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland, lag die Produktion im März 2022 saison- und kalenderbereinigt gar um 7,6 % niedriger.

Die Industrieproduktion stieg im Februar noch leicht um 0,2 %, muss im März allerdings schon wieder einen herben Einbruch um 5 % (der zweithöchste Wert im Euroraum) erleiden. Damit liegt Deutschland wieder fast 12 % unter dem Niveau von März 2019 und knapp 14 % unter dem Niveau von März 2018.: Ein Stand, der bereits Anfang der 2010-er Jahre erreicht wurde. Das sind schon jetzt dramatische Werte. Angesichts des Krieges, der Sanktionen und den Lieferengpässen ist ein weiterer Rückgang in den Folgemonaten zu erwarten. Die explodierenden Energiepreise verschärfen die Probleme für die Produzenten zusätzlich.

Allein die Bauproduktion, die sich seit Juni 2018 vom produzierenden Gewerbe entkoppelt hat, kann nach kleinem Rückgang im letzten Monat (Februar: -1,3 %) um 1,1 % zulegen.

Heißt: Die Lage der deutschen Industrie sowie des produzierenden Gewerbes insgesamt bleibt desolat.

Industrieproduktion in der Eurozone: Stagnation mit leichten Abwärtstendenzen

In der Eurozone ist der Einbruch der Industrie im März nicht ganz so stark wie in Deutschland. Dennoch fällt die saisonbereinigte Industrieproduktion im Euroraum gegenüber dem Vormonat um 1,8 %. Im Februar 2022 stieg die Produktion – nach positiver Wachstumsrate im Dezember und einem kleinen Rückgang im Januar – noch um 0,5 %.

Damit ist eine klare Abwärtstendenz im Euroraum zu verzeichnen. Auch im Vergleich zum Vorjahresmonat (-0,8 %) und zum März 2019 (-0,3 %) ist die Entwicklung negativ. Angesichts der schwierigen weltpolitischen Lage dürften sich diese Trends weiter fortsetzen.

Ein Blick auf die Veränderungen der Investitionsgüterproduktion im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat legt zudem einmal mehr die drastisch rückläufige Investitionstätigkeit im Euroraum offen: Diese sank im November 2021 um 9,3 %, um deutliche 8,8 % im Januar 2022, 3,4 % im Februar und zuletzt um 2,7 % im März.

Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist die Produktion von Verbrauchs- und Gebrauchsgütern hingegen im Euroraum mit 2,8 % und 6,6 % gestiegen. Vorleistungsgüter (-0,1 %) und auch die Energieproduktion (-4 %) sanken.

Auch in der längerfristigen Betrachtung kann man auch mit gutem Willen höchstens von Stagnation sprechen. Das Jahr 2021 stellt in den letzten Jahren einen Rückgang dar: im Vergleich zum Jahr 2017 von -0,8 %, im Vergleich zum Jahr 2018 von -1,7 % und im Vergleich zum Jahr 2019 -0,5 %.

Auch im Eurozonen-Kernland Frankreich fiel die Erholung nur kurz aus: So wuchs die Produktion zwar im Januar 2022 um 1,7 %. Doch nach den durch Eurostat korrigierten Zahlen rutschte das Wachstum bereits im Februar wieder ins Negative: -1,1 %, gefolgt von -0,5 % im März. Im Vergleich zum Vorjahresmonat berechnet Eurostat einen Rückgang von 0,1 %.

Als ein kleiner Lichtblick gilt momentan möglicherweise Italien: Dort erreichte der Volumenindex der Industrieproduktion im November 2021 den höchsten Wert seit Mai 2019. Im Dezember gab es im Vergleich zum Vormonat allerdings schon wieder einen Rückgang um 1,0 %, im Januar 2022 sogar einen Einbruch um 3,3 %. Immerhin wurde dieser Abwärtstrend nach den aktuellen Daten von Eurostat im Februar 2022 mit 4 % Wachstum gebrochen, die im März in eine Stagnation überging. Damit liegt die italienische Industrieproduktion mit 3 % über Vorjahresniveau.

Bauindustrie erholt sich

Beendete die Bauproduktion der Eurozone das Jahr 2021 noch mit einer kleinen Rezession, gab es Anfang 2022 gute Nachrichten: Im Januar stieg diese im Euroraum um 3,87 %, gefolgt von 1,1 % im Februar. Im März 2022 stagnierte sie. Gegenüber März 2021 bedeutete dies allerdings einen Anstieg um 3,3 %. Auch das Vorkrisenniveau (Februar 2020) konnte mit einem Anstieg von 2,9 % übertroffen werden.

Wie oben bereits erwähnt, sieht es bei der deutschen Bauindustrie zurzeit recht gut aus. Hier liegt man mit 1,8 % über dem Vorkrisen-Februar. Dies lässt sich für Frankreich nicht behaupten. Das Vorkrisenniveau (Februar 2020) wird um -3,2 % unterschritten. Auch folgte nach einem Einbruch Ende des letzten Jahres (November: -2,1 %, Dezember: -2 %) im Januar zwar ein kräftiger Anstieg mit 5,1 %. Nach einem fast stagnierenden Februar (0,1 % Wachstum) geht es jedoch im März schon wieder mit 1,7 % nach unten.

Einzelhandel: Kein allgemeiner Trend auszumachen

Die Einzelhandelsumsätze im Euroraum erreichten im Juni 2021 laut Eurostat ein neues Rekordhoch. Nach leichtem Rückgang wurde dieser Wert im November 2021 erneut erreicht, um im Dezember wieder um 2,1 % zurückzugehen. Seither ist der Index zweimal leicht gestiegen (0,1 % im Januar und 0,4 % im Februar), im März erfolgte ein leichter Rückgang von -0,4 % auf das Niveau von Februar. Gegenüber dem Vorjahresmonat März errechnet sich ein Anstieg des kalenderbereinigten Einzelhandelsindexes um 0,9 %, gegenüber dem Vorkrisen-Februar ein Anstieg um 3,5 % im März 2022.

Auch Deutschlands Einzelhandel kommt an sein Hoch im Juni, um seither bis zum März 2022 wieder um rund 4 % zu fallen. Dabei fiel nach einem Einbruch im Dezember um 2,4 % der Einzelhandel im Januar 2022 um 2 %, um im Februar wieder auf das Dezember-Niveau zu gelangen – gefolgt von einem Anstieg von 0,9 % im März. Im Vergleich zum Vorjahresmonat bedeutet dies einen Rückgang von 1,7 %, im Vergleich zum Vorkrisen-Februar jedoch einen Anstieg von 5,2 %. Im gesamten Jahr 2021 stiegen die Umsätze der Einzelhandelsunternehmen in Deutschland damit um 0,8 % im Vergleich zum Jahr 2020, im Vergleich zum Vorkrisen-Jahr 2019 beträgt das Wachstum sogar 5,2 %.

Diese guten Umsätze konnten allerdings nur mithilfe des Internet- und Versandhandels zustande kommen. Dieser hat bereits 2015 den Einzelhandel in Verkaufsräumen überholt und ist allein zwischen 2019 und 2020 um 23,8 % gewachsen.

Preise steigen unaufhaltsam

Der Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise im Zuge von Lieferengpässen setzt sich ungehindert fort. Angesichts des militärischen Konflikts in der Ukraine, verrücktspielender Märkte und der Sanktionen gegen Russland wird das Ende der Fahnenstange auch noch nicht erreicht sein.

Die Erzeugerpreise in der Industrie sind im Euroraum im Februar 2022 um 0,9 % gegenüber dem Vormonat gestiegen, im März um 5,3 %. Gegenüber dem Vorjahresmonat stiegen diese Preise damit um knapp 39 %, gegenüber März 2020 sogar um 45 %.

Erneut kommt der Preisanstieg für Erzeuger im Euroraum vornehmlich aus dem Energiesektor (11,1 % im Vergleich zum Vormonat) – die Entwicklung der Preise für Vorleistungsgüter (2,8 %), Verbrauchsgüter (2,4 %), Investitionsgüter (0,8 %) und Gebrauchsgüter (0,8 %) steigen zwar auch, allerdings bei weitem nicht so stark. Im März stiegen damit die Erzeugerpreise in der Industrie insgesamt - ohne den Energiesektor - um 2,1 % gegenüber dem Vormonat, gegenüber dem Vorjahr hingegen um 13,6 %.

Die Steigerungen bei den Verbraucherpreisen (harmonisierter Verbraucherpreisindex HVPI) ziehen zu Jahresbeginn erneut deutlich an. Im Januar lagen sie in der Eurozone im Vergleich zum Vorjahresmonat bei 5,1 %, im Februar bei 5,9 % und stiegen im März sogar auf 7,4 %.

In Deutschland lag der HVPI im Vergleich zum Vorjahresmonat im Januar bei 5,2 %, stieg im Februar auf 5,5 % und im März auf 7,6 %. Erneut schlagen hier vor allem die Energiepreise mit einer Steigerung von 39,5 % im März 2022 gegenüber dem Vorjahresmonat durch. Doch auch Nahrungsmittel verteuerten sich in Deutschland im Vergleich zum Vorjahres-März um 6,2 %. Energie ist zwar der treibende Preisfaktor, allerdings nicht mehr so deutlich wie die Monate davor – ohne Berücksichtigung der Energie bleibt eine Inflationsrate von 4,3 %.

Die noch gar nicht so weit zurückliegenden Frohlockungen der Analysten von „einer starken Erholung des Währungsraums“ und „postpandemischen Wachstumskräften“ sind nicht mehr zu halten. Sämtliche Indikatoren für ein kräftiges Wachstum sind vom Tisch, dafür überwiegen eindeutig die negativen Vorzeichen. Der Ukraine-Krieg hat die deutsche Wirtschaft erreicht. Seine geopolitischen Kettenreaktionen schleudern die deutsche Wirtschaft in die nächste Krise, noch bevor die alte überwunden ist.

Laut IW-Köln haben sich "die Geschäftserwartungen der Unternehmen in Deutschland für das Jahr 2022 stark eingetrübt." Das DIW Konjunkturbarometer sieht eine Belastung der deutschen Wirtschaft durch "Krieg, Inflation und chinesische Lockdowns." Entsprechend korrigiert das Kieler Institut für Weltwirtschaft seine Konjunkturprognose für Deutschland aufgrund von "zu hohen Rohstoffpreisen, neuen Lieferengpässen und schwindenden Absatzmöglichkeiten" durch Sanktionen sowie durch den Krieg entstandene Unsicherheit auf 2,1 % für das laufende Jahr nach unten. Zudem erwarte man mit 5,8 % die höchste Inflation seit der Wiedervereinigung.

Auch für den Euroraum als Ganzes wird die Wachstumsprognose auf "nur" 2,8 % nach unten korrigiert. Die EU-Kommission korrigierte ihre Prognose für die EU von 4 % auf 2,7 %. "Die russische Invasion lastet auf der wirtschaftlichen Erholung Europas", sagte Wirtschafts- und Währungskommissar Paolo Gentiloni. Die Inflation solle demnach im Gesamtjahr 2022 auf einen Durchschnittswert von 6,1 % klettern.

Die Kommission geht davon aus, dass sich die geopolitischen Spannungen bis Ende 2023 nicht normalisieren und veranschlagt für das kommende Jahr ein Wachstum von „nur“ 2,3 %.

In Kiel ist man deutlich optimistischer: Für 2023 sehen die Analysten im Euroraum ein Wachstum von 3,1 % voraus, in Deutschland gar 3,5 % Wachstum. Dieser Optimismus speist sich aus "hohe[r] aufgestaute[r] Kaufkraft bei den privaten Haushalten und dicke[n] Auftragspolster[n] der Industrie". Diese federten auch die aus dem Ukraine-Krieg hervorgehenden Schockwellen ab, so die Prognose.

Obwohl es abzuwarten bleibt, wie sich die Situation in der Ukraine weiterentwickelt, sehen wir keinen Grund für derartigem Optimismus. Mit möglicherweise langanhaltenden Lieferengpässen und Sanktionen sowie einem möglichen Gasembargo stehen schwere Probleme ins Haus, die immense Auswirkungen auf die deutsche und europäische Konjunktur haben könnten. Die sinkenden Auftragseingänge scheinen hierfür mehr als nur ein Indikator zu sein. Hinzu kommt die fehlende Dynamik in der Industrie – ein Problem, dass durch die eklatante Investitionsschwäche unterstrichen wird. Auch die wenigen positiv hervorstechenden Branchen und die statistisch fallende Arbeitslosigkeit können diesen Eindruck nicht umkehren. Europa kann sich auf weitere Stagnation – wenn nicht sogar einen erneuten Abwärtstrend - gefasst machen.

Februar 2022

Die vierte Corona-Welle hat die deutsche Wirtschaft zum Ende des vergangenen Jahres ausgebremst. Die Probleme in den wichtigen Sektoren bleiben bestehen. So bleibt auch die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes weiter unter Vorkrisenniveau.

Es war zuletzt keine Überraschung mehr: Die vierte Corona-Welle und weiter anhaltende Material- und Lieferengpässe haben die deutsche Wirtschaft zum Ende des Jahres ausgebremst. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ging im vierten Quartal 2021 gegenüber dem Vorquartal saison- und kalenderbereinigt um 0,7 % zurück. Damit liegt das BIP zwar immer noch um 1,4 % höher als im Vorjahresquartal 2020, doch die Wirtschaftsleistung bleibt mit 1,5 % unter Vorkrisenniveau.

Damit schneidet Deutschland schlechter ab als die Eurozone insgesamt. Dort ist das BIP nach einer vorläufigen Schnellschätzung von Eurostat im Vergleich zum Vorquartal leicht um 0,3 % gestiegen.

Ungeachtet der mäßigen konjunkturellen Entwicklung sank die Arbeitslosigkeit im Euroraum auch im vierten Quartal 2021 weiter. Im Dezember 2021 lag die saisonbereinigte Arbeitslosenquote im Euroraum bei 7,0%, ein Rückgang gegenüber 7,1% im November 2021 und gegenüber 8,2% im Dezember 2020. Damit liegt die Arbeitslosenquote zum Jahresende zugleich auch unter dem Stand des Vorkrisenniveaus vom Februar 2020.

Insgesamt waren im Euroraum im Dezember 2021 gut 11,5 Millionen Menschen ohne Arbeit, 185.000 weniger als im Vorjahresmonat.

Auch die schon seit Jahren exorbitant hohe Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum sank im Dezember weiter auf 14,9 %. Das ist für die Eurozone ein historischer Tiefstwert, der nicht nur deutlich unter dem Corona-Vorkrisenniveau vom Frühjahr 2020 liegt, sondern seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 nicht mehr erreicht wurde.

In Frankreich lag die Arbeitslosigkeit im Dezember 2021 nach revidierten Zahlen von Eurostat bei 7,4 %. Im Vorjahresmonat Dezember 2020 lag sie bei 7,8 %. In Italien liegt die Arbeitslosenquote zum Ende des vierten Quartals nach vorläufigen Zahlen bei 9,0%, ebenfalls ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat (9,8 %).

Auch die grassierende Jugendarbeitslosigkeit auf dem Stiefel sank auf 26,8 %, was trotz des kontinuierlichen Rückgangs ein in der Eurozone überdurchschnittlich hoher Wert und ein handfestes strukturelles Problem der italienischen Wirtschaft bleibt.

Sukzessive und ungeachtet des im vierten Quartal gesunkenen BIPs geht auch die Arbeitslosigkeit in Deutschland weiter zurück. Lag die Arbeitslosenquote im Vorjahresmonat Dezember 2020 nach Zahlen von Eurostat noch bei 4,0 %, sank sie im Dezember 2021 auf 3,2 %.

Allerdings ist nicht alles Gold, was glänzt. Denn die Erwerbstätigenzahl liegt weiterhin unter dem Vorkrisenniveau: Im Vergleich zum 4. Quartal 2019, dem letzten Quartal vor Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland, ging die Zahl der Erwerbstätigen im 4. Quartal 2021 saisonbereinigt um 0,4 % oder 172.000 Personen zurück. Die Gründe hängen unmittelbar mit der Krise im industriellen Sektor zusammen, die auch zum Jahresende weiter anhält.

Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe: Starke Schwankungen

Mehr als ein halbes Jahr täuschten steigende Auftragseingänge über die Probleme im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland hinweg. So erreichten die Auftragseingänge im Juni 2021 ihren höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Januar 2015.

Doch wie in Abbildung 1 ersichtlich, war die Auftragslage in den letzten Monaten starken Schwankungen unterworfen, die mit der pandemischen Unsicherheit auf den Weltmärkten und der Bedeutung von Großaufträgen (Flugzeuge, Schiffe, Züge) zusammenhängt. Offen bleibt, ob die Monate November (plus 3,6 %) und Dezember (2,8 %) für eine Trendumkehr stehen, nachdem sich der Index seit dem Sommer 2021 im Zickzackkurs nach unten bewegte. Die letzte Erholung der Auftragseingänge im Dezember liegt in stark anziehenden Inlandsaufträgen begründet – mit einem Plus von 11,7 % gegenüber dem Vormonat schlossen sie wieder zu den Aufträgen aus dem Ausland auf. Letztere gingen im Dezember um 3,0 % zurück.

Die letzten Jahre im direkten Vergleich: Im gesamten Jahr 2021 war der Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe um 9,3 % höher als im Vor-Corona-Jahr 2019. Im Vergleich zum Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland, war der Auftragseingang im Dezember 2021 saison- und kalenderbereinigt 9,8 % höher.

Doch anders sieht das Bild aus, wenn man auf die Umsätze blickt: Zwar lag der Umsatz im Verarbeitenden Gewerbe 2021 kalenderbereinigt um 5,0 % höher als im Vorjahr, aber um 5,5 % niedriger als im Vorkrisenjahr 2019 und saison- und kalenderbereinigt 2,9 % unter dem Vorkrisenniveau des Februars 2020.

Auftragseingänge in den Industriesektoren

Blickt man auf die einzelnen Industriesektoren, bleibt das Bild diffus: Der Maschinenbau konnte den kräftigen Einbruch der Aufträge im Oktober, der einen vorangegangenen rasanten Aufstieg (vor allem Großaufträge) beendete, nicht wieder wettmachen – im November stiegen die Aufträge nur leicht um 2 %, im Dezember stagnierten sie.

Erneute Zuwächse können hingegen die Metallverarbeitung (1,7 %) sowie die Chemie- und Pharmaindustrie (1,7 %) melden. Auch die Datenverarbeitung konnte den steilen Sinkflug der Aufträge im Dezember beenden und machte mit deutlichen 8 % Boden gut.

Das Sorgenkind der deutschen Industrie ist allerdings die Kraftwagenindustrie, die im Dezember 2021 wieder einen Rückgang der Auftragseingänge verbuchen musste: - 0,6 %.

 

Deutschlands Industriestandort in der Strukturkrise

Deutlicher wird die Krise allerdings, wenn man auf die Entwicklung der Produktion blickt – hier steht der Niedergang der Autoindustrie für das Problem des Produzierenden Gewerbes in Deutschland: Es werden immer weniger Fahrzeuge produziert. 2018 sank die deutsche PKW-Produktion um 9,4 %, 2019 um 9 %, 2020 um 24,7 % und in den ersten 11 Monaten 2021 um knapp 11,6 %. Gegenwärtig ist keine Besserung in Sicht. Der Output der PKW-Produktion lag in Deutschland im Jahr 2020 bereits bei ca. 3,5 Millionen Einheiten, das war der tiefste Stand seit dem Jahr 1975! 2021 sieht es sogar noch schlechter aus. Im November haben in der Autoindustrie 88 Prozent der Unternehmen über Engpässe geklagt.

Das kann der Rest der Industrieproduktion nicht abfedern, entsprechend sind die Daten: Zwar gab sie nach revidierten Zahlen von Destatis ein Lebenszeichen von sich. So zog die Produktion im vierten Quartal 2021 sowohl im Oktober (2,4 %), November (0,3 %) als auch Dezember (1,2 %) drei Mal in Folge an, bleibt aber weiter unter dem Index von 2015 und deutlich unter Vorkrisenniveau. Auch sprechen die meisten Indikatoren weiterhin gegen einen nachhaltigen Aufschwung im neuen Jahr. Nach wie vor bremsen Lieferengpässe und Materialmangel die deutsche Industrie, auch steigende Energiepreise werden für die Produzenten zunehmend ein Problem.

Bedingt durch den starken Einbruch der Bauproduktion (mehr dazu unten) sank hingegen im Dezember die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt leicht um 0,3 % im Vergleich zum Vormonat. Im November war die Produktion um den gleichen Wert gestiegen.

Heißt: Die Lage der deutschen Industrie insgesamt bleibt desolat. Im gesamten Jahr 2021 lag die Produktion im Produzierenden Gewerbe zwar um 3,0 % höher als im Jahr 2020. Dafür allerdings um 5,5 % niedriger als im Vorkrisenjahr 2019. Im Vergleich zum Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland, lag die Produktion im Dezember 2021 saison- und kalenderbereinigt gar um 6,9 % niedriger.

Industrieproduktion in der Eurozone: unklare Zeichen

In der Eurozone ist der Zustand der Industrie zum vierten Quartal besser als in Deutschland. Die Industrie hat die letzte konjunkturelle Delle vom Herbst überwunden; die lange krisengebeutelte Industrieproduktion in der Eurozone zog zum Jahresende 2021 wieder an. Nach Zahlen von Eurostat stieg die saisonbereinigte Produktion im November um 2,4 % und im Dezember 2021 um 1,2 %. Auch gegenüber dem Vorjahresmonat Dezember 2020 nahm die Industrieproduktion im Euroraum um 1,6 % zu, im Jahresdurchschnitt 2021 gegenüber 2020 gar um 7,8 %.

In einer guten Verfassung ist die Industrieproduktion der Eurozone aus langfristiger Perspektive dennoch nicht. Vergleicht man etwa die Indizes von Dezember 2021 und 2017, gab es in der Eurozone einen Rückgang um 3,2 % (Abbildung 1). Noch größer fällt die Diskrepanz aus, wenn man auf der Zeitachse bis 2008 zurückgeht. Ein Blick auf die Veränderungen der Investitionsgüterproduktion im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat verdeutlicht zudem, wie schlecht es um die Investitionsdynamik in der Eurozone bestellt ist: Oktober 2021 -2,4 %, November 2021 -9,5 %, Dezember 2021 -1,0 %.

Mit anderen Worten: Ein allgemeiner Trend nach oben ist noch nicht zu erkennen. Die konjunkturelle Dynamik in den verschiedenen Mitgliedsländern divergiert stark.

So etwa im Eurozonen-Kernland Frankreich: Dort schrumpfte die Industrieproduktion sowohl im November um 0,5 % als auch im Dezember um 0,2 %. Anders als die Eurozone als Ganzes bleibt die Produktion in Frankreich damit auch um -0,6 % hinter dem Vorjahresmonat Dezember 2020 zurück.

In Italien erreichte der Volumenindex der Industrieproduktion im November 2021 noch einen kräftigen Zuwachs und den höchsten Wert seit Mai 2019. Im Dezember gab es allerdings wieder einen Rückgang um 1,0 %.

Bauindustrie in der Krise

Die Bauproduktion der Eurozone beendet das Jahr 2021 mit einer Rezession. Gab es im zweiten Quartal noch ein Wachstum der Produktion um 1,5 %, schrumpfte diese im dritten Quartal wieder um -1,5 %. Auch im vierten Quartal, ausgelöst durch einen schwachen Dezember (-4,0 %), sank die Produktion leicht um 0,3 %. Bereits im ersten Quartal wuchs die Produktion nur mäßig um 0,4 %. Das bedeutet, dass sich die Bauproduktion weiter unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020 bewegt. Gegenüber Dezember 2020 sank die Produktion im Baugewerbe im Dezember 2021 im Euroraum um deutliche 3,9 %.

Auch und vor allem Deutschland ist von der Rezession betroffen – hier sackte die Bauproduktion im dritten Quartal um 2,5 % und im vierten Quartal um 2,1 % ein. Schon im ersten Quartal gab es einen Einbruch von -4,3 %. Der Dezember markierte mit einem Minuswachstum von 7,3 % für die deutsche Bauproduktion einen katastrophalen Abschluss des Jahres 2021.

Einzelhandel: Im Zeichen von Omikron

Ein ähnliches Bild im Einzelhandel. Seit Juni 2021, als die Umsätze in der Eurozone ein neues Rekordhoch erreichten, hat sich die konjunkturelle Dynamik deutlich abgeschwächt. Auch hier markiert einmal mehr der Dezember im Schatten der Omikron-Welle einen deutlichen Einschnitt bzw. einen Rückgang des Umsatzvolumens von 3,0 %. Allerdings liegen die Umsätze um 2,0 % höher als im Vorjahresmonat Dezember 2020.

Noch schlechter verläuft die Entwicklung für Deutschlands Einzelhandel: Nach Monaten mit starken Umsatzwachstum im Frühsommer, flaute das Absatzvolumen in den Monaten des dritten Quartals wieder merklich ab. Nach leichten Zuwächsen im Oktober und November schloss das vierte Quartal mit einem Einbruch des Einzelhandelsumsatzes um -5,5 %.

Im Jahresergebnis stiegen die Umsätze der Einzelhandelsunternehmen in Deutschland im Jahr 2021 nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) real (preisbereinigt) um 0,7 %.

Dieser Rekordumsatz konnte allerdings nur mithilfe des Onlinehandels zustande kommen, der dem unter der Corona-Krise und 2G-Regelungen leidenden stationären Handel zunehmend den Rang abläuft. So liegen die Umsätze in dieser Branche um 23,7 % über dem Vorkrisenniveau von Februar 2020.

Nur die Energiepreise liegen über der Zielinflationsrate

Der Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise im Zuge von Lieferengpässen setzte sich auch im vierten Quartal fort.

So sind die Erzeugerpreise der Industrie im Euroraum – eine Art Frühindikator für die Inflation – im Dezember 2021 um 2,9 % gegenüber dem Vormonat gestiegen. Gegenüber Dezember 2020 stiegen die Erzeugerpreise in der Industrie im Euroraum um 26,2 %.

Allerdings resultiert die Preisexplosion allein aus dem Energiesektor (7,0 %), die Preise für Vorleistungsgüter, Gebrauchsgüter, Verbrauchsgüter und Investitionsgüter liegen auch im Dezember allesamt weiter unter der Zielinflationsrate der EZB von 2,0 %. Heißt: Die Erzeugerpreise in der Industrie insgesamt, ohne den Energiesektor, stiegen gerade einmal um 0,5 %. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine Energiepreiskrise, nicht um eine allgemeine Inflation.

Die Steigerungen bei den Verbraucherpreisen schwächt sich zum Jahresende ab. Im November lag sie in der Eurozone bei 4,9 %, im Dezember bei 5,0 % (Veränderungsrate gegenüber Vorjahr). Dieser Anstieg relativiert sich allerdings, wenn man berücksichtigt, dass die Inflationsrate im Dezember 2020 mit -0,3 % im deflationären Bereich lag und auch hier der Anstieg vor allem durch die Energiepreise getrieben wird.

Die Inflationsrate in Deutschland lag im November bei 6,0 % und ging im Dezember auf 5,7 % zurück.

Die Erwartungen, dass der Corona-Spuk wenigstens zum Jahresbeginn 2022 vorbei sein wird, haben sich mit den Entwicklungen zum Ende des vierten Quartals und der grassierenden Omikron-Welle zerstoben. Die Prognose vieler Analysten, dass es im vierten Quartal zu einem Stillstand des BIP-Wachstums in Deutschland kommen wird, hat sich nun bestätigt.

Deutschland mit seiner exportorientierten Wirtschaft bleibt eines der größten Sorgenkinder der EU – keine Industrie in den Kernländern der Eurozone steckt so stark in einer strukturellen Krise wie die deutsche, auch wenn sich die konjunkturelle Entwicklung am aktuellen Rand wieder stabilisieren konnte.

Allerdings ist davon auszugehen, dass die Industrieproduktion auch 2022 nicht das Niveau von 2018 erreichen wird. Im Gegenteil, die langfristigen Wirtschaftsdaten lassen wenig Zweifel daran, dass die Bedeutung der Industrie still und leise schwindet. Im Verarbeitenden Gewerbe stehen die Zeichen schon seit 2018 auf Rezession, nur das Dreigestirn von Konsum, Bau und Dienstleistung hatte die deutsche Wirtschaft als Ganzes 2019 noch vor dem Schrumpfen bewahrt.

November 2021

Zwar wächst das BIP im 3. Quartal 2021, doch Probleme in wichtigen Sektoren trüben das Bild in Deutschland und Europa. Lieferengpässe werden bis weit ins nächste Jahr hinein bestehen bleiben. Erwerbstätigkeit und Produktion des Verarbeitenden Gewerbes bleiben unter Vorkrisenniveau.

Wachstum ist immer relativ: Zwar stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im 3. Quartal 2021 gegenüber dem Vorquartal preis-, saison- und kalenderbereinigt um 1,8 %, doch im Vergleich zum 4. Quartal 2019, dem Quartal vor Beginn der Corona-Krise, lag das BIP noch immer um 1,1 % niedriger.

Ungeachtet der mäßigen konjunkturellen Entwicklung sinkt die Arbeitslosigkeit im Euroraum auch im 3. Quartal 2021 weiter. Im Vergleich zum 1. Quartal 2021 sank die Arbeitslosenquote zum Ende des 3. Quartals nach aktualisierten Daten von Eurostat von 8,1 % auf 7,4 %. Damit entspricht die Arbeitslosenquote im September 2021 zugleich auch exakt dem Stand des Vorkrisenniveaus vom Februar 2020. Im Vorjahresmonat lag die Arbeitslosenquote noch bei 8,6 %.

Insgesamt waren im Euroraum im September 2021 knapp über 12 Millionen Menschen ohne Arbeit, 255.000 weniger als im Vorjahresmonat.

Hoch bleibt im September nach wie vor die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum, die mit dem Beginn der Einschränkungsmaßnahmen im Frühjahr 2020 dramatisch nach oben geschnellt war. Immerhin ist sie im Vergleich zum Vormonat von 16,3 auf 16,0 % gesunken. Im Vorjahresmonat September 2020 lag sie bei 18,8 %. Die nach wie vor hohe Quote ist ein strukturelles Phänomen, das bereits mit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 insbesondere in Südeuropa auftrat.

In Frankreich liegt die Arbeitslosigkeit im September 2021 nach revidierten Zahlen von Eurostat bei 7,7 %. Zum Ende des 1. Quartals im März lag sie bei 8,1 %. In Italien liegt die Arbeitslosenquote zum Ende des 3. Quartals nach vorläufigen Zahlen bei 9,2%: Hier gab es seit Juni 2021 (9,3 %) kaum Bewegung auf dem Arbeitsmarkt. Besonders hoch bleibt im „Stiefel“ die Jugendarbeitslosigkeit, die im September sogar wieder auf 29,8 % angestiegen ist.

Der Arbeitsmarkt in Deutschland erholt sich schrittweise von den Folgen der Einschränkungsmaßnahmen seit April 2020. Lag die Arbeitslosenquote im Vorjahresmonat September 2020 noch bei 6,2 %, ist sie im September 2021 auf 5,4 % zurückgegangen. Im Vorjahresmonat lag sie bei 5,6 %.

Zudem stieg nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) die Erwerbstätigenzahl im Vergleich zum Vorquartal saisonbereinigt kräftig um 169.000 Personen (+0,4 %), nachdem sie bereits im 2. Quartal 2021 um 93.000 Personen (+0,2 %) zugenommen hatte. Die Erholung ist vor allem auf die öffentlichen Dienste zurückzuführen.

Doch nach wie vor liegt die Zahl der Erwerbstätigen unter dem Vorkrisenniveau: Im 3. Quartal 2021 waren saisonbereinigt 0,8 % oder 370.000 Personen weniger erwerbstätig als im 4. Quartal 2019, dem letzten Quartal vor der Corona-Krise. Im Produzierenden Gewerbe (ohne Baugewerbe) ist die Erwerbstätigenzahl im 3. Quartal 2021 gegenüber dem Vorjahr sogar weiter gesunken (-46.000 Personen; -0,6 %). Das korreliert mit der besorgniserregenden strukturellen Krise der deutschen Industrie insgesamt (siehe unten).

Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe: Enttäuschte Hoffnung

Mehr als ein halbes Jahr täuschten steigende Auftragseingänge über die deutsche Krise im verarbeitenden Gewerbe hinweg. Im 1. und 2. Quartal 2021 zogen die Aufträge stark an, und weckten bei den Analysten Hoffnung, dass dies schon bald auf die schwächelnde Produktion durchschlagen würde. Erreichte doch der Auftragsbestand im Juni 2021 seinen höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Januar 2015. Doch diese Hoffnungen wurden nicht nur enttäuscht, im 3. Quartal erlitten auch die Auftragseingänge einen herben Dämpfer: Im August-Schock brachen die Aufträge um -8,8 % ein. Es folgte im September zwar wieder eine leichte Erholung, die allerdings verhältnismäßig schwach und geringer als erwartet ausfiel: 1,3 % im Vergleich zum Vormonat.

In der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes steht unter dieser Zahl aber auch noch das Kleingedruckte: Umsatz -0,3 % zum Vormonat.

Der leichte Anstieg der Auftragslage im September ist allerdings allein auf das Ausland - genauer die Nicht-Eurozone – zurückzuführen. Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, gingen die heimischen Aufträge im September dagegen mit -5,9 % erneut stark zurück und liegen wieder unter dem Index von 2015. Schon im August fielen die Inlandsaufträge im Vergleich zum Vormonat um -5,2 %.

Das sind überraschende Zahlen angesichts der Sicht des Deutschen Industrie- und Handelskammertags auf das globale wirtschaftliche Umfeld, das aufgrund sich zuspitzender Lieferkettenprobleme zunehmend ungemütlicher werde: Neben einer gestiegenen Nachfrage auf der einen und zu geringen Produktionskapazitäten auf der anderen Seite sehen die Firmen laut einer Befragung des IHKs Transportprobleme – besonderes wegen mangelnder Container und Frachtkapazitäten auf Schiffen sowie Produktionsausfällen bei Zulieferern.

Allein die Autoindustrie und der Maschinenbau retten die Auftragslage im September

In den Sektoren sind die Autoindustrie und der Maschinenbau im September die alleinigen Träger des Wachstums der Aufträge. Am stärksten stiegen diese im Maschinenbau mit +12,2 %, hier wurden umfangreiche Großaufträge gemeldet. Doch der Maschinenbau steht mitnichten repräsentativ für die Industrie als Ganzes.

Bei der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen stiegen die Auftragseingänge mit 9,6 % zwar ebenfalls, ein Zuwachs, der sich allerdings relativiert, wenn man bedenkt, dass diese im August 2021 um -12,6 % gesunken waren.

Dafür ist der Höhenflug der deutschen Datenverarbeitung vom Frühjahr wieder beendet. Stand im Juni mit gut 140 Indexpunkten noch ein neues Rekordhoch zu Buche, folgte im September der 3. Rückgang in Folge: -2,7 %.

Auch in der Metallerzeugung und -bearbeitung, die bereits im August einen deutlichen Auftragsrückgang von 9,6 % hinnehmen musste, leerten sich die Bücher im September merklich: - 5,4 %. Auch hier klagen die Hersteller über Lieferengpässe bei Vorprodukten. Ähnlich ist die Lage im Chemie- und Pharmasektor.

Die Produktion bleibt in der Rezession

-1,1 % zum Vormonat, -1,0 % zum Vorjahresmonat, -9,5 % unter Vorkrisenniveau – das sind die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Produktion im Produzierenden Gewerbe für den September, die eigentlich keines weiteren Kommentars mehr bedürfen. Es reicht ein Blick auf die Abbildung 4. In diesem Sektor ist Deutschland plötzlich wieder der kranke Mann Europas.

Kaum zu glauben, dass seitens der Wirtschaftsinstitute noch im Juli von einer boomenden Auftragslage die Rede war, die nun endlich auch in der laufenden Produktion durchzuschlagen beginnt. Schon im Vormonat August sank die reale (preisbereinigte) Produktion im Produzierenden Gewerbe saison- und kalenderbereinigt um -3,5 %.

Die Industrieproduktion (Produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) ist im September 2021 gegenüber August 2021 um 1,5 % gesunken. Innerhalb der Industrie nahm die Produktion von Investitionsgütern um 2,8 % ab. Im Bereich der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen stieg die Produktion gerade einmal um 2,1 %, nachdem sie im August 2021 um ganze 18,9 % zurückgegangen war. Die Produktion von Konsumgütern ist um 0,2 % gestiegen.

Man kann Schaubild und Zahlen in einem Satz bündeln: Seit 2018 herrscht de facto Rezession.

Doch Liefer- und Rohstoffengpässe allein können die Krise nicht erklären.  Es scheint sich vielmehr um ein strukturelles Phänomen zu handeln. Diesen Eindruck bestätigt der Blick auf die lange Zeitachse bis November 2017, innerhalb der die Corona-Krise nur ein Intermezzo darstellt und der zeigt, dass sich die Branche schon seit etwa 3 Jahren in einer deutlichen Abschwungphase befindet bzw. seitdem um 13,2 % geschrumpft ist. Selbst das „Vorkrisenniveau“ von Februar 2020 ist in weite Ferne gerückt.

Industrieproduktion in der Eurozone: Die große Ernüchterung

Auch in der Eurozone ist der Zustand der Industrie zum dritten Quartal nur wenig besser als in Deutschland. Der August 2021 beendete einen kurzen Sommer: Die Hoffnungen der Analysten auf ein Anziehen der Konjunktur wurde durch Ernüchterung abgelöst, die Produktion sackte um -1,7 % ein. Die nicht erst seit der Corona-Pandemie insgesamt rezessiv verlaufende Entwicklung bestätigte sich auch im September: Die saisonbereinigte Industrieproduktion sank gegenüber August im Euroraum um -0,2 %. Deutlich wird die strukturelle Krise aber erst, wenn man die Indizes von September 2021 und 2018 vergleicht – hier gab es in der Eurozone einen Rückgang von -3,7 %. 

Auch in den nächsten Monaten wird angesichts der sich wieder verschärfenden Corona-Situation in vielen Ländern kaum eine Trendwende zu erwarten sein. Heißt, Lieferengpässe der für die Industrie wichtigen Materialien und Rohstoffe bleiben in den meisten europäischen Ländern weiter bestehen. Auch die Energiepreise und angebots- sowie nachfrageseitige Einflussfaktoren werden weiterhin die Entwicklung der Industrie in der Eurozone maßgeblich beeinflussen.

Frankreich, das zweite Kernland neben Deutschland, hat ähnliche Probleme. Zwar wuchs im August die Industrieproduktion um 1,1 %, der bis dahin 3. Monat in Folge mit positivem Wachstum. Doch im September folgte ein Rückgang von -1,3 %. Der Volumenindex der französischen Industrie blieb ebenfalls deutlich unter dem Niveau von Februar 2020 und unter dem Index von 2015.

In Italien war die Entwicklung im Juni und Juli noch am „dynamistischen“: Die wirtschaftsliberale Presse glaubte, hier vor allem ein Verdienst Mario Draghis zu erkennen. Seit Juni befindet sich die italienische Industrie über Vorkrisenniveau, im Juli wurde knapp der letzte Peak von August 2020 erreicht. Im August 2021 gab es allerdings einen leichten Produktionsrückgang von -0,2 %, auf den im September ein nur minimaler Anstieg um 0,1 % folgte.

Auf dem Bau wenig Neues

Auch die Bauproduktion in der Eurozone schwächelt. Gab es im 2. Quartal noch ein Wachstum der Produktion um 1,5 %, schrumpfte diese im 3. Quartal 2021 wieder um -1,7 %. Bereits im 1. Quartal wuchs die Produktion nur mäßig um 0,3 %. Das bedeutet, dass sich die Bauproduktion weiter unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020 bewegt. Daran ändert auch der leichte Produktionsanstieg im September um 0,9 % nichts mehr.

Auch hier ist in besonderen Maße Deutschland betroffen, wo die Bauproduktion im 3. Quartal sogar um -2,1 % einsackte. Schon im 1. Quartal gab es einen Einbruch von -4,3 %. Angesichts der 4. Welle der Corona-Pandemie dürfte die Tendenz auch hier - ungeachtet eines leichten Wachstums im September - weiter nach unten zeigen.

Einzelhandel: Ende des Booms

Deutlich abgeschwächt hat sich die konjunkturelle Dynamik im Einzelhandel. Noch im 2. Quartal stand dieser ganz im Zeichen des Aufschwungs und diente als Konjunkturlokomotive der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Seit März, dem Ende des 1. Quartals, liegen die Umsätze in der Eurozone insgesamt wieder deutlich über dem Vorkrisenniveau von Februar 2020. Doch so wie die Umsätze im 2. Quartal 2021 ein neues Rekordhoch erreichten, sanken sie wieder in den Monaten des 3. Quartals (Juli: -2,2 %, September: -0,3 %).

Ähnlich die Entwicklung für Deutschlands Einzelhandel: Nach Monaten mit starkem Umsatzwachstum im Frühsommer flaute das Absatzvolumen in den Monaten des 3. Quartals wieder merklich ab (Juli: -4,1 %, September: -2,5 %). Diese vorläufige Tendenzwende kommt kaum überraschend. Die Lage für den stationären Einzelhandel war seit der Corona-Krise stets prekär. Viele bekannte Mode-Ketten und Gastronomien verschwinden dauerhaft aus den Innenstädten. Mit Personalabbau und Filial-Schließungen stemmen sich viele Unternehmen gegen den Untergang.

Steigende Preise, aber keine Inflation

Die Lieferengpässe und stark steigende Rohstoff- sowie Energiepreise – das Wort „Energiepreiskrise“ macht die Runde – sorgen auch im 3. Quartal für einen weiteren Anstieg der Erzeuger- und Verbraucherpreise. Seit Juli 2021 ist die von der EZB leicht nach oben korrigierte Zielinflationsmarke von 2,0 % überschritten.

Die Erzeugerpreise der Industrie im Euroraum – eine Art Frühindikator für die Inflation – stiegen im September um 2,7 % im Vergleich zum Vormonat. Das bedeutet einen Anstieg um 16,0 % im Vergleich zum Vorjahresmonat September 2020.

Die Verbraucherpreise in der Eurozone kletterten im September weiter auf 3,4 % (Veränderungsrate gegenüber Vorjahr): Das ist die nunmehr höchste Rate seit über 10 Jahren. Dieser Anstieg relativiert sich allerdings, wenn man berücksichtigt, dass die Inflationsrate im September 2020 mit -0,3 % im deflationären Bereich lag.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut Statistischem Bundesamt im September bei 4,1 %. Eine höhere Inflationsrate gab es zuletzt im Dezember 1993 mit 4,3 %. Auch diese Rate soll nach Schätzungen des Bundesamtes allerdings im Oktober mit 4,5 % übertroffen werden.

Doch haben wir es definitorisch mit einer handfesten Inflation zu tun? Das wäre der Fall, wenn das Preisniveau über einen längeren Zeitraum anhaltend und allgemein steigt. Allerdings verschwindet die Inflation sowohl für kurze wie auch für längere Zeiträume dann, wenn man, statt die Preisentwicklung von Monat zu Vorjahresmonat, die Quartale mit dem jeweiligen Vorjahresquartal vergleicht: Seit Jahren hat kein Quartal die Zielinflationsrate der EZB von 2 % überschritten.

Über einen längeren Zeitraum betrachtet, ist das Problem in der Eurozone nicht die Inflation, sondern eine anhaltende Deflation.

Zwar haben sich die Energiekosten im Vergleich zu denen des Vorjahrs stark erhöht. So sind zum Beispiel die Preise für Flüssiggas im September dieses Jahres im Vergleich zum September letzten Jahres um 56,1 % gestiegen. Es sind aber auch Güterpreise gefallen, etwa für Computersoftware um -4,8 %. Von einer allgemeinen inflationären Preissteigerung, also über alle Warengruppen hinweg, kann daher nicht die Rede sein.

Die Erwartungen, dass der Corona-Spuk spätestens mit dem Frühjahr 2021 vorbei sein wird, haben sich mit dem dritten Quartal und angesichts der sich noch in den Konjunkturdaten niederschlagenden 4. Welle der Pandemie endgültig in Luft aufgelöst. Für das 4. Quartal erwarten nicht wenige Analysten, dass es zu einem Stillstand des BIP-Wachstums kommen wird.

Deutschland mit seiner exportorientierten Wirtschaft ist in diesem Zuge vom Musterschüler zu einem der größten Sorgenkinder der EU avanciert. Keine Industrie in den Kernländern der Eurozone steckt so stark in einer strukturellen Krise wie die Deutsche. Aktuell liegt hier das Produktionsniveau um 9,5 % niedriger als im Februar 2020, dem Monat vor Beginn der Corona-Einschränkungen. Der Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer geht davon aus, dass „die neue Corona-Welle in China wieder zu Schließungen von Fabriken führen dürfte, die für den Nachschub der deutschen Industrie wichtig sind".

Die Lieferengpässe machen zudem der anfälligen Exportwirtschaft zu schaffen, und auch die Binnenwirtschaft ist schwach.

Entsprechend revidierte das IfW Kiel in seiner jüngsten Konjunkturprognose seine Erwartungen für dieses Jahr nach unten. 2021 sei statt mit 3,9 nur noch mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts um 2,6 Prozent zu rechnen.

August 2021

Auch das zweite Quartal 2021 steht in Deutschland und Europa im Zeichen der Corona-Krise. Hinzu kommen langwierige Lieferengpässe. Erwerbstätigkeit und Produktion des Verarbeitenden Gewerbes bleiben unter Vorkrisenniveau. Der erhoffte Boom lässt auf sich warten.

Die Arbeitslosigkeit im Euroraum ist im ersten und zweiten Quartal 2021 zurückgegangen. Die Beschäftigungslage erholt sich sukzessive vom Schlag der Corona-Krise. Im Vergleich zum ersten Quartal 2021 sank die Arbeitslosenquote im Juni zum Ende des zweiten Quartals nach aktualisierten Daten von Eurostat von 8,1 % auf 7,7 %.

Im Vorjahresmonat lag die Arbeitslosenquote bei 8,0 %. Zunehmende Lockerungen der pandemiebedingten Einschränkungsmaßnahmen der vergangenen Monate in den EWU-Mitgliedsländern, Kurzarbeitergeld und Konjunkturprogramme haben es ermöglicht, dass sich die Quote allmählich wieder dem Stand des Vorkrisenniveaus vom Februar 2020 annähert – damals lag die Erwerbslosenquote bei 7,4 %.

Insgesamt waren im Euroraum im Juni 2021 knapp über 12,5 Millionen Menschen ohne Arbeit, knapp 340.000 weniger als im Vorjahresmonat.

Hoch bleibt aber nach wie vor die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum, die mit dem Beginn der Einschränkungsmaßnahmen im Frühjahr 2020 dramatisch nach oben geschnellt war. Immerhin ist sie im Juni im Vergleich zum Vormonat von 17,9 % auf 17,3 % gesunken. Im Vorjahresmonat Juni 2020 lag sie bei 18,7 %.

In Frankreich liegt die Arbeitslosigkeit im Juni 2021 bei 7,3 %. Zum Ende des ersten Quartals lag sie nach revidierten Zahlen von Eurostat noch bei 8,1 %. Auch in Italien sank die Arbeitslosenquote zum Ende des zweiten Quartals nach vorläufigen Zahlen auf 9,7%, ist aber höher als im Vorjahresmonat (9,5 % im Juni 2020).

Besonders hoch bleibt im Stiefel die Jugendarbeitslosigkeit, wenngleich auch sie im Juni auf 29,4 % gesunken ist.

Weiter gesunken ist auch die Arbeitslosenquote in Deutschland. Lag diese im Dezember noch bei 4 %, und im März 2021 bei 3,8 %, ist sie im Juni 2021 weiter leicht auf 3,7 % zurückgegangen. Im Vorjahresmonat lag sie bei 3,8 %.

Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Beschäftigten im Juni 2021 im Vergleich zum Juni 2020 in fast allen Wirtschaftsbereichen des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland abnahm. Am stärksten sank die Beschäftigtenzahl in der Metallerzeugung und -bearbeitung mit -5,4 %. Deutlich zurückgegangen sind die Beschäftigtenzahlen auch im Maschinenbau (-3,5 %), in der Herstellung von Metallerzeugnissen (-3,2 %), in der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen (-2,7 %), in der Herstellung von elektrischen Ausrüstungen (-1,8 %) und in der Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren (-1,7 %). Das korreliert mit der besorgniserregenden strukturellen Krise der deutschen Industrie insgesamt.

Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe: Fata Morgana des Booms

Nimmt man die Auftragslage im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland zum Maßstab, dann müsste die Wirtschaft boomen. Wie schon im ersten Quartal zogen die Aufträge auch im zweiten Quartal 2021 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes mit 2 % weiter an. Der Auftragsbestand ist damit seit Juni 2020 angestiegen und erreichte im Juni 2021 seinen höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Januar 2015. Zumindest hier scheint die Corona-Krise zu Ende zu sein.

Allein die Nachfrage aus dem nichteuropäischen Ausland hat im Juni wieder deutlich nachgelassen. Der Zuwachs fußt demnach verstärkt auf steigenden Inlandsaufträgen, die nicht nur im Mai, sondern vor allem im Juni (9,6 %) kräftig zulegen konnten und vor allem durch Großaufträge für Investitionsgüter beeinflusst wurden. Erstmals seit einem Jahr liegen damit die Inlands- über den Auslandsaufträgen, die nach einem Einbruch im Vormonat nur leicht stiegen (0,4 %).

Der deutliche Auftragsrückgang aus der Nicht-Eurozone im Mai und Juni dürfte auch mit der Entwicklung in China zusammenhängen, einem der größten Abnehmer deutscher Exporte. Jüngst wuchs im Reich der Mitte die Wirtschaft weniger schnell, als von Analysten erwartet. Mittelfristig dürften aber auch die Vorgaben Pekings, immer mehr höherwertige Produkte in China selbst herzustellen, Wirkung zeigen. So könnte zum Beispiel der deutschen Windkraftindustrie ein ähnliches Schicksal widerfahren wie der hiesigen Solarbranche. Chinesische Windenergieexporte nehmen stetig zu und könnten damit die Auslandsaufträge von deutschen Unternehmen mittelfristig übernehmen, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnt.

Datenverarbeitung überstrahlt die übrigen Sektoren

Die deutsche Datenverarbeitung bleibt auch im zweiten Quartal die Gewinnerin der Corona-Krise, schraubt sich auf dem Index weiter nach oben und überflügelt alle anderen Sektoren. Mit nun gut 140 Indexpunkten wurde im Juni zum Ende des zweiten Quartals ein neues Rekordhoch erreicht.

Die Auftragsbücher der Kraftwagenindustrie, die sich im Mai deutlich leerten, konnten sich im Juni im Vergleich zum Vormonat zwar wieder um 4,3 % füllen. Allerdings gingen die Aufträge im zweiten Quartal insgesamt leicht zurück. Das Gleiche gilt für die Auftragslage der übrigen Sektoren wie die Chemie- und Pharmaindustrie, die Metallverarbeitung und den Maschinenbau: Sie alle konnten zwar im Juni nach teils deutlichen Einbrüchen im Vormonat zulegen, verloren aber im zweiten Quartal, was die Bedeutung der Datenverarbeitung für die Auftragslage im verarbeitenden Gewerbe unterstreicht.

Die Produktion rutscht in die Rezession

Die sich tendenziell füllenden Auftragsbücher haben allerdings keine positiven Auswirkungen auf die laufende Produktion. Im Gegenteil – nicht nur startete die Produktion des Produzierenden Gewerbes bereits extrem schwach ins neue Jahr, seit August ist nun amtlich, dass das Produzierende Gewerbe nach einem Minuswachstum auch im Zweiten Quartal mitten in einer Rezession steckt. Auch im Juni, dem dritten Monat des zweiten Quartals, ging die Produktion des Produzierenden Gewerbes um -1,3 % zurück.

Ungut ist die Entwicklung einmal mehr bei den Herstellern von Investitionsgütern. Nach vorläufigen Angaben von Destatis gab es wie schon im Mai erneut einen deutlichen Rückgang, diesmal um -2,9 %. Die Konsumgüterproduktion stieg hingegen um 3,4 %.

Von den Liefer- bzw. Rohstoffengpässen, die die Produktion bremsen, sind laut Münchner ifo-Institut 45 Prozent der Industrieunternehmen betroffen, der mit Abstand höchste Wert seit 1991. Doch alleine kann dies die Krise nicht erklären, es scheint sich vielmehr um ein strukturelles Phänomen zu handeln. Diesen Eindruck bestätigt der Blick auf die lange Zeitachse bis November 2017, innerhalb der die Corona-Krise nur ein Intermezzo darstellt, und der zeigt, dass sich die Branche schon seit etwa 3 Jahren in einer deutlichen Abschwungphase befindet bzw. seitdem um fast 11 % geschrumpft ist. Schon das „Vorkrisenniveau“ von Februar 2020 scheint bis auf weiteres nicht mehr erreichbar zu sein.

Industrieproduktion in der Eurozone: Die große Ernüchterung

In der Eurozone ist die Lage der Industrie zum zweiten Quartal nur wenig besser als in Deutschland. Nach verhaltenem Wachstum in den Vormonaten sank die Industrieproduktion in der Eurozone im Mai um 1,1 % und lag wieder deutliche minus 1,4 % unter dem Vorkrisen- und Vorjahresmonat Februar 2020. Der Abwärtstrend bestätigte sich nun im Juni  wieder. Wenn auch nur leicht, ging die Produktion 0,3 %zurück. Betroffen war vor allem die Produktion der Investitionsgüter (-1,5 %).

Im gesamten zweiten Quartal gab es somit ein Minuswachstum. Damit herrscht in Europa nun seit acht Monaten mehr oder weniger Stagnation. Eine Rezession droht der Eurozone in den folgenden Monaten. Die von Analysten erhoffte Trendwende im zweiten Quartal angesichts steigender Auftragseingänge hat sich damit endgültig nicht erfüllt.

Die besorgniserregende Lage des Produzierenden Gewerbes in Deutschland wird bestätigt von der Industrieproduktion als solcher (Produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe), die im Juni um -1 % schrumpfte. Die Industrieproduktion rutscht damit immer tiefer unter das Niveau von Februar 2020: -7,5 %.

Entgegen dem europäischen Trend befindet sich Italiens Industrie nun seit zwei Quartalen auf einem Wachstumspfad. Im Juni wuchs die Industrieproduktion um 1 %, genauso wie im zweiten Quartal insgesamt. Italien liegt damit wieder knapp über dem Vorkrisenniveau von Februar 2020 und kann unter den Kernländern überraschend die positivste Entwicklung seit der Corona-Krise vorweisen.

Anders stellt sich mit dem Ende des zweiten Quartals die Situation in der französischen Industrie dar. Von einer leichten Konjunktur wie in Italien kann hier keine Rede sein, wenngleich  die Industrieproduktion im zweiten Quartal mit 0,2 % minimal wuchs. Doch Dynamik sieht anders aus, mit einem Volumenindex von 97,8 liegt die Produktion weiter deutlich unter Vorkrisenniveau.

Bauproduktion weiter unter Vorkrisenniveau

Kaum anders bleibt die Lage in der europäischen Bauproduktion. In den ersten beiden Quartalen dieses Jahres war hier nur wenig Dynamik zu beobachten – im Gegenteil: Im Juni sank die Produktion in der Eurozone wieder um 1,7 %. Das ist der dritte Monat in Folge mit einem Minuswachstum, nachdem die Produktion im ersten Quartal mit 0,5 % noch leicht zugenommen hatte. Das bedeutet auch, dass sich die Bauproduktion noch immer unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020 bewegt.

Das betrifft in besonderem Maße Deutschland. Hier musste die Bauindustrie im Vergleich zur EWU im Juni mit -2,6 % einen besonders kräftigen Einbruch hinnehmen. Auch hier handelt es sich um den dritten Rückgang in Folge, nachdem bereits das erste Quartal im Zeichen des Abschwungs stand. Mit anderen Worten: Die Bauindustrie befindet sich in der Rezession, genauso wie das produzierende Gewerbe insgesamt.

Einzelhandel mit neuem Rekordhoch

Das zweite Quartal schreibt den Aufschwung für den Einzelhandel fort. Die Branche ist damit einer der wenigen Lichtblicke in Europa. Seit März, dem Ende des Ersten Quartals, liegen die Umsätze in der Eurozone nach einem starken Einbruch in der zweiten Jahreshälfte 2020 sowie Januar 2021 im Zuge des zweiten Lockdowns wieder über dem Vorkrisenniveau von Februar 2020. Im Mai (4,1 %) und Juni (1,5 %) bzw. im zweiten Quartal 2021 stiegen die Umsätze weiter und erreichten ein neues Rekordhoch. Das Absatzvolumen kletterte auf einen Indexwert von 115,3.

Deutschlands Einzelhandel zog ebenfalls kräftig an, wuchs im Juni um 4,2 %, schrammte aber knapp am Indexhöchstwert vom November 2020 vorbei. Insgesamt wuchs das Absatzvolumen im zweiten Quartal um 1,9 %.

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Lage für den stationären Einzelhandel bleibt prekär. Viele bekannte Mode-Ketten und Gastronomien werden dauerhaft aus den Innenstädten verschwinden. Mit Personalabbau und Filial-Schließungen stemmen sich viele Unternehmen gegen den Untergang, darunter auch große Publikumsmagnete wie Douglas, Promod, Maredo, Hallhuber, H&M, Galeria Karstadt Kaufhof oder Esprit.

Auch Frankreichs Einzelhandel kämpft gegen die Folgen der Corona-Pandemie. Im Januar und April machten sich die harten Einschränkungen im Land mit herben Rückschlägen bemerkbar. Doch in den letzten beiden Monaten des zweiten Quartals, Mai und Juni, konnte das Absatzvolumen wieder kräftig wachsen und liegt nun mit 0,4 % leicht über dem Vorquartal und deutlich über dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020 (6,5 %).

Preise überschreiten die Zielinflation

Die expansive Geldpolitik der EZB, umfangreiche Hilfsgelder und Konjunkturpakete sowie Lieferengpässe und steigende Rohstoff- sowie Energiepreise fachen die Inflation in der Eurozone weiter an. Allerdings könnte die US-Notenbank Federal Reserve bald ihren Kurs anpassen, indem sie ihre Anleiheankäufe reduziert und damit eine globale Trendwende einleiten.

Seit August 2020, einem deflationären Tiefpunkt in der Preisentwicklung, zeigt der Trend nach oben: Sowohl im ersten als auch zweiten Quartal 2021 zogen Erzeuger- und Verbraucherpreise stark an und haben die von der EZB leicht nach oben korrigierte Zielinflationsmarke von 2 % im März bzw. Juli 2021 überschritten.

Die Erzeugerpreise in der Industrie – eine Art Frühindikator für die Inflation – stiegen im Euroraum bis zum Juni, dem letzten Monat des zweiten Quartals, um 10,5 % im Vergleich zum Vorjahr an. Die Verbraucherpreise in der Eurozone kletterten im Juli weiter auf 2,2 %. Das ist die höchste Rate seit 2018. Noch im Dezember 2020 lag die Inflationsrate bei -0,3 % im deflationären Bereich.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts (Destatis) im Juli bei 3,8 %. Eine höhere Inflationsrate gab es zuletzt im Dezember 1993 mit 4,3 %.

Droht jetzt eine langfristige Inflationsspirale? Dafür müsste die Nachfrageentwicklung längerfristig die volkswirtschaftlichen Produktionskapazitäten überschreiten, so dass der Nachfrage ein ungenügendes Angebot an Waren und Dienstleistungen gegenübersteht. Tatsächlich scheint es derzeit weder auf der Nachfrage- noch auf der Kostenseite Grund zu der Befürchtung zu geben, dass dies der Fall ist. Zwar rufen gegenwärtig Engpässe in den Lieferketten (Vorprodukte und Zulieferteile) einen gewissen Preisdruck im verarbeitenden Gewerbe hervor. Auch die genannten Sondereffekte wie gestiegene Rohstoffpreise – oder die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer und die Einführung der CO2-Steuer – tragen zu einem leichten Preisauftrieb bei. Dies dürfte sich jedoch hierbei nur um vorübergehende Störungen handeln, die nicht zu einem anhaltenden Anstieg des Preisniveaus führen werden. Denn inflationäre Prozesse, die durch steigende Lohnstückkosten ausgelöst werden, sind angesichts der weiterhin bestehenden Schwäche der Gewerkschaften zurzeit unwahrscheinlich.

Die Erwartungen, dass der Corona-Spuk spätestens mit dem Frühjahr 2021 vorbei sein wird, haben sich in Luft aufgelöst. Nicht nur produziert die Industrie noch immer unter Vorkrisenniveau, sie befindet sich in Deutschland sogar in einer Rezession, die im langen Konjunkturzyklus ohnehin längst existent ist. Ja, die Auftragslage befindet sich insgesamt wieder auf recht hohem Niveau. Ja, die Produktion mag durch Lieferengpässe, fehlende Rohstoffe, Bedarfe wie Halbleiter, Stahl, Metalle, Holz, Kunststoffe, Harze, Farben, Lacke und Vorprodukte gebremst werden.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Von einem gebremsten Boom, den die Medien herbeischreiben, kann keine Rede sein. Die deutsche Industrie befindet sich in einer langfristigen strukturellen Krise, die durch die Corona-Krise nur verschärft wurde. Derzeit sorgen nur noch die privaten und staatlichen Konsumausgaben dafür, dass Deutschland nicht insgesamt zurück in die Rezession gerutscht ist. Gerade werden für Deutschland die Wachstumsprognosen wieder nach unten korrigiert. Mehr als 2 bis 3 % scheinen kaum mehr erreichbar.

Aber der Rohstoffmangel, deutliche Mehrkosten und längere Lieferzeiten für die Verbraucher können die Krise verstärken, indem die Nachfrage insgesamt beeinträchtigt wird. Die „just-in-time Beschaffung“ geht nicht mehr auf, so der Logistikexperte Gerd Kerkhoff.

Zumal sich für die exportlastige deutsche Wirtschaft nachteilige Entwicklungen außerhalb der Eurozone und vor allem in Ostasien bemerkbar machen: Die nächste Corona-Welle scheint allmählich die Auslandsaufträge zu beeinträchtigen. Und die Lieferengpässe resultieren aus einer komplexen Verkettung von Wechselwirkungen, die zueinanderstehen – national, international und geopolitisch. Die Lieferketten werden über Jahre fragil und bedroht bleiben. Laut der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) kommen 17 der 27 Rohstoffe, die von der EU als „kritisch“ eingestuft werden, vorrangig aus China. Und es ist nicht auszuschließen, dass China die eigene Produktion durch Senkung weiterer Exporte sicherstellen wird.

Mai 2021

Das erste Quartal 2021 steht in Deutschland und Europa noch ganz im Zeichen der Corona-Krise. Noch immer liegen sowohl Erwerbstätigkeit als auch die Produktion des verarbeitenden Gewerbes unter Vorkrisenniveau.

Die Arbeitslosigkeit im Euroraum ist in den letzten Monaten leicht zurückgegangen. Im Vergleich zum Ende des vierten Quartals 2020 sank die Arbeitslosenquote im März zum Ende des ersten Quartals 2021 um 1,2 % und liegt nun laut aktualisierten Daten von Eurostat bei 8,1 %.

Dieser Rückgang ist jedoch marginal, wenn man die Quote mit dem Vorjahresmonat vergleicht – damals lag sie bei 7,1 %. Die pandemiebedingte Erwerbslosigkeit konnte also bisher noch nicht abgebaut werden, was angesichts weiter existierender Einschränkungsmaßnahmen durch die Regierungen auch nicht verwunderlich ist. Insgesamt waren im Euroraum im März 2021 knapp über 13,1 Millionen Menschen ohne Arbeit, knapp 1,6 Millionen mehr als im Vorjahresmonat.

Dramatisch hoch bleibt fast unverändert die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum. Auch sie sank seit Dezember 2020 nur leicht von 17,4 auf 17,2 % im März 2021.

In Frankreich liegt die Arbeitslosigkeit laut den angepassten Zahlen von Eurostat im März 2021 bei 7,9 %. Zum Ende des vierten Quartals lag sie bei 7,8 %. Weiterhin fluktuieren die gemeldeten Zahlen aus Italien sehr stark. Nachträglich aktualisiert lag die Arbeitslogenquote im Dezember 2020 bei nun 9,8 %. Zu Beginn des ersten Quartals 2021 sprang die Quote laut Eurostat auf 10,3 %, ist seitdem aber wieder rückläufig und liegt im März bei 10,1 %. Dramatisch hoch bleibt im Stiefel die Jugendarbeitslosigkeit, die im März bei sage und schreibe 33 % liegt.

Leicht gesunken ist nach den Zahlen von Eurostat hingegen die Arbeitslosenquote in Deutschland. Lag diese im Dezember bei 4,6 %, ist sie bis März 2021 auf 4,5 % zurückgegangen. Im Vorjahresmonat lag sie allerdings noch bei 3,8 %.

Schaut man auf die Kurzarbeit, so sank diese nach Angaben des Ifo-Instituts in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres auf 1,95 Millionen im Dezember 2020, wuchs im Zuge des zweiten Lockdowns im ersten Quartal allerdings wieder auf 2,9 Millionen Menschen im Februar an. Seitdem ist sie branchenübergreifend wieder rückläufig und liegt im März bei 2,7 Millionen, was 8 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten entspricht. Besonders hoch ist der Anteil an Kurzarbeitern mit 50,8 % weiterhin im Gastgewerbe.

Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe: Hoffnungswerte

Mehr Hoffnung als Konjunkturindikator liefert die Auftragslage im verarbeitenden Gewerbe – zumindest in Deutschland. Im ersten Quartal 2021 zogen die Aufträge im verarbeitenden Gewerbe nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes kräftig an, und zwar um 5,2 %. Mittlerweile liegen die Aufträge wieder deutlich über dem Niveau des Vorkrisenmonats Februar (plus 9,1 %) und dem Vorjahresmonat (plus 27,8 %).

Die Auftragseingänge haben zwar immer noch nicht den Höhepunkt des letzten Aufschwungs erreicht, der bereits im Dezember 2017 endete und in eine langanhaltende Rezession überging. Doch scheint das erste Quartal des neuen Jahres eine Trendumkehr einzuleiten.

Auch die deutsche Exportwirtschaft ist auf dem besten Wege, mit dem zweiten Quartal wieder die Spitze des Auftragsvolumens von Dezember 2017 zu erreichen – was die deutsche Exportabhängigkeit einmal mehr unterstreichen würde. Allerdings hat sich im ersten Quartal auch die chronisch schwache Auftragslage aus dem Inland deutlich erholt und stützt die anziehende Konjunktur.

Digitalisierung pusht die Datenverarbeitung

Die deutsche Datenverarbeitung klettert als Gewinnerin der Corona-Krise im ersten Quartal in ungeahnte Höhen. Mit nun fast 134 Indexpunkten wurde das Rekordhoch des Vormonats im März überschritten.

Die gute Auftragslage gilt in abgeschwächter Form aber auch für die gesamte Industrie. Sämtliche Sektoren liegen im März und damit zum Ende des ersten Quartals wieder deutlich über dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Die Auftragsbücher in der Kraftwagenindustrie füllten sich im März nur leicht um 0,6%. Der Maschinenbau konnte ebenfalls auf dem Index weiter nach oben auf nun fast 109 Punkte klettern, einen ähnlichen Wert gab es zuletzt im November 2018. Die Metallverarbeitung legt im März um 1,5 % zu, die Chemie- und Pharmaindustrie kann sich über einen deutlichen Sprung der Auftragseingänge um 5,3 % gegenüber dem Vormonat freuen.

Produktion schwächelt im ersten Quartal weiter

Die Produktion des produzierenden Gewerbes startete extrem schwach ins neue Jahr. Im Januar und Februar kam es zu einem Rückgang – es zeichnete sich der Fortgang jener Rezession ab, die das produzierende Gewerbe schon seit 2018 heimsucht, noch bevor überhaupt das Vorkrisenniveau erreicht ist. Im März aber konnte die Produktion nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes saison- und kalenderbereinigt wieder um 2,5 % zulegen. Ob das eine Trendwende ist, bleibt abzuwarten, doch die Auftragseingänge deuten zumindest darauf hin. Auch die Bauproduktion, die in den Vormonaten einen starken Einbruch hinnehmen musste, konnte mit plus 10,8 % einen großen Sprung nach oben machen.

Getrübt werden diese Hoffnungswerte durch zweierlei: Erstens liegt die Produktion im Produzierenden Gewerbe saison- und kalenderbereinigt immer noch 4,3 % niedriger als im Vorkrisenmonat Februar – aus dieser Perspektive ist die Rezession also noch lange nicht beendet. Zweitens ist die Industrieproduktion (Produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) separiert nur schwach um 0,8 % gestiegen, womit die Rede von einer Trendwende verfrüht kommen könnte. Hier liegt die Produktion noch deutlicher unter dem Niveau vom Februar 2020: minus 6 % (Abbildung 6). Insgesamt schrumpfte die Produktion des produzierenden Gewerbes im ersten Quartal um minus 1,7 %.

Produktion in der Eurozone: Im Westen und Süden nichts Neues

Seit nunmehr vier Monaten befindet sich Europas Industrie in der Stagnation. Es scheint, dass kaum mehr Luft nach oben sei und sich das Produktionsvolumen mittel- bis langfristig um den Index von 2015 einpendelt. Eine niedrigere Industrieproduktion als in der Vergangenheit scheint zur Normalität zu werden. Nach einem Rückgang der saisonbereinigten Industrieproduktion in der Eurozone im Februar (minus 1,2 %) stieg sie im März gerade einmal um 0,1 % (Abbildung 1). Die Produktion sowohl der Investitions- (minus 1 %) als auch Gebrauchsgüter (minus 1,2 %) schrumpfte. Die Produktion von Vorleistungsgütern nahm hingegen leicht zu: plus 0,6 %. Gegenüber dem Vorkrisen- und Vorjahresmonat Februar 2020 sank die Industrieproduktion im Februar 2021 im Euroraum um minus 1,2%.

Stagnation auch in Italien. Die italienische Industrieproduktion schrumpfte im März um minus 0,1 % und befindet sich auf fast dem gleichen Niveau wie schon im Oktober 2020. In anderen Worten: Fünf Monate lang, das zeigen die korrigierten Zahlen, bewegt sich das Produktionsvolumen nun schon auf der Stelle, das Vorkrisenniveau scheint derzeit in weiter Ferne zu liegen – zumal die Maastricht-Krise Italiens schon vor der Covid-19-Krise inhärent war.

Nicht besser ist der Zustand von Frankreichs Industrie. Zwar wuchs die Produktion im März um leichte 0,7 %, diesem Wachstum war allerdings ein herber Einbruch im Februar vorausgegangen (minus 4,8 %). Insgesamt ist die Entwicklung der letzten Monate rezessiv, mit einem Volumenindex von 97,2 liegt die Produktion auf dem Niveau von September 2020.

Deutschlands Industrie wuchs im März um 0,8 %. Auch hier waren dem leichten Wachstum zwei Monate mit negativem Wachstum vorausgegangen. Ob der März zumindest in Deutschland eine Trendwende markiert, bleibt abzuwarten. Noch immer produziert die deutsche Industrie deutlich unter dem Index von 2015 und minus 5,8 % unter dem Volumen vom Februar 2020.

Bauproduktion noch immer unter Vorkrisenniveau

Kaum anders ist die Lage in der europäischen Bauproduktion. Noch immer bewegt sie sich unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Laut ersten Schätzungen von Eurostat stieg sie aber im März innerhalb des Euroraums wieder um 2,7 %, womit der Rückgang im Vormonat wieder wettgemacht werden konnte. Auch gegenüber dem Vorquartal wuchs die Bauproduktion um 2,7 %.

Frankreich hingegen musste im März einen der größten Einbrüche der Eurozone hinnehmen. Hier sank die Produktion im Baugewerbe um deutliche minus 7,3 %, was der zweite deutliche Rückgang in Folge ist. Nach einem hoffnungsvollen Start ins erste Quartal liegt damit auch die Bauwirtschaft Frankreichs wieder unter dem Vorkrisenniveau von Februar 2020.

Einzelhandel: Auch der zweite Lockdown ist überstanden

Das erste Quartal steht für den Einzelhandel wieder im Zeichen der Erholung. Die Umsätze in der Eurozone liegen nach einem starken Einbruch in der zweiten Jahreshälfte 2020 sowie Januar 2021 im Zuge des zweiten Lockdowns seit März wieder über den Vorkrisenniveau von Februar 2020. Der Spitzenwert vom Oktober 2020 konnte allerdings noch nicht erreicht werden.

Für den Monat März meldet Eurostat demnach einen Anstieg des Absatzvolumens um 2,7 %. Für das gesamte erste Quartal beträgt der Zuwachs 1,6 %.

Anders die Situation in Frankreich. Konnte der Einzelhandel im Dezember 2020 noch einen kräftigen Sprung nach oben machen (20,9 %), machen sich im ersten Quartal des neuen Jahres die harten Einschränkungen im Land bemerkbar. Das Absatzvolumen sank sowohl im Januar als auch im März und damit im ersten Quartal um minus 4 %.

Deutschlands Einzelhandel bekam zum Jahresbeginn ebenfalls noch die Auswirkungen des Lockdowns zu spüren, zog in den Folgemonaten aber kräftig an. Im März stieg der Einzelhandelsumsatz um 7,7 %, das ist einer der stärksten Zuwächse in der Eurozone. Insgesamt stieg das Absatzvolumen im ersten Quartal um 3,8 %. Trotzdem wird die Lage für stationäre Händler gleichzeitig immer verheerender. Das zeigte zuletzt eine Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) unter mehr als 2000 Händlern. Demnach sehen sich sechs von zehn Unternehmen ohne weitere staatlichen Hilfen in Insolvenzgefahr.

Preise nähern sich wieder der Zielinflation

Eine expansive Geldpolitik der EZB sowie umfangreiche Hilfsgelder und Konjunkturpakete der Mitgliedsstaaten haben die Konjunktur und damit auch die Inflation in der Eurozone angefacht. Allerdings spielen auch andere Faktoren, wie etwa steigende Rohstoff- und Energiepreise, eine tragende Rolle.

Seit August 2020 zeigt der Trend nach oben und auch im ersten Quartal 2021 zogen sowohl Erzeuger- als auch Verbraucherpreise deutlich an. Die Inflation nähert sich damit der Zielinflationsmarke der EZB von 1,9 %. Die deflationäre Entwicklung, gegen die die EZB mit ihre Nullzinspolitik zuvor lange erfolglos ankämpfte, ist damit beendet.

Die Erzeugerpreise in der Industrie – eine Art Frühindikator für die Inflation beziehungsweise die Entwicklung der Verbraucherpreise – stiegen im März, dem letzten Monat des ersten Quartals, um 1,1 % im Euroraum. Das ist ein Anstieg um 4,3 % im Vergleich zum Vorjahresmonat, womit die Zielinflationsrate der EZB sogar deutlich überschritten wäre.

Entsprechend stiegen auch die Verbraucherpreise in der Eurozone weiter. Lag die Inflationsrate im Dezember 2020 noch bei minus 0,3 % im deflationären Bereich, liegt sie im März zum Ende des ersten Quartals 2021 bei 1,3 % und damit auf einem Niveau, der für die Geldpolitik wünschenswert ist.

Nicht so stark wie im Durchschnitt der Eurozone, aber ebenfalls deutlich, sind die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte in Deutschland nach oben geklettert: im März waren es 3,7 %, das ist der stärkste Anstieg seit 2011.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut vorläufigen Berechnungen des Statistischem Bundesamts im März bei 1,7 %. Die führenden Institute rechnen in ihrem Gutachten für die Bundesregierung im laufenden Jahr sogar mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,4 %. 2020 lag sie bei 0,5 %. Höhere Rohstoffpreise infolge der anziehenden Weltkonjunktur und Sondereffekte, wie der Wegfall der vorübergehenden Mehrwertsteuersenkung sowie die Einführung der CO2-Bepreisung in den Bereichen Verkehr und Wärme, gelten hier als Treiber.

Die Wirtschaftsinstitute und der Sachverständigenrat haben für 2021 kräftige Wachstumsraten für Deutschland prognostiziert. Doch das erste Quartal 2021 sorgte für Ernüchterung, das starke Wachstum lässt noch auf sich warten, zumal die Impfkampagne nur schleppend vorankommt. Die Erwartungen, dass der Spuk spätestens mit dem Frühjahr 2021 vorbei sein wird, haben sich nicht erfüllt. Noch immer produziert die Industrie unter Vorkrisenniveau. Allein die anziehenden Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe machen Zuversicht. Nun liegt alle Hoffnung auf Frühling und Sommer.

Werden die kommenden Quartale den großen wirtschaftlichen Aufschwung endlich einleiten?

März 2021 - Gastartikel

"Die Inflation, ihre Ursachen und die Zeit"

Heiner Flassbeck * | Gastartikel | 10. März 2021

Mit der Inflation haben die meisten Ökonomen große Schwierigkeiten. Das liegt vor allem an der unterschätzten Rolle der Löhne und einem prinzipiell ungeeigneten methodischen Vorgehen. Die nächsten zehn Jahre passiert in Sachen Inflation nichts.

Man konnte es ahnen: Sobald das Ende der Corona-Krise auch nur in Sichtweite gerät, entwerfen die Inflationsbeschwörer aller Länder Schreckensszenarien. In den USA hat sich der frühere Finanzminister Summers besonders hervorgetan: Er warnte davor, dass das vom neuen Präsidenten Biden geplante Konjunkturprogramm zu groß sei und folglich unerwünschte inflationäre Nebenwirkungen haben könnte.

Für die USA, wo es traditionell wenig Inflationsangst gibt, ist das bemerkenswert. Für Deutschland, wo den Menschen seit Jahrzehnten systematisch Angst vor Inflation gemacht wird, sind derlei warnende Stimmen nicht ungewöhnlich. Sie dienen meist dazu, die Anleger in Gold, Aktien, Bitcoin oder Immobilien zu treiben, so dass die „Warner“ und die ihnen zuarbeitenden Volkswirte (die von den ebenfalls involvierten Medien meist Starökonom oder Topökonom tituliert werden) daran gut verdienen – sei es, weil sie selbst Anbieter dieser Anlageformen sind oder mit den entsprechenden Anbietern kooperieren, sei es, weil sie an der Umschichtung von Vermögenswerten von der einen in die andere Anlageform sozusagen als Croupiers verdienen.

Die traditionelle Ökonomik versagt

Aber auch Ökonomen, denen man von vorneherein zutrauen würde, die Dinge angemessen beurteilen zu können, liegen regelmäßig fundamental falsch. So sagt der Sachverständige Volker Wieland in einem Interview auf die Frage, ob die Geldmenge heute nicht eine geringere Bedeutung habe als früher:

„Das gilt durchaus für kleinere Veränderungen bei generell niedrigen Inflationsraten. Allerdings ist der Zusammenhang bei höheren Inflationsraten im Ländervergleich und bei anhaltenden Trendverschiebungen empirisch gut belegt. Wenn die Wirtschaft mehrere Jahre nicht wächst, aber die Geldmenge jährlich um 10 Prozent zulegt, wären Preisanstiege nicht vermeidbar.“

In der Tat gibt es heute eine Expansion der als relevant angesehenen Geldmengen, aber es gibt, wie Wieland selbst zugesteht, keinen belastbaren empirischen Zusammenhang zwischen der heutigen Geldpolitik und einer leichten inflationären Beschleunigung. Wieland holt jedoch mit leichter Hand ein Argument aus der Versenkung, das immer wieder herhalten muss, obwohl es überhaupt nicht trägt.

Zunächst ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Geldmenge, die ja eine von der Wirtschaft selbst bestimmte, eine endogene Größe ist, bei Nullwachstum um zehn Prozent expandieren würde. Und dann wird üblicherweise das Argument hinterhergeschoben, dass es noch niemals eine Inflation ohne eine Finanzierung durch die Geldpolitik gegeben hat. Daraus folgert man haarscharf, dass dauernde expansive Geldpolitik nur in Inflation enden könne.

Das aber ist ein schwerwiegender logischer Fehler. Hier wird eine von niemandem bestrittene notwendige Bedingung zur Entstehung von Inflation kurzerhand für hinreichend erklärt. Das ist so, als ob jemand behauptet, die Ursache für zu schnelles Fahren und die Unfälle, die sich daraus ergeben, sei in der Tatsache begründet, dass man den Fahrern ein Auto zur Verfügung gestellt hat. Solch eine Begründung wird aber kein vernünftiger Mensch akzeptieren. Er wird zwar zugeben, dass die Existenz des Autos eine notwendige Bedingung für die Unfälle war. Er wird jedoch einwenden, dass die Existenz eines Autos nicht zwingend zu Unfällen führt, so dass es regelmäßig falsch oder irrelevant ist, zu sagen, es sei die Existenz des Autos gewesen, die für den Unfall verantwortlich war.

So ist es mit dem Geld und der Inflation. Geld ist die notwendige, aber keineswegs die hinreichende Bedingung. Der Satz über die Finanzierung von Inflation ist zwar richtig, aus ihm folgt jedoch nicht, dass immer dann, wenn es in irgendeinem Sinn »viel Geld« gibt (»zu viel Geld« ist keine sinnvolle Aussage, es ist eine Tautologie, also eine Aussage, die sich selbst bestätigt, weil sie nichts anderes zulässt als den von ihr beschriebenen Zusammenhang), eine Inflation die zwingende Folge ist.

Den Ökonomen ist es mit diesem Verstoß gegen einen zentralen Satz der Logik jedoch gelungen, der großen Mehrheit der Bürger weiszumachen, man müsse einfach mehr Geld ins System geben, und schon spränge die Inflation hinter dem nächsten Busch hervor. Volker Wieland hat übrigens eine fast gleichlautende Warnung schon 2014 abgegeben..

Was bei den meisten Diskussionen über drohende Inflation (hier eine etwas ernsthaftere von Peter Bofinger mit Thomas Mayer) untergeht, ist die zentrale Frage, ob es der zeitliche Ablauf der Ereignisse der Notenbank oder dem Staat erlaubt, rechtzeitig auf eine etwaige Inflationsgefahr zu reagieren oder nicht. Ökonomen sind generell nicht besonders gut bei der Beantwortung einer solchen Frage, weil sie es gewohnt sind, Impuls-Reaktion-Antworten zu geben, nicht aber, sich Gedanken über Verläufe in realer Zeit zu machen. Sie betreiben komparative Statik, vergleichen also den Zustand einer Volkswirtschaft (bzw. des Modells einer Volkswirtschaft) vor und nach einem inflationären Impuls, von woher der auch immer kommen mag.

Ist das Modell so gestrickt, dass die einschlägigen Variablen, wie etwa die Investitionen, deutlich auf monetäre Impulse reagieren, also etwa auf die Senkung der Zinsen, „findet man heraus“, dass eine expansive Geldpolitik Inflationsgefahr mit sich bringt wie derzeit in Europa. Ist das Modell so ausgelegt, dass die Preise vor allem auf eine hohe Auslastung der Sachkapazitäten reagieren, warnt man vor einer zu expansiven Fiskalpolitik wie derzeit in den USA. Was der Sache angemessen ist, lässt sich auf diese Weise jedoch nicht herausfinden.

Hans-Werner Sinn stellt bei seinen düsteren Prognosen (hier im Standard) neben der auch bei ihm zu findenden Geldmengenwarnung immerhin explizit auf einen zeitlichen Verlauf ab, aber auch das ist mehr als fragwürdig:

„Denn dafür müsste die EZB die Geldmenge wieder einsammeln. Das aber würde kaum möglich sein, weil extrem viel eingesammelt werden muss und weil dazu die vielen Staatspapiere, die die EZB gekauft hat, wieder verkauft werden müssten. Nach meiner Schätzung liegt der Geldüberhang bei etwa drei Vierteln der Zentralbankgeldmenge, und der Löwenanteil dieses Überhangs kam durch den Kauf von Staatspapieren zustande. Die Situation ist vergleichbar mit der eines Kutschers, der viel zu lange Zügeln gelassen hat. Geht es abwärts, kann er die Zügel nicht schnell genug straffen. Ihm fehlt also die Möglichkeit zu bremsen.“

Das mit dem Kutscher ist ein schönes altes Bild, das schon deswegen gut ist, weil sich eine solche Situation heute niemand mehr vorstellen kann. Doch auch mit Kutsche fahren, hat die Geldpolitik in Europa und der ganzen Welt nichts zu tun. Um das zu verstehen, muss man sich zunächst die langfristigen Ursachen der Inflation vor Augen führen. Dann gilt es, sich einen Verlauf der globalen und europäischen Wirtschaft vorstellen, bei dem es – unter „günstigsten Umständen“ also – zu einer allmählichen Inflationierung kommen könnte.

Die Ursachen der Inflation

Was wir genau kennen, ist die langfristige Ursache von Inflation. Wie in den 3 Bildern im Anhang dargestellt, gibt es einen unumstößlichen Zusammenhang zwischen Inflation und Lohnstückkosten. Wenn die nominalen Lohnkosten über zehn oder zwanzig Jahre stärker als die Arbeitsproduktivität steigen, schlägt sich das weitgehend in der Inflationsrate des betroffenen Landes nieder.

Die eigentlich relevante und empirisch hervorragend bestätigte Inflationstheorie, die zur Aufklärung einen riesigen Beitrag leisten würde, „darf“ der Mainstream-Ökonom jedoch nicht benutzen, weil sie zentrale Mythen in Frage stellen würde. In der Ökonomik wird kein empirischer Zusammenhang mit größerer Konsequenz ignoriert als dieser. Würde man ihn zur Kenntnis nehmen, brächen nämlich gleich zwei zentrale Bausteine aus der herrschenden Ideologie heraus: der flexible und sich selbst regulierende Arbeitsmarkt und die unabhängige, nur der Preisstabilität verpflichtete Zentralbank.

Wenn die Preise den Lohnstückkosten folgen, kann man mithilfe sinkender Löhne eben nicht zum Gleichgewicht am Arbeitsmarkt zurückfinden, sprich: Arbeitslosigkeit abbauen, sondern erzeugt Deflation. Wenn die Lohnstückkosten entscheidend für die Inflationsrate sind, braucht man die Notenbank nicht mehr systematisch und permanent zur Inflationskontrolle, was Tür und Tor öffnet für Wünsche der Politik, die Notenbank auch zur Stimulierung der Investitionstätigkeit einzusetzen. Beides muss aus der Sicht des herrschenden Ökonomen verhindert werden, weil es den Mythos der Selbststabilisierung des marktwirtschaftlichen Systems, das nur eines geldpolitischen Rahmens, nicht aber des Eingreifens des Staates mit seiner Zentralbank bedarf, grundsätzlich fragwürdig macht.

Ein sinnvolles Szenario

Der stabile langfristige Zusammenhang bedeutet allerdings nicht, dass sich auch über weit kürzere Fristen jede Lohnsteigerung oder jeder Lohnrückgang (im Vergleich zu vorher und im Vergleich zur Produktivität) zuverlässig in einer gleichartigen Veränderung der Inflationsrate niederschlägt. Klassisches Gegenbeispiel ist Griechenland, wo sich nach 2010 eine (von den Gläubigern verlangte und durchgesetzte) massive Nominallohnkürzung zunächst weitgehend in sinkenden Reallöhnen niederschlug, also in einer nur geringen Veränderung der Preise.

Nun mag der Zusammenhang in umgekehrter Richtung, also bei steigenden Nominallöhnen, enger sein: Die Unternehmen mögen ihre starke Position ausnutzen können, um die Preise rasch an steigende Lohnkosten anzupassen. Das beantwortet aber noch nicht die Frage, wo in absehbarer Zeit Lohnsteigerungen herkommen sollen, die von den Unternehmen ohne große Verzögerung in Preissteigerungen umgesetzt werden könnten.

Weltweit hat es mit dem Corona-Schock einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit gegeben, der die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften (wo solche überhaupt existieren) weiter geschwächt hat. In Deutschland hat es 2020 sogar eine Nullrunde in vielen Bereichen gegeben, weil man glaubte, die Arbeitgeber in der Corona-Krise nicht auch noch durch steigende Löhne belasten zu können.

In Europa ist der neue Anstieg der Arbeitslosigkeit besonders gravierend, weil der Kontinent schon nach der letzten großen Krise (der Finanzkrise von 2008/2009) seine Arbeitslosigkeit nicht wieder auf das Niveau von vor der Krise hatte senken können. In einem Land wie Italien ist der Nominallohnanstieg seit zehn Jahren extrem schwach und die Reallöhne stagnieren nahezu seit dieser Zeit. Wo sollen auf einmal die Veränderungen herkommen, die die Machtverhältnisse in Italien auf den Kopf stellen und – quasi über Nacht – hohe Lohnsteigerungen ermöglichen?

Selbst in den USA, die vor dem Corona-Schock beinahe Vollbeschäftigung erreicht hatten, haben sich damals alle sachkundigen Beobachter gewundert, dass sich die gute Beschäftigungslage bis Ende 2019 nicht in Lohnsteigerungen niederschlug, die mit denen in früheren Aufschwüngen vergleichbar waren. Warum sollte es jetzt, nach einer deutlichen Erhöhung der Arbeitslosigkeit, leichter sein, Lohnerhöhungen durchzusetzen?

Alle Inflationsprozesse nehmen den Weg über höhere Löhne. Es gibt keine Inflation, die plötzlich und unvorhersehbar vom Himmel fällt, weil vorher irgendeine Geldmenge gestiegen ist oder der Staat mehr Geld als sonst ausgegeben hat. Deswegen ist der Zeitaspekt bei der Beurteilung der Inflationsgefahr absolut entscheidend.

Nehmen wir an, es käme ab dem Jahr 2022 in der gesamten Welt zu einem kräftigen Aufschwung. Im Gefolge dessen würden die Beschäftigungszahlen steigen und die Arbeitslosigkeit würde beginnen zu sinken. Bei einem Wachstum von, sagen wir, drei Prozent in den Industrieländern würde, das sagt die Erfahrung, die Beschäftigung vielleicht um ein Prozent pro Jahr zulegen. Um die Arbeitslosigkeit in Europa (derzeit im Euroraum bei fast 14 Millionen Personen oder nahezu 8,5 Prozent bei einer Erwerbsbevölkerung von etwa 160 Millionen) auf ein Niveau zu bringen, wo die Arbeitnehmer in einer deutlich besseren Verhandlungsposition sind, müsste die Arbeitslosenquote sicher auf deutlich unter fünf Prozent fallen (man bedenke, dass auch in Deutschland die Lohnentwicklung schwach geblieben ist trotz besserer Beschäftigungszahlen als im Rest Europas).

Um das zu erreichen, müsste die Beschäftigungszahl um insgesamt 6 Millionen zulegen, wenn man (was unrealistisch ist) unterstellt, dass es keine stille Reserve gibt, die Zahl der Erwerbswilligen also auch dann nicht steigt, wenn sich die Beschäftigungssituation erheblich verbessert. Bei 1,6 Millionen Zuwachs der Zahl der Beschäftigten pro Jahr (die oben genannten ein Prozent), braucht man offenbar in diesem sehr günstigen Fall fast vier Jahre, um die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer wirklich durchgreifend zu verbessern. Würde es ihnen in Europa dann gelingen (was in den USA wie oben gesagt in einer Vollbeschäftigungssituation nicht der Fall war), allmählich höhere Löhne durchzusetzen, brauchte es noch einmal einige Jahre, um die Löhne bei immer noch guter Beschäftigungssituation so weit zu treiben, dass eine ernste Inflationsgefahr bestünde.

Am Ende des Aufschwungs sind höhere Zinsen kein Problem

Wer könnte und wollte die EZB daran hindern, nach fast zehn Jahren Aufschwung und dem Erreichen einer sehr guten Beschäftigungslage, dafür zu sorgen, dass die Lohnpolitik nicht maßlos überzieht, und tatsächlich via höhere Zinsen eine Trendwende einzuleiten? Sie hat – ganz anders als Sinns Kutscher – alle Zeit der Welt, um das vorzubereiten und in kleinen Schritten umzusetzen, sodass die Kollateralschäden gering bleiben. Auch steigende Zinsen für Staatsanleihen und damit die einfache Möglichkeit für die EZB, einen großen Teil der von ihr heute gehaltenen Staatspapiere wieder am Markt unterzubringen, gehören zu einem solchen Szenario.

Der Haken ist wieder einmal die Wirklichkeit. Eine solche denkbare Entwicklung ist für fast alle Entscheidungen heute weitgehend irrelevant, weil die Wahrscheinlichkeit, dass dieses sinnvolle Szenario eintritt, sehr gering ist. Wenig spricht dafür, dass Europa gelingen könnte, was ihm bisher in diesem Jahrhundert nicht gelang, nämlich die geistigen Blockaden zu überwinden, die es sich mit seinem vor allem von Deutschland vorangetriebenen neoliberalen Programm selbst gesetzt hat.

Man müsste ja in Berlin die Schuldenphobie überwinden und erkennen, dass in einer Welt mit Unternehmen, die sogar bei Nullzinsen Nettosparer sind, die alten Regeln inklusive der Schuldenregel aus dem Maastricht-Vertrag obsolet und gefährlich sind. Und man müsste allen europäischen Ländern zugestehen, dass sie ihre Staatsschulden an ihren eigenen makroökonomischen Verhältnissen auszurichten haben und nicht an willkürlichen Kriterien, die in einem Vertrag stehen. Wer glaubt schon an solch ein Wunder?

Wer allerdings nicht an solch ein Wunder glaubt, der muss glauben, dass auch in den nächsten zehn Jahren die Zinsen bei null liegen und die Inflationsrate bei Werten, die, natürlich von kleinen und kurzfristigen Schwankungen abgesehen, nahe am deflationären Bereich und deutlich unter zwei Prozent bleibt.

Anhang: Diese Bilder entstammen dem Atlas für Weltwirtschaft 2020/2021, der im November 2020 beim Westend-Verlag erschienen ist.


* Zum Autor:

Heiner Flassbeck (* 12. Dezember 1950 in Birkenfeld) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Er war von 1998 bis 1999 Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und von Januar 2003 bis Ende 2012 Chef-Volkswirt (Chief of Macroeconomics and Development) bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf. Er war bis November 2019 neben Paul Steinhardt Herausgeber der Online-Zeitschrift Makroskop und ist wie dieser im Vereinsvorstand der Georg-Friedrich-Knapp-Gesellschaft für Politische Ökonomie (GFKG).

Februar 2021

Das vierte Quartal 2020 endet für Deutschland und Europa mit einer Abschwächung der Konjunktur im Schatten des zweiten Lockdowns. Die Industrieproduktion hat noch immer nicht das Niveau vor der Coronakrise erreicht und sinkt sogar wieder.

Im Vergleich zum Vormonat unverändert hält sich die Arbeitslosenquote im Dezember 2020 im Euroraum bei 8,3 %. Zuvor gab es im Oktober und November laut aktualisierter Daten von Eurostat jeweils einen Rückgang im Vergleich zum Vormonat. Mit anderen Worten, Dank dem Instrument des Kurzarbeitergeldes hält sich die Quote zum Jahresende trotz zweitem Lockdown zumindest statistisch stabil.

Dennoch hat die Corona-Krise auch offiziell zu einem Anstieg der Erwerbslosigkeit geführt. Der Blick auf den Vorjahresmonat Dezember 2019 verdeutlicht dies – damals lag die Arbeitslosenquote bei 7,4 %. Insgesamt waren im Euroraum im Dezember 2020 knapp über 13,6 Millionen Menschen ohne Arbeit, gut 1,5 Millionen mehr als im Vorjahresmonat.

Dramatisch hoch bleibt die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum. Und sie stieg im vierten Quartal 2020 weiter an: Im Dezember 2020 lag sie bei 18,5 %, im September 2020 waren es noch 18,0 %.

In Frankreich stieg die Arbeitslosigkeit laut den angepassten Zahlen von Eurostat im Dezember 2020 leicht auf 8,9 % im Vergleich zum Ende des dritten Quartals September 2020 (8,8 %). Wenig zuverlässig bleiben die Zahlen aus Italien. Für Dezember wird eine Arbeitslogenquote von 9,0 % gemeldet, das wäre ein leichter Anstieg zum Vormonat aber ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahresmonat Dezember 2019 (9,6 %). Bemerkenswert ist im Stiefel aber die Jugendarbeitslosigkeit, die im Dezember 2020 auf 29,7 % angewachsen ist.

Auch in Deutschland ist die Arbeitslosenquote im Dezember nur leicht gestiegen und liegt laut der Berechnung von Eurostat bei 4,6 %. Das klingt auf dem ersten Blick nach einem »resilienten« Arbeitsmarkt. Allerdings ist auch die Erwerbstätigkeit im Durchschnitt des Jahres 2020 um 480.000 Personen oder 1,1 Prozent gesunken.

Ebenso muss die Kurzarbeit berücksichtigt werden. Nach Angaben des Ifo-Instituts ging diese zwar von 3,7 Millionen Menschen im September 2020 auf 1,95 Millionen im Dezember 2020 weiter zurück, allerdings ist im Zuge des zweiten Lockdowns wieder eine Tendenz nach oben zu beobachten – betroffen sind vor allem Gastgewerbe und Einzelhandel. Für Januar 2021 meldet das Ifo-Institut bereits einen Anstieg der Kurzarbeit um 20 Prozent auf knapp 2,6 Millionen.

Rechnet man den durch die Kurzarbeit verursachten Arbeitsausfall in Vollzeitarbeitsplätze um, ergibt sich rechnerisch eine zusätzliche Zahl beschäftigungsäquivalenter Kurzarbeitender von rund einer Million, so etwa Friederike Spiecker. Zusammengenommen nähert sich die Unterbeschäftigung damit inzwischen der 5-Millionen-Grenze.

Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe: Ende des Zwischenhochs?

Der zweite Lockdown seit November hinterlässt im Dezember allmählich seine Spuren in der konjunkturellen Entwicklung Deutschlands. So sind die Aufträge im Verarbeitenden Gewerbe nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes im Dezember 2020 um minus 1,9 % gesunken. Vor allem bei den Herstellern der so wichtigen Investitionsgüter gab es einen deutlichen Rückgang um minus 4,6 %.

Zwar liegen die Auftragseingänge immer noch höher als im Februar, dem Monat vor dem Beginn der ersten Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland (saison- und kalenderbereinigt plus 2,6 %).  

Allerdings relativieren sich diese Zahlen im Jahresvergleich: Im gesamten Jahr 2020 lag der Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe kalenderbereinigt um minus 7,2 % niedriger als im Vorjahr. Ebenso liegen die Auftragseingänge wieder gut 10 Indexpunkte unter dem Höhepunkt des letzten Aufschwungs, der bereits im März 2018 endete und in eine langanhaltende Rezession überging. Mit Blick auf den Ifo-Index und das nicht absehbare Ende des Lockdowns in Europa könnte der Dezember das Ende des konjunkturellen Zwischenhochs eigeleitet haben.

Diese Gefahr besteht insbesondere für die deutsche Exportwirtschaft, die zwar vorläufig in die »Erfolgsspur« zurückkehrte – eine Zunahme der Auftragseingänge aus dem Ausland seit September 2020 um 7,6 % – die aber im Dezember deutlicher sanken (minus 2,6 %) als die Inlandsaufträge (minus 0,9 %).

Der Grund für den Rückgang der Auslandsaufträge ist im starken Einbruch der Nachfrage aus der Eurozone zu suchen (minus 7,5 %). Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen im Dezember hingegen um 0,5 %.

 

 

Autoindustrie rutscht zurück in die Krise

Auch der Aufschwung der Kraftwagenindustrie ist beendet. Hatte dieser Sektor bereits im November einen Auftragsrückgang zu verzeichnen (minus 3 %), bestätigte sich diese Trendwende im Dezember mit kräftigen minus 5 % und übertrifft damit die Erwartungen der Analysten. Damit befindet sich die Kraftwagenindustrie wieder unter dem Vorkrisenniveau von Februar 2020.

Nur geringfügige Veränderungen gab es hingegen in den anderen Industriesektoren, deren Auftragslage sich im Dezember insgesamt auf einem höheren Niveau als zum Ende des dritten Quartals befindet. Mit einem leichten Rückgang hat die Metallverarbeitung zu kämpfen, in den restlichen Sektoren gab es leichte Anstiege der Auftragslage.

Produktion im Verarbeitenden Gewerbe liegt 2020 minus 8,5 % unter Vorjahr

Anders als die Auftragslage, die sich wieder über Vorkrisenniveau befindet, schafft die Produktion des produzierenden Gewerbes diesen Schritt auch im achten Monat seit dem Tiefpunkt im April 2019 nicht. War der Produktionsindex seit Mai fast ohne Unterbrechung aber langsam gestiegen, stagniert die Produktion im Dezember. Sie liegt damit 3,6 % unter dem Niveau von Februar 2019. Im Vergleich zum Vorjahresmonat liegt die Produktion saison- und kalenderbereinigt noch bei minus 1 %.

Während die Bauproduktion um 3,2 % gesunken ist, konnte die Industrieproduktion (Produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) im Dezember noch einmal leicht um 0,9 % zulegen. Innerhalb der Industrie stieg die Produktion von Vorleistungsgütern um 2 % und von Konsumgütern um 2,6 %. Bei den Investitionsgütern ging die Produktion um minus 0,5 % zurück.

De facto bleibt die Krise, von der die deutsche Industrie erfasst ist, bestehen und zementiert einen wurzelförmigen Konjunkturverlauf, der immer noch unter dem Index von 2015 liegt. Im gesamten Jahr 2020 lag die Produktion im Produzierenden Gewerbe kalenderbereinigt um 8,5 % niedriger als im Vorjahr.

Auch in der Eurozone stagniert die Produktion

Seit dem dritten Quartal nichts neues. Schlimmer noch: Der Atem des Lockdowns hat die europäische Industrieproduktion im Dezember wieder erfasst. Im Dezember 2020 sank laut Schätzungen von Eurostat die saisonbereinigte Industrieproduktion im Euroraum um minus 1,6 %. Damit wurde die Erholung vom Einbruch des ersten Lockdowns gestoppt, bevor die Produktion das Niveau des Vorjahresmonats erreichen konnte – sie liegt nun um 0,8 % unter dem Monat Dezember 2019.

Amtlich ist jetzt auch, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die Industrieproduktion für das ganze Jahr gerechnet hatte: Gegenüber 2019 sank die durchschnittliche jährliche Produktion für 2020 im Euroraum um 8,7 %.

Italiens Industrieproduktion schlägt nach der kurzzeitigen Überwindung des Corona-Absturzes langsam wieder den Rezessionspfad ein, der schon vor der Corona-Krise Italiens Industrie belastete. Nachdem es bereits im November einen Rückgang von 1,4 % gab, schrumpfte die Produktion auch im Dezember weiter um 0,2 %. Die Produktion im Stiefel liegt längst wieder unter dem Index und deutlich unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Das unterstreicht, dass Italien nicht nur ein Corona-Problem hat, sondern auch ein Eurozonen-Problem. Oder wie es Thomas Fazit formuliert: »Italiens Krise ist eine Krise der Post-Maastricht-Ordnung des italienischen Kapitalismus

Auch in Frankreich, dessen Industrie, vor allem die Autoindustrie, ähnliche Probleme hat wie in Italien, sank die Produktion im Dezember wie schon im Vormonat um 0,8 %.

Deutschlands Industrie konnte entgegen dem europäischen Trend erneut leichte Geländegewinne erzielen. Nachdem der Zuwachs im November von Eurostat auf 1,3 % nach oben korrigiert wurde, lag der Anstieg der deutschen Industrieproduktion im Dezember bei 0,6 %. Grund zur Selbstzufriedenheit ist das allerdings nicht: Deutschlands Industrie produziert im Vergleich zu den anderen Kernländern und der Eurozone weiter auf sehr niedrigem Niveau und 1,8 % unter dem Volumen von Dezember 2019.

Bauproduktion: Lage schlechter als im September

In der europäischen Bauproduktion ist die Lage kaum anders. Mehr noch als im September bewegt sie sich unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Laut ersten Schätzungen von Eurostat sank sie im Dezember im Euroraum um deutliche 3,7 %. Gegenüber Dezember 2019 ging die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um minus 2,3 % zurück. Das bedeutet mit dem Ende des Jahres, dass die durchschnittliche jährliche Produktion im Baugewerbe gegenüber 2019 im Euroraum um minus 5,7 % sank.

Einen der stärksten Rückgänge im europäischen Vergleich musste Frankreich hinnehmen, hier sank die Produktion im Baugewerbe im Dezember um satte minus 8,6 %. Damit ist das Land, das noch im August nach kräftigen Zuwächsen Vorjahrsniveau erreichen konnte, seit September wieder im Sinkflug. Im gesamten vierten Quartal schrumpfte die französische Bauproduktion um minus 2,9 %.

Einzelhandel: Wieder unter Vorkrisenniveau

Noch im August konnte der europäische Einzelhandel einen neuen Spitzenwert erreichen und sich vollständig vom ersten Lockdown erholen. Doch damit ist es längst vorbei. Seit September musste der Einzelhandel angesichts geschlossener Geschäfte wieder deutliche Einbußen hinnehmen und sank wieder unter das Vorkrisenniveau von Februar 2020. An der katastrophalen Lage hat sich seitdem nichts geändert, trotzdem meldet Eurostat für Dezember einen überraschenden Anstieg des Absatzvolumens um 2,0 %.

Zu verdanken ist dies vor allem dem Absatzvolumen bei »Motorenkraftstoffen« (5,1 %), bei »Nahrungsmitteln, Getränken und Tabakwaren« (1,9 %) und im »Nicht-Nahrungsmittelsektor« um 1,5 % (innerhalb dieser Kategorie stieg das Absatzvolumen bei Textilien, Bekleidung, Schuhe um 12,4 %). Gerade die Textil- und Bekleidungsbranche war zum Ende des dritten Quartals im September noch um minus 7,6 % und im Vormonat November um minus 30,5 % eingebrochen.

Frankreichs Einzelhandel ist trotz harter Einschränkungen im Land einer der Gewinner, das Absatzvolumen stieg im Dezember um ganze 22,3 %. Auch im Jahresvergleich kann Frankreich in diesem Sektor einen Zuwachs von 9,1 % verzeichnen.

Deutschlands Einzelhandel, der im November einen neuen Höchstwert des Absatzvolumens seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht hatte, brach hingegen im Dezember um minus 9,6 % ein und liegt damit wieder unter dem Vorjahresmonat Dezember 2019.

Preise steigen langsam

Der Deflationsdruck in der Eurozone nimmt weiter ab. Seit August zeigt der Trend nach oben. So stiegen die Erzeugerpreise in der Industrie im Euroraum im Dezember erneut leicht an, diesmal um 0,8 %, liegen aber noch immer deutlich unter der Zielinflationsrate der EZB. Wie niedrig die Preise immer noch sind, zeigt sich auch im Jahresvergleich: Die Veränderungsrate der Erzeugerpreise gegenüber Dezember 2019 liegt bei minus 1,1 %. Und die durchschnittlichen jährlichen Erzeugerpreise in der Industrie sanken gegenüber 2019 im Euroraum um minus 2,6%.

Keine Veränderungen dagegen bei den Verbraucherpreisen, der Index liegt im Dezember wie im gesamten vierten Quartal bei minus 0,3 %.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut vorläufigen Berechnungen des Statistischem Bundesamts (Destatis) im Dezember 2020 bei -0,3 %. Damit war sie zum fünften Mal im Jahr 2020 leicht negativ. Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, wird die Inflationsrate im Jahresdurchschnitt 2020 voraussichtlich bei 0,5 % liegen.

Wie schon im dritten Quartal dürfte die Ursache für die negative Inflationsrate die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze als auch weiter der coronabedingte Druck auf die Löhne in Form des Kurzarbeitergeldes sein.

Die Wirtschaftsinstitute und der Sachverständigenrat gehen davon aus, dass sich die deutsche Wirtschaft nach dem Ende des Corona-Schocks wieder fangen werde. Für 2021 wurden wieder kräftige Wachstumsraten prognostiziert. Nur – wann kommt das Ende? Die Erwartungen, dass der Spuk spätestens mit dem Frühjahr 2021 vorbei sein wird, erfüllen sich nicht. Und anders als erhofft, scheint die immer noch unter Vorjahresniveau produzierende Industrie nun allmählich auch von der zweiten Corona-Welle erfasst zu werden. Und wird es auch noch eine dritte Welle geben? Es ist fraglicher denn je, ob der große gesamtwirtschaftliche Aufschwung, den man gegen Jahresende prognostiziert hat, wirklich eintritt.

Dezember 2020

Das dritte Quartal endet für Deutschland und Europa mit einer verhaltenen konjunkturellen Entwicklung. Auftragseingänge und Produktion haben in weiten Teilen noch immer nicht das Niveau vor der Coronakrise erreicht. Sorgen macht auch der Arbeitsmarkt im Schatten des neuen Lockdowns.

Staatshilfen und Kurzarbeitergelder haben verhindert, dass die Folgen des harten Lockdowns zwischen März und April hart und direkt auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen sind. Unabhängig davon stieg die Arbeitslosigkeit, aufgrund der Spätfolgen des ersten Lockdowns, fünf Monate in Folge, wenn auch im Verhältnis zum historischen wirtschaftlichen Einbruch sehr moderat. (Das hat statistische Gründe.) Im September liegt sie nun saisonbereinigt im Euroraum unverändert bei 8,3 %. Die Jugendarbeitslosigkeit im Euroraum liegt bei 17,6 %.

Gemäß Schätzungen von Eurostat waren im September 2020 etwa 13,6 Millionen Personen im Euroraum arbeitslos. Gegenüber August 2020 stieg die Zahl der arbeitslosen Personen um 75.000.

In Frankreich dagegen stieg die Arbeitslosigkeit laut Eurostat im September erneut von 7,5 % auf jetzt 7,9 %. Wenig zuverlässig waren in der Vergangenheit die Zahlen aus Italien. Im Juli schnellten die offiziellen Arbeitslosenzahlen wie berichtet auf 9,8 % hoch, im August soll es dort – als einziges Kernland – wieder einen leichten Rückgang auf 9,7 % gegeben haben; auch im September ist laut Schätzungen der Statistikbehörde die Quote erneut auf nun 9,6 % gesunken.

In Deutschland verharrt die Arbeitslosenquote unverändert bei 4,5 % im August. Um international vergleichbare Daten zu haben, verwendet Eurostat sogenannte harmonisierte Arbeitslosenquoten. Aus methodischen Gründen fällt dabei die deutsche Quote regelmäßig geringer aus als die amtlichen Angaben der Bundesagentur für Arbeit. Der deutsche Sachverständigenrat spricht von einem »resilienten« Arbeitsmarkt. Will man aber ein ungeschminktes Bild der Lage sehen, muss man die Zahl der Kurzarbeiter zusätzlich zur Zahl der Arbeitslosen berücksichtigen.

So geht nach Angaben des Ifo-Instituts die Kurzarbeit in Deutschland zwar weiter zurück. Demnach waren im September nur noch 3,7 Millionen Menschen in Kurzarbeit – nach 4,7 Millionen im August und 5,9 Millionen im April. Damit sind aber die Erschütterungen auf dem Arbeitsmarkt wesentlich größer als der zur Zeit der Finanzkrise 2008 / 2009.

Rechnet man die Zahlen der beschäftigungsäquivalenten Kurzarbeit mit in die Zahl der Arbeitslosen ein, ergibt sich für das zweite Quartal 2020 eine Arbeitslosenquote, die mehr als doppelt so hoch ist wie die internationale amtliche Quote von 4,2 %, nämlich eine Quote von 9,1 %, so der Befund von Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker.

Der Anteil der Kurzarbeiter bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten insgesamt entspricht 11 %. Wesentlich höher ist der Anteil der Kurzarbeit in der Industrie. Im verarbeitenden Gewerbe waren im September schätzungsweise noch 1,47 Millionen Menschen in Kurzarbeit. Das entspricht einem Anteil von 21 % aller Beschäftigten. Allein in der Metallindustrie und im Maschinenbau sind es 31 % bzw. 29 %.

Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe noch unter Vorkrisenniveau

Das hier und jetzt spielt sich im November ab: steigende Infektionszahlen und ein Lockdown-Light bis mindestens Ende des Monats. Der Blick auf die Konjunktur ist aber stets rückwärtsgewandt, ein Blick, in dem die Gegenwart noch nicht abgebildet ist. Und so ist der reale (preisbereinigte) Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes im September 2020 von einer leichten Erholung geprägt. Saison- und kalenderbereinigt lag er um 0,5 % höher als im August.

Damit ist das Niveau des Vorjahresmonats September 2019 aber noch immer noch nicht erreicht. Kalenderbereinigt gab es einen Rückgang um 1,9 %. Im Vergleich zu Februar, dem Monat vor dem Beginn der ersten Einschränkungen durch die Corona-Pandemie in Deutschland, war der Auftragseingang im September saison- und kalenderbereinigt sogar um 2,6 % niedriger. Auch dass die Aufträge für die Hersteller von Investitionsgütern im September um 2 % zurückgegangen sind, ist kein gutes Zeichen.

Der Anstieg der Auftragseingänge gegenüber August ist diesmal ganz dem Inland zu verdanken, hier stiegen die Aufträge um 2,3 %. Die Auslandsaufträge verringerten sich hingegen um minus 0,8 %.

Die sinkenden Auftragseingänge aus dem Ausland liegen vor allem im Einbruch der Eurozone begründet - minus 6 %. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen dagegen um 2,7 %. Wie sich hier der Oktober und November bemerkbar machen werden, in der mehrere Weltregionen wieder vor zweiten Lockdowns stehen, lässt sich nur erahnen.

Auftragslage der Industrie hellt sich auf, der Maschinenbau darbt

Auch die Auftragslage für die meisten Industriesektoren hellt sich im September weiter auf. Bis auf den Maschinenbau – hier ergab sich ein Rückgang von 3,7 % – zogen die Auftragseingänge zum fünften Mal in Folge an.

Das gilt auch für die größte Branche des verarbeitenden Gewerbes, die Automobilindustrie. Im September nahm der Auftragseingang mit 5,1 % deutlicher zu als noch im August. Damit liegt die Branche nun 5,8 % über dem Vorkrisenniveau von Februar.

Der Rückschlag für den deutschen Maschinenbau, der noch im August einen kräftigen Zuwachs von 11,4 % verbuchen konnte, dürfte auf den Einbruch der Auftragseingänge aus der Eurozone zurückzuführen sein. Etwa 60 % der Umsätze erwirtschaftet der deutsche Maschinenbau im Ausland und war seit der Corona-Krise vom Rückgang der internationalen Nachfrage besonders hart getroffen. Damit liegen die Auftragseingänge im Maschinenbau um 8,2 % niedriger als im Februar.

Deutsche Industrieproduktion in schlechterer Verfassung…

Der Produktionsindex des produzierenden Gewerbes ist seit Mai stetig gestiegen, ohne jedoch in Reichweite des Vorkrisenniveaus zu kommen. Im August gab es einen kleinen Rückschlag, im September stieg die Produktion wieder um 1,6 % an. Doch nach wie vor ist das Vorkrisenniveau nicht erreicht. Auch im Vergleich zum Vorjahresmonat September 2019 ist die Produktion saison- und kalenderbereinigt um minus 7,3 % gesunken.

Auch die Industrieproduktion (produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) ist im September um 2 % gestiegen. Innerhalb der Industrie nahm die Produktion von Vorleistungsgütern um 3,3 % zu. Bei den Konsumgütern stieg die Produktion um 3 %, bei den Investitionsgütern um 2,2 %.

Deutschlands Bauproduktion hat im September ebenfalls Boden gut gemacht, diesmal um 1,5 %. Damit konnte die deutsche Bauwirtschaft den Rezessionspfad, den sie seit März beschreitet, vorerst verlassen.

Insgesamt ist damit zwar eine weitere Verschärfung der Rezession vorerst abgewendet, die schon 2017/2018 die deutsche Industrie erfasst hatte. Die Daten zeigen aber auch, dass die Investitionstätigkeit und die von ihr abhängigen Wirtschaftsbereiche nach wie vor in einer schlechten Verfassung sind. Die Produktion von Investitionsgütern hatte im Aufschwung vor dem Corona-Schock im November 2017 in der Spitze ein Niveau ihres Index von 109 erreicht. Im Februar 2020 war die Produktion wegen der vorangegangenen Rezession schon auf 98 gesunken. Für das dritte Quartal ergibt sich ein Wert von knapp 86. Was nichts anderes heißt, als dass die deutsche Schlüsselindustrie derzeit auf einem Niveau produziert, das um 20 Prozent unter dem liegt, das sie vor drei Jahren erreicht hatte.

Und angesichts neuer, rekordverdächtiger Infektionszahlen und des zurückgekehrten Gespenst des Lockdowns in Europa mutet schon die verhaltene Prognose des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus den Vormonaten – dass die deutsche exportabhängige Produktion frühestens im nächsten Jahr auf Vor-Corona-Niveau gehoben wird – mittlerweile sehr optimistisch an.

…als der Rest der EWU

Verglichen mit den anderen Ländern der EWU liegt Deutschland bei der Industrieproduktion auf dem letzten Platz. Während Italien und Frankreich schon fast wieder einen Indexstand von 100 erreicht haben, liegt Deutschland noch fast zehn Prozent darunter.

Doch auch für die europäische Industrie steht es nicht zum Besten. Im September ist die Erholung endgültig zum Erliegen gekommen. Schon im August stieg die saisonbereinigte Industrieproduktion im Euroraum nur noch um 0,6 %. Im September ging sie im Vergleich zum Vormonat wieder um 0,4 % zurück. Der Übergang in die Stagnation setzt damit zu einem Zeitpunkt ein, indem die Industrieproduktion immer noch um minus 6,8 % unter dem Vorjahr liegt und in vielen europäischen Staaten ein zweiter Shutdown vor der Tür steht.

Unter den Kernländern ist es diesmal Italien, dessen Industrieproduktion nach einem deutlichen Zuwachs von 7,7 % im August um 5,6 % einsackte. Damit liegt die Produktion im Stiefel, die es im August kurzeitig über den Index schaffte, wieder darunter und unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020.

An der insgesamt schlechten konjunkturellen Lage ändern auch die leichten Zuwächse in Frankreich nichts. Dort stieg die Industrieproduktion um 1,5 % und damit sogar etwas stärker als im Vormonat.

Damit bestätigt sich das Bild einer ››wurzelförmigen‹‹ konjunkturellen Entwicklung: Nach dem dramatischen Einbruch im April und Mai, folgte eine rasante Erholung, die dann in die zweite Phase einer sehr langsamen Normalisierung übergeht und jetzt sogar weiter verzögert werden könnte. Mit anderen Worten: Im dritten Quartal gab es trotz einer deutlich beruhigten Corona-Lage keinen Fortschritt mehr. Eine Rückkehr zu dem Niveau vom Februar ist nicht in Sicht. Man muss weiterhin von einer sehr schweren Rezession in der EWU sprechen.

Bauproduktion Europa

Die europäische Bauproduktion bewegt sich weiter unter dem Vorkrisenniveau vom Februar 2020. Laut ersten Schätzungen von Eurostat sank sie im September im Euroraum um 2,9 %. Gegenüber September 2019 ging die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um minus 2,7% zurück.

Das gilt auch für Frankreich, eines der Länder, in dem die Bauwirtschaft im August noch einen der stärksten Zuwächse unter den Mitgliedstaaten verzeichnen (7,6 %) und das Niveau des Vorjahresmonats August 2019 erreichen konnte. Hier brach die Produktion im September wieder regelrecht ein: minus 8,4%.

Einzelhandel: der Lockdown-Light wirft seinen Schatten

Der Einzelhandel ist der einzige Bereich, der sich von den Folgen des ersten Lockdowns bereits gänzlich erholen konnte und im August einen neuen Spitzenwert erreichte. Doch auch hier ebbt die Konjunktur ab. Im September musste der Einzelhandel wieder Einbußen hinnehmen. Hier machen sich mehr als in anderen Absatzstufen die Vorboten neuer Einschränkungen bemerkbar, die den Einzelhandel immer besonders hart und unmittelbar treffen. Entsprechend sank das saisonbereinigte Absatzvolumen gegenüber August laut Schätzungen von Eurostat im Euroraum um 2 %. Noch liegt der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex aber über dem Vorkrisenniveau.

Am stärksten betroffen war die Textil- und Bekleidungsbranche (minus 7,6 %). Aber auch der Versand- und Interneteinzelhandel, der im August noch mehr als alle anderen Sparten um 12,4 % zulegen konnte, verlor im September deutliche 5,5 %.

Frankreich, im August Einzelhandelsweltmeister, musste im September einen Rückgang im Absatzvolumen von minus 4,5 % hinnehmen. Auch Deutschlands Absatzvolumen, das im August einen neuen Höchstwert seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht hatte, geht um minus 2,2 % zurück. Der abgehängte italienische Einzelhandel nähert sich mit einem Rückgang von 0,3 % wieder dem Index an.

Preise nach wie vor niedrig

Der Deflationsdruck in der Eurozone hat im vorerst um wenige Bar abgenommen. So stiegen die Erzeugerpreise in der Industrie im Euroraum wie schon im August auch im September erneut leicht an, diesmal um 0,3 %, liegen aber weiter jenseits der Zielinflationsrate der EZB. Das zeigt sich im Jahresvergleich: Die Veränderungsrate der Erzeugerpreise gegenüber September 2019 liegt immer noch bei minus 2,4 %. Ohne den Energiesektor sind Erzeugerpreise in der Industrie im September unverändert. Keine Veränderungen dagegen bei den Verbraucherpreisen, der Index lag sowohl im September als auch im Oktober bei minus 0,3 %.

Die Inflationsrate in Deutschland lag laut Statistischem Bundesamt (Destatis) im Oktober 2020 bei -0,2 %. Damit war sie zum dritten Mal in diesem Jahr leicht negativ (Juli 2020: -0,1 %, September: -0,2 %). Eine niedrigere Rate wurde zuletzt im Januar 2015 mit -0,3 % beobachtet. Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vormonat September 2020 leicht um 0,1 %.

Als Grund für die negative Inflationsrate wird die temporäre Senkung der Mehrwertsteuersätze angegeben, die als eine Maßnahme des Konjunkturpakets der Bundesregierung zum 1. Juli 2020 umgesetzt wurde. Allerdings dürfte auch der coronabedingte Druck auf die Löhne in Form des Kurzarbeitergeldes eine Rolle für den kaum abnehmenden Deflationsdruck in Deutschland spielen.

Völlig offen ist die Frage, wie Deutschland nach dem Ende der Corona-Rezession wieder auf einen Wachstumspfad kommen soll. Die Wirtschaftsinstitute und der Sachverständigenrat gehen davon aus, dass sich die deutsche Wirtschaft nach dem Ende des Corona-Schocks wieder fangen und weiter wachsen werde. Dass es schon seit der Jahreswende 2017/2018 eine rezessive Entwicklung gab, wird dabei ebenso wenig problematisiert wie die Tatsache, dass die Entwicklung der Arbeitseinkommen durch den Corona-Schock einen massiven Dämpfer bekommen hat und sich auch in den nächsten beiden Jahren nicht erholen wird.

Juli 2020

Die Corona Pandemie hat die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt. Zwar geht es wieder aufwärts, aber der Weg der weiteren Konjunktur bleibt ungewiss. Aktuelle und präzise Informationen über die Konjunkturlage in Deutschland und Europa sind wichtiger denn je. Die Bank für Kirche und Caritas eG hat sich deshalb entschieden, die Konjunkturberichterstattung deutlich auszubauen und legt hier erstmals eine ausführliche Konjunkturberichterstattung vor. Es ist vorgesehen, einen Bericht in dieser Qualität zukünftig im Zwei-Monats-Rhythmus zu liefern.

Der Sturz der deutschen Konjunktur ist beendet. Auftragseingänge und Produktion erholen sich im Mai allerdings nicht wie erhofft. Ebenso zieht die europäische Produktion wieder an, doch Sorgen bleiben – auch auf dem Arbeitsmarkt.

Noch wirken sich die Corona-Einschränkungen relativ geringfügig auf die Arbeitslosigkeit aus. Zumindest laut offizieller Zahlen. Von 7,3 % im April auf 7,4 % im Mai ist die Arbeitslosigkeit im Euroraum gestiegen, was einem Zuwachs von 253.000 arbeitslosen Personen entspricht. Das ist der zweite leichte Anstieg in Folge. Insgesamt haben seit Beginn der Corona-Krise knapp eine halbe Millionen Menschen ihren Job verloren.

Abzuwarten bleibt, inwieweit die Arbeitslosenzahlen den Wirtschaftseinbruch aufgrund staatlicher Hilfsmaßnahmen und Kurzarbeitergeld verzögert abbilden – und ob es im Juni trotz der Lockerungen erneut zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kommt.

In Frankreich ist die Arbeitslosigkeit laut Eurostat sogar von 8,7 % im April auf nun 8,1 % im April gesunken. Dieser Rückgang ist aber kaum auf eine Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen. Die französische Statistikbehörde Insee machte deutlich, dass die sinkende Arbeitslosigkeit mit einem Rückgang der Zahl der Arbeitssuchenden während der Ausgangsbeschränkungen in der Corona-Krise zu erklären sei. Demnach hätten sich viele Personen in der Phase der Ausgangssperren beispielsweise um die Betreuung ihrer Kinder gekümmert.

Da Frankreich hier kein Einzelfall sein dürfte, wird deutlich, wie sehr die Zahlen auch für den Euroraum mit Vorsicht zu genießen sind. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher sein.

Widersprüchlich sind auch die Daten aus Italien. Laut Eurostat soll es im April inmitten des harten Lockdowns einen Rückgang von 8,2 auf 6,6 % gegeben haben. Die Gründe dürften ähnliche sein wie in Frankreich. Im Mai und im Zuge der Lockerungen stiegen die offiziellen Arbeitslosenzahlen nun wieder auf 7,8 % an. Die Ratingagentur Fitch hingegen schätzt, dass die Arbeitslosenquote in Italien in diesem Jahr noch auf 12,1 % ansteigt und bis Ende 2021 nur geringfügig auf 11,8 % sinken wird.

In Deutschland stieg die Arbeitslosigkeit im sechsten Monat in Folge leicht an. Jetzt von 3,8 % im April auf 3,9 % im Mai. Zuletzt gab es diesen Wert 2017. Doch vielen Branchen stehen die größten Härten erst noch bevor. Allein in der deutschen Autoindustrie sieht die IG Metall 300.000 Arbeitsplätze in Gefahr.

Verarbeitendes Gewerbe erholt sich, doch die Lage bleibt angespannt

Denn die Corona-Einschränkungen haben die deutsche Wirtschaft hart getroffen. Nach gewaltigen Auftragseinbrüchen im Verarbeitenden Gewerbe im März und April setzte im Mai wieder eine Erholung ein. Saisonbereinigt sind die Auftragseingänge im Mai laut Statistischem Bundesamt um 10,4 % gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat Mai 2019 ist das aber immer noch ein kalenderbereinigter Rückgang um -29,3 %. Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie, ist der Auftragseingang im Mai 2020 um -30,8 % zurückgegangen.

Im Vergleich zum Vormonat stiegen die Aufträge aus dem Inland im Mai 2020 um 12,3 %, die Auslandsaufträge erhöhten sich um 8,8 %. Dabei nahmen die Auftragseingänge aus der Eurozone um 20,9 % zu. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen um 2,0 % gegenüber April 2020.

Der Anstieg der Auftragseingänge ist vor allem der Eurozone zu verdanken (20,9 %). Im Vormonat April waren sie noch um -26,1% eingebrochen. Die Auftragseingänge aus dem restlichen Ausland stiegen hingegen nur um 2,0 %, gegenüber einem Einbruch von 24,3 % im April.

Für die deutsche Exportwirtschaft bleibt die Lage damit weiter besonders angespannt, mit gravierenden Folgen: Inzwischen kündigen 56 Prozent der exportierenden Unternehmen an, dass sie weniger investieren wollen als geplant. Im April lag dieser Wert noch bei 35 Prozent.

Deutsche Autoindustrie noch unter dem Niveau der Finanzkrise

Auch in den meisten deutschen Industriesektoren, für die es im April steil ins Nichts ging, beginnt vorerst der Aufstieg aus der Talsohle.

Die Auftragseingänge bei der schwer gebeutelten Kraftwagenindustrie stiegen wieder um 16,6 % im Vergleich zum Vormonat. Das ist allerdings immer noch ein Rückgang von -47,4 % im Vergleich zum Vor-Corona-Monat Februar und deutlich unter dem Tiefpunkt der Finanzkrise 2009. Der Maschinenbau, für den es schon vor Corona nicht zum Besten bestellt war, verzeichnete im Mai einen Auftragszuwachs von 8,5 % gegenüber April.

Keine Erholung gab es hingegen für die Auftragslage der Chemie und Pharma-Branche (-2,1%) und die Datenverarbeitung (-1,3 %).

„Das V-Szenario ist vom Tisch“

Licht am Horizont auch für die Produktion, wenn auch getrübt. Die reale (preisbereinigte) Produktion im produzierenden Gewerbe war nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) im Mai 2020 saison- und kalenderbereinigt wieder um 7,8 % höher als im April 2020. Analysten hatten jedoch mit einem stärkeren Zuwachs um durchschnittlich 11,1 Prozent gerechnet. „Das V-Szenario in der Konjunkturerholung ist vom Tisch“, sagt etwa DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier.

Im Vergleich zu Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Corona-Einschränkungen, ist die Produktion im Mai 2020 saison- und kalenderbereinigt um -19 % zurückgegangen.

Die Industrieproduktion (produzierendes Gewerbe ohne Energie und Baugewerbe) konnte im Mai um 10,3 % anziehen, auch sie liegt jedoch noch -21,9 % unter dem Niveau vom Februar 2020. Vor allem die Produktion von Investitionsgütern stieg mit 27,6 % stark an.

Trotz der Erholung bei produzierendem Gewerbe und Industrie im Mai ist das Ausmaß des Einbruchs der Wirtschafts- und Finanzkrise immer noch weit untertroffen.

Die Bauwirtschaft wurde von der Krise kaum getroffen. Einem leichten Rückgang von nur -4,9 % im April folgte im Mai ein leichter Anstieg der Bauproduktion von 0,5 %. Im Vergleich zum EWU-Durchschnitt befindet sich die deutsche Bauproduktion auf hohem Niveau.

Industrieproduktion in Europa

Auch im Euroraum insgesamt konnte sich die Industrieproduktion – die im März und April um ganze -27 % eingebrochen war – wieder etwas erholen. Genaue Daten für den Euroraum (EWU19) insgesamt stehen noch aus. Doch die Kernländer um Italien und Frankreich legten laut Eurostat wieder deutlich mit 25 % beziehungsweise 13,5 % zu.

Laut der italienischen Statistikbehörde (ISTAT) soll es sogar einen Anstieg um 42 % gegeben haben. Italien war in den Vormonaten mit Abstand der größte Verlierer der Corona-Krise. Stimmen die Zahlen von ISTAT, dann hat die italienische Industrie, die zwischen Februar und April die Hälfte ihres Produktionsvolumens verloren hatte, als einziges Land fast wieder das Niveau des Vorkrisenmonats Februar erreicht (in der Abbildung nicht berücksichtigt).

Wann und ob das industrielle Produktionsvolumen, das seit 2007 in der Eurozone einen strukturellen Niedergang erfährt, überhaupt das Niveau der Vor-Corona-Zeit geschweige denn das von 2007 erreichen kann, bleibt auch für die Eurozone insgesamt offen. Die Industrieproduktion liegt trotz Erholung immer noch unter dem Niveau von April 2009, dem Tiefpunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007-11.

Bauproduktion Europa

Laut Schätzungen von Eurostat zog die saisonbereinigte Produktion im Baugewerbe gegenüber April im Euroraum um kräftige 27,9% an. Im Vormonat war die Produktion im Baugewerbe im Euroraum um -18,3% gesunken. Die Produktion im Euroraum liegt damit um -11,9% unter dem Niveau von Mai 2019.

Die französische Bauwirtschaft, die von der Pandemie besonders hart getroffen wurde (fast nur noch ein Drittel des Produktionsvolumens von 2009), verzeichnete von den Kernländern den deutlichsten Anstieg im Mai: +118,3%.

In Südeuropa, das sich seit Jahren ohne nennenswerte Dynamik am Index entlang hangelt, traf es Italien im April mit ähnlicher Wucht wie Frankreich: -53,3% im Vergleich zum Vormonat März. Im Mai verzeichnete Italien dafür den größten Anstieg der Bauproduktion um 168 % gegenüber April.

Einzelhandel: Deutschland wieder obenauf

Ähnlich schlimm wie Industrie- und Bauproduktion hatte die Corona-Krise im März und April wenig überraschend den Einzelhandel in Mitleidenschaft gezogen. Doch auch hier setzte nach umfangreichen Lockerungen der COVID-19-Eindämmungsmaßnahmen wieder eine Erholung ein. Das saisonbereinigte Absatzvolumen des Einzelhandels stieg gegenüber April 2020 im Euroraum um 17,8%.

Träger des Anstiegs waren vor allem die Textilbranche (147 %) und im Zuge des wieder zunehmenden Verkehrs die Motorenkraftstoffe (38,4 %). Aber auch hier gilt, dass das Vorkrisenniveau noch lange nicht erreicht ist. Gegenüber Mai 2019 sank der kalenderbereinigte Einzelhandelsindex im Mai 2020 im Euroraum um 5,1%.

Mit Ausnahme Deutschlands, dessen Absatzvolumen im Mai um 12,7 % zulegte und damit nicht nur um 6,8 % über dem Vorjahresniveau liegt, sondern auch den höchsten Index seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht. Zumindest für den deutschen Einzelhandel gilt vorerst – die Corona-Krise ist vorbei.

Davon kann in anderen EWU-Ländern keine Rede sein. Auch wenn Frankreichs Einzelhandel im Mai mit 25,6 % stark anzog, liegt das Volumen noch bei -14 % im Vergleich zum Vorkrisenmonat Februar.

Ähnliches gilt für Italien. Nachdem dort das Einzelhandelsvolumen im März und April um über ein Drittel einbrach, gab es auch hier im Mai zwar einen kräftigen Anstieg um 25,4 %, doch insgesamt befindet sich der italienische Einzelhandel nach wie vor in einer handfesten Krise: -15,1 % zum Vorkrisenmonat Februar und -13,4 % zum Vorjahresmonat.

Inflation – jenseits der Zielrate

Trotz staatlicher Schuldenaufnahme und EZB-Bazooka erhöhte der Shutdown den Deflationsdruck in der Eurozone gewaltig. Von einer „Inflationsrate“ kann, was die Erzeugerpreise betrifft, schon lange keine Rede mehr sein. Auch im Mai rauschten die Erzeugerpreise weiter in den Keller. Sie sanken diesmal um -0,6 % im Vergleich zum Vormonat. Das entspricht einer Deflationsrate von nunmehr -5,1 %. Maßgeblich dafür ist wieder der Rückgang der Erzeugerpreise im Energiesektor um -1,4%.

Leicht angestiegen sind die Verbraucherpreise – sie liegen aber mit 0,3 % immer noch weit jenseits der Zielinflationsrate der EZB.