Stellungnahme der Bank für Kirche und Caritas zum foodwatch Report 2011 "Die Hungermacher - Wie Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren".
Investitionen in Agrarrohstoffe sind ethisch nicht zu verantworten
Seit vielen Jahren stuft die Bank für Kirche und Caritas Investitionen in Agrarrohstoffe als nicht nachhaltige Geldanlagen ein. Hintergrund dieser Einschätzung ist die Überzeugung, dass Finanzprodukte, deren Renditen an den Anstieg von Agrarrohstoffen gekoppelt sind, selbst Preissteigerungen für Lebensmittel verursachen und damit für den Hunger in der Welt mitverantwortlich sind.
Viele Jahre wurde bestritten, dass die Aktivitäten von Finanzinvestoren Einfluss auf die Lebensmittelpreise haben. Diese einseitige, vorrangig neoliberale Sicht stets effizienter Märkte wurde in den letzten Jahren zunehmend in Frage gestellt. Inzwischen gibt es zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die den Einfluss von Finanzinvestoren bestätigen. Im Oktober 2011 hat z. B. foodwatch eine umfassende Analyse der Märkte für Agrarrohstoffe vorgelegt. Der Report „Die Hungermacher“ argumentiert seriös und setzt sich auf wissenschaftlichem Niveau intensiv mit den Argumenten der Regulierungsgegner auseinander. Diese sehen einen Zusammenhang zwischen dem Handel der Finanzinvestoren und den Preisbewegungen.
Welche Spekulation ist schädlich?
Auf den Märkten für Agrarrohstoffe gibt es die Besonderheit, dass Spekulanten auf diesen Märkten nicht pauschal als „die Bösen“ abgetan werden können. Produzenten von Rohstoffen haben ein Interesse daran, sich schon heute die Preise für ihre zukünftigen Verkäufe zu sichern. Genauso brauchen bestimmte Nachfrager Sicherheit über ihre zukünftigen Beschaffungskosten. Warentermingeschäfte zur Absicherung des Preisrisikos für Produzenten und Abnehmer sind deshalb volkswirtschaftlich sinnvoll und unverzichtbar.
Die Unternehmen der Finanzbranche, die an den Rohstoffbörsen den Produzenten und Abnehmern als Kontraktpartner für Warentermingeschäfte zur Verfügung stehen, erfüllen deshalb wichtige und sinnvolle Funktionen. Bei geschicktem Vorgehen können diese Händler hohe Gewinne erzielen. Erträge aus diesen Spekulationen haben die Funktion von Versicherungsprämien und sind ethisch nicht zu beanstanden.
Finanzinvestoren verzerren die Preise
Vorgenannte Aktivitäten sind nicht problematisch. Es ist das Vorgehen der Kapitalanleger und Finanzinvestoren, die von dem steigenden Preistrend bei Agrarrohstoffen profitieren wollen. Bis vor wenigen Jahren spielten Investitionen in Rohstoffe am Kapitalmarkt eine untergeordnete Rolle. Seitdem die Preise an den Rohstoffmärkten deutlich steigen und Investoren ihre Risiken diversifizieren wollen, gewinnen Investments in Rohstoffen zunehmend an Attraktivität.
Dabei kaufen Finanzinvestoren nicht direkt Rohstoffe, sondern investieren indirekt über Warenterminkontrakte. Diese Marktteilnehmer sind zunächst nur auf der Käuferseite. Dadurch erhöht sich die Nachfrage nach Rohstoffen mit der Folge steigender Preise. Durch die Transaktionen der Finanzinvestoren steigen die Rohstoffpreise stärker, als es sich aus realem Angebot und realer Nachfrage ergäbe. Diese Marktentwicklung konnte insbesondere von Mitte 2007 bis Herbst 2008 beobachtet werden. Der starke Anstieg der Nahrungsmittelpreise hat damals zu mehr Hunger in vielen Regionen der Welt geführt. Die gleiche Entwicklung kann auch in diesem Jahr einsetzen, wenn sich der jetzige Preistrend fortsetzt.
Anleger: Hände weg von Nahrungsmittelrohstoffen
Aus diesen Zusammenhängen dürfte für alle ethisch sensibilisierte Anleger klar sein: Hände weg von allen Investments, bei denen auf die Preissteigerung von Agrarrohstoffen gesetzt wird. Wer so investiert riskiert, für Hungersnöte mitverantwortlich zu sein.
Nach einer Forsa-Umfrage haben sich 77 Prozent aller Befragten für eine strengere Regulierung der Spekulation mit Agrarrohstoffen ausgesprochen.
Wer sich mit diesem Thema intensiver beschäftigen möchte, kann den Report unten direkt downloaden.
Dr. Richard Böger
Vorstandsvorsitzender
der Bank für Kirche und Caritas eG
Paderborn, 17.11.2011